Hietzing: Snobistisch, aber nur ein bisschen

Grätzelserie: Einst wohnte man in Hietzing, um dem Kaiser nahe zu sein. Heute schätzt man die ruhige und gepflegte Wohnumgebung mit viel Grün.

Klassische Cottage-Gegend in Hietzing.
Klassische Cottage-Gegend in Hietzing.
Klassische Cottage-Gegend in Hietzing. – (c) Wolfgang Pozsogar

Wohnen in Hietzing – das hat offensichtlich etwas. Die meisten Bewohner des 13. Bezirks sind stolz auf ihre Wohngegend: „Alle hier fühlen sich als Hietzinger, selbst die neu zugezogenen“, erzählt Bezirksvorsteher Heinz Gerstbach zufrieden. Die Lage am Rand des Wienerwalds, viel Grün, eine ruhige und in den meisten Bereichen gepflegte Umgebung machen Hietzing attraktiv. Dieses gehobene Wohngefühl hat historische Wurzeln: Um dem Herrscher nahe zu sein, ließen hohe Beamte und Adelige ihre Häuser bevorzugt westlich der Habsburgerresidenz Schönbrunn bauen. Viele der prunkvollen Villen von damals stehen heute noch und sie bestimmten das Klischee Hietzings mit: ehrwürdige Häuser, Alleebäume in den kleinen Straßen – hier wohnt das bürgerliche Wien.
Erfolgreiche Rechtsanwälte, Ärzte, Unternehmer und mitunter finden sich sogar Familien, die schon seit der Kaiserzeit in diesen Villen leben. Das spricht sich herum. Bei wohlhabenden Menschen aus Russland, der Ukraine oder Kasachstan haben die noblen Bezirke Wiens einen guten Ruf. Eine Villa in dieser Gegend gilt als gute Geldanlage.

Russische Neo-Hietzinger

Dieses Interesse merkt man an manchen abgehobenen Immobilienangeboten. Für nicht wirklich erstklassige Villen werden in der Hoffnung auf einen betuchten russischen Käufer drei, vier oder fünf Millionen Euro verlangt: „Immer öfter bleiben Anbieter allerdings auf solchen überteuerten Objekten sitzen“, sagt Igor Laba, für Hietzing zuständiger Makler bei Raiffeisen Immobilien. Der geborene Ukrainer spricht perfekt Russisch und betreut wohlhabende Kunden aus dem Osten. „Die Preise für Immobilien in Hietzing sind in den letzten fünf Jahren enorm gestiegen. Aber selbst vermögende Russen sind heute nicht mehr bereit, völlig überzogene Preise zu zahlen“, sagt er.

Es geht aber auch anders: So findet sich im Portfolio von Laba eine Neubauvilla in Hietzing mit 170 Quadratmetern Wohnfläche um für diese Gegend durchaus wohlfeile 1,1 Millionen Euro. Allerdings kann auch dieser Preis noch etwas steigen: Der Makler rechnet mit großer Nachfrage und mehreren Kaufwilligen. In solchen Fällen versuchen Interessenten mitunter, durch ein besseres Angebot zum Zug zu kommen, so Laba. Bei Wohnungen bewegen sich die Preise ebenfalls auf gehobenem Niveau. In der Stranzenberggasse etwa werden derzeit in einem Park gelegene denkmalgeschützte Gebäude in Appartementhäuser umgewandelt. Eigentumswohnungen kosten hier je nach Lage und Ausstattung zwischen 4000 und 7000 Euro.  Leistbare Wohnungen für junge Familien sind in Hietzing allerdings Rarität. Sie stehen daher auf der Wunschliste von Bezirksvorsteher Heinz Gerstbach ganz oben. Hoffnung auf ein größeres Wohnbauvorhaben gibt es nach Fertigstellung des Lainzertunnels etwa im Bereich der Preyergasse. Hier stünde ein relativ großes Grundstück zur Verfügung. Allerdings will die ÖBB auf diesem Areal einen Bahnhofsneubau errichten und solange diese Planungen nicht abgeschlossen sind, muss das Wohnprojekt warten. Der Bezirksvorsteher hofft, dass sich ÖBB und Stadt Wien bald einigen werden. Ein noch größeres Wohnbauprojekt ergibt sich ab 2015 auf dem Areal des derzeitigen Geriatriezentrums Wienerwald.
Derzeit läuft das Widmungsverfahren, und es steht zumindest zur Diskussion, dass dort teilweise geförderte Wohnungen geschaffen werden. Ob gefördert oder frei finanziert – die Wohnungen werden jedenfalls begehrt sein, denn das am Rand des Villenviertels gelegene Areal bietet Hietzinger Lebensqualität. Die Zahnarztfamilie Sas wohnt wenige Minuten von diesem Stadtentwicklungsgebiet entfernt in einer schmucken Villa, und Katrin Sas kommt ins Schwärmen, wenn sie davon erzählt: „Vom Roten Berg über den Hörndlwald bis zum Maurer Wald gibt es viel Grün. Das ist einfach herrlich.“

Kommt bald die Schnellbahn?

Der Bezirk hat aber auch eine Schwachstelle: die öffentliche Verkehrsanbindung. Das liegt unter anderem an der nicht allzu dichten Besiedelung. Zumindest eine partielle Verbesserung könnte der Ausbau der Schnellbahn bringen: „Wir führen seit Langem Verhandlungen, damit die Verbindungsbahn zu einer echten Schnellbahn ausgebaut wird“, erzählt der Bezirksvorsteher. Bislang konnten sich Stadt und ÖBB allerdings nicht über die Aufteilung der Kosten einigen. Auch eine Verlängerung der U4 bis an die Stadtgrenze Auhof ist ein Wunsch des Bezirksvorstehers. „Dort könnten die Pendler umsteigen“, sagt er. Derzeit parken viele in der Umgebung der U4-Stationen, was wiederum die Anrainer nicht freut. Ein Parkpickerl wurde aber im Bezirk mit großer Mehrheit abgelehnt.

Abgesehen von den Gebieten um die U-Bahn-Stationen und in der Umgebung der Einkaufsmeile Hietzinger Hauptstraße bestehen im Bezirk allerdings keine Parkplatzprobleme. Schlimmstenfalls muss vorm Nachbarhaus geparkt werden, wenn vor dem eigenen Haus nichts frei ist. Andere Probleme, über die manche Bewohner in den inneren Bezirken klagen, kennt man in Hietzing ebenfalls nicht. Der Bezirk hat neben Liesing den niedrigsten Ausländeranteil.

Nur Geld braucht es, um hier zu wohnen. Oder zumindest den Anspruch auf eine Gemeindewohnung: „Wir haben etliche Gemeindebauten im Bezirk“, berichtet Heinz Gerstbach, um den Eindruck vom Nobelbezirk etwas zu mildern. In den Gemeindebauten hat man auch weniger Probleme mit der Verkehrsinfrastruktur: Die meisten liegen an der Speisinger Straße, die von der Straßenbahnlinie 60 gut erschlossen wird.

Ganz so nobel wie in den Villengegenden geht es dort zwar nicht zu. Aber dessen ungeachtet fühlen sich auch die Menschen im Gemeindebau als „echte Hietzinger“, sagt der Bezirksvorsteher.

Buchtipp

Wien-Hietzing ist ein Bildband, in dem Felix Steinwandtner, Leiter des Bezirksmuseums, das Alltagsleben Hietzings von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Jahre 1980 dokumentiert. Erschienen im Sutton Verlag, 18,90 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2013)

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