Das Ende von Wiens letztem Geisterhaus

Im alten Post- und Telegrafenamt am Börseplatz 1 sollen bald noble Wohnungen entstehen. Noch ist es schaurige Theaterkulisse. Und der letzte verfallene Prachtbau der Innenstadt.

Post- und Telegrafenamt
Post- und Telegrafenamt
Post- und Telegrafenamt – Clemens Fabry

Allein möchte man hier nicht sein. Allein mit dem tief von der Decke hängenden Greifvogel, mit den schweren Vorhängen, den unzähligen abgebrannten Kerzen. Oder den eisernen Krankenhausbetten. Den ausgestopften Puppen, mit dem metallenen Gynäkologenstuhl. Schon, wenn draußen schönster Frühsommer ist, bleibt es hinter den Mauern am Börseplatz 1 düster. Tritt man ein, stockt kurz der Atem. Vor Staunen und ein bisschen auch vor Schauer. Ein Geisterhaus, mitten in der Stadt, das sich hinter den heruntergekommenen Mauern des Post- und Telegrafenamtes verbirgt.

Aber nicht mehr lang. Ende 2011 hat die Grazer Immobilienfirma Immovate das Haus gemeinsam mit Buhl Immobilien – jeweils zur Hälfte – gekauft. Nun sollen darin hochwertige Wohnungen entstehen, sagt Christian Almesberger von Immovate, der Projektleiter am Börseplatz 1. Derzeit befindet sich das Projekt in der Entwicklung. Architekturconsult und das Architekturbüro Wehdorn planen das Projekt: Konkret sind das 39 Tops, im Hochparterre sollen Büroräume entstehen. Almesberger spricht von „hochwertigem Wohnen“.


Ein Loft auf 500 Quadratmetern. Hochwertig, das sieht am Börseplatz 1 so aus: Ein Prunksaal, 500 Quadratmeter groß (mit der Möglichkeit, eine Zwischendecke einzuziehen), im obersten Geschoß soll zu einem Loft werden. Der Saal, in dem noch die große Tafel aus Paulus Mankers Theaterinszenierung „Alma“ steht, mit Blick auf den Hermann-Gmeiner-Park, wird wohl eines der Prachtstücke sein. Schließlich sollen die Wohnungen zwischen 80 und 500 Quadratmeter groß sein. Von Luxus will man nicht sprechen.

In Summe sollen 9400 Quadratmeter Nutzfläche entstehen. Die Genehmigungen für den Umbau sollen bis Ende des Jahres ausgestellt sein, so Almesberger. Mit dem Denkmalschutz seien die Pläne bereits abgestimmt. Dann kann der Bau Anfang 2014 beginnen, im Herbst 2015 könnten die Wohnungen fertig sein. Dazu sollen im Tiefgeschoß Garagen entstehen. Dort, wo heute Wagners Musik durch die finsteren Kellergewölbe auf mehreren Etagen dröhnt. Der Theatermacher Manker ist – neben anderen Kunstprojekten – einer der Zwischennutzer des Palais. Einige Jahre hat er in den oberen Sälen seine „Alma“ aufgeführt. Aktuell arbeitet er – beim Rundgang taucht er im dunklen Kellergewölbe auf – ebendort an Wagner-Spielen. „Eine Reise in die Unterwelt und in Richard Wagners Kopf“ soll es sein. Und dort muss es düster zugegangen sein. Feuer lodert in Verließen, Gliedmaßen von Puppen hängen herunter. Betäubender Lärm simuliert Geräusche von Maschinen und Turbinen.

Wagner-Spiele in der Grotte. 40 finstere Räume, gleich einer Grotte, werden ab 18. Juli Schauplatz des Stücks „Wagnerdämmerung“ sein. Zugleich kommt die Ausstellung „Wagner sehen“ ins Palais. In brennenden Buchstaben steht schon jetzt „WA ER“ an der Kellermauer. Aber, es ist die wohl letzte Saison für Produktionen dieser Art, bevor die Bauarbeiter kommen. Gehen die Pläne von Immovate auf, werden anstelle der schaurigen Gewölbe in wenigen Jahren 60 Autos in neuen Tiefgaragen stehen. Jahrelang hat niemand die Gewölbe genutzt. Wie den Großteil des Palais. 1996 hat es die Post als Bürositz aufgegeben, einzelne Räume zeugen noch vom jahrzehntelangen Sitz der Post- und Telegrafenverwaltung. Seither gab es viele Pläne. Und fast ebenso viele sind gescheitert.


Viele Pläne, viel gescheitert. So hat etwa Wlaschek-Schwiegersohn Thomas Hönigsberger das Gebäude gekauft und wollte daraus ein Hotel machen. Das scheiterte am Denkmalschutz. Also wurde das Palais 2006 an eine Privatstiftung verkauft, hinter der unter anderem der kroatische Ex-General Vladimir Zagorec steht. Dieser sitzt seit 2009 in Kroatien wegen Amtsmissbrauchs in Haft. Diese Eigentümer hatten ebenfalls ein Hotel geplant, doch nichts geschah.

Wegen finanzieller Probleme wurde das Gebäude schließlich an die Hypo-Alpe-Adria-Bank verpfändet, die das Telegrafenamt – und eine Immobilie auf der Hohen Warte – Ende 2011 schließlich an Immovate und Buhl verkauft hat. Immovate ist das Unternehmen des Grazers Martin Kurschel, dem eine Vorliebe für historische, denkmalgeschützte Bausubstanz nachgesagt wird. Ebenso wie große Ambitionen. Und so dürfte das Palais als letztes Geisterhaus der Innenstadt, als letzter großer Repräsentativbau, der noch nicht renoviert und als Luxushotel, als Wohn-, Business- oder Shopping-Immobilie wiederbelebt wurde, bald Geschichte sein.

Und mit ihm die schaurige Kulisse hinter den alten Mauern. Aber noch bleiben die Künstler. „Es ist gut, dass Immobilien wie diese zwischengenutzt werden. Das schützt sie auch, es bringt Leben“, sagt Almesberger. Und ihm bringt es manchmal Erklärungsbedarf.


Kulisse als Show für Interessenten. Wenn er mögliche Käufer der Wohnungen (davon gebe es schon jetzt, lang bevor diese offiziell auf dem Markt sind, genug) durch die Gemäuer führt. Und diese sich wundern, in den monumentalen, sieben Meter hohen Sälen die gedeckte Tafel oder den alten Spitalssaal zu finden. Alles nur Kulisse der Theaterleute, muss er sie dann enttäuschen. Oder beruhigen.

Historie

1870

bis 1873 als Telegrafen-Zentralstation nach Plänen von Eugen Fassbender erbaut, wurde das Palais als Bürohaus genutzt. 1902 bis 1905 wurde der Bau erweitert, 1964 ein Funkturm aufgesetzt.

1996

beendet die Post die Nutzung als Bürogebäude. Thomas Hönigsberger kauft das Gebäude, scheitert aber mit dem Plan eines Hotels. 2006 kauft eine Stiftung, hinter der u. a. Ex-General Vladimir Zagorec steht, das Palais.

2011

wurde es zu je 50 Prozent von Immovate und Buhl Immobilien gekauft. Nun sind 39 Wohnungen geplant.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2013)

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