Die schönsten Geisterhäuser Wiens

Sie sind mehrere tausend Quadratmeter groß, liegen im Herzen von Wien und stehen doch seit Jahren leer. Bekannte Gebäude wie der ehemalige Jugendgerichtshof. Warum werden sie nicht genutzt?

schoensten Geisterhaeuser Wiens
schoensten Geisterhaeuser Wiens
Das alte Handelsgericht Riemergasse – (c) Die Presse (Clemens FABRY)

Die Salzburger Grünen haben vergangene Woche mit einem Vorstoß für Ärger gesorgt. Man könnte doch eine Steuer auf leer stehende Wohnungen einheben, lautete die Forderung des grünen Landesrats Heinrich Schellhorn. So sollen Eigentümer dazu bewogen werden, ihre leer stehenden Wohnungen zu vermieten. Juristen haben den Vorschlag freilich schon für „verfassungswidrig“ befunden. Dennoch streift er ein bekanntes Thema. In den Ballungsräumen – allen voran in Wien – wird der Wohnraum knapp und damit teurer.

Dem gegenüber stehen oft riesige Immobilien in den Stadtzentren, die jahrelang leer stehen. Ariel Muzicant, bis 2012 Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde und bekannter Immobilientwickler in Österreich, findet das nicht einmal seltsam. „Es dauert oft Jahre, bis man eine Baugenehmigung erhält“, sagt Muzicant. Besonders, wenn ein Gebäude teilweise unter Denkmalschutz steht. „Da wird jede Schraube, jede Wand, jede Farbzusammensetzung geprüft.“ Auch die Vertragsverhandlungen auf dem Weg zur Nachnutzung gestalten sich als schwierig. „Da gibt es Managerverträge, die sind 250 Seiten dick. Alles dauert seine Zeit.“ Doch auch, wenn die Baugenehmigung einmal erteilt ist, sind Verzögerungen programmiert. Etwa durch kleine Änderungswünsche beim Bau, die erst während der Entwicklung aufkommen und dann wieder von allen Behörden abgesegnet werden müssen. „Wenn Wohnungen und Geschäfte in einem Gebäude sind, dann hat man schnell einmal 100 Änderungswünsche von den einzelnen Nutzern beisammen“, sagt Muzicant.

Und trotzdem steht Österreich im internationalen Vergleich gar nicht so schlecht da. „Im osteuropäischen Raum geht vieles langsamer voran“, sagt Muzicant. Während man im angelsächsischen Raum neue Projekte viel schneller entwickle. Drei bis fünf Jahre schätzt er, dauert ein größeres Immobilienprojekt von der Planung bis zur Umsetzung hierzulande. Das erklärt freilich nicht, warum manche Gebäude in der Stadt (unter ihnen etwa der ehemalige Jugendgerichtshof im dritten Bezirk, siehe Artikel rechts) schon seit zehn Jahren auf ihre Bestimmung warten, ohne dass man weiß, was mit ihnen passiert. „Insgesamt sollte es ein bis zwei Jahre dauern, bis ein neues Konzept steht“, sagt Muzicant. Doch von solchen Zeitspannen können auch die Eigentümer des alten Handelsgerichts (seit 2003 leer) oder des alten APA-Gebäudes (seit acht Jahren leer) nur noch träumen. Sind diese Gebäude für die Wiener ewig unvollendete Projekte? Was wird in Zukunft mit ihnen passieren? „Die Presse“ liefert einen Überblick.

  • Ein Hotel, das einfach nicht aufsperren will

Aus dem alten Handelsgericht soll ein Luxushotel werden. Doch das will und will nicht fertig werden.

Was war das für eine Erleichterung. Damals, 2009. Als es nach jahrelangem Hin- und Her endlich geheißen hat: Aus dem ehemaligen Handelsgericht in der Riemergasse wird tatsächlich ein Fünfsternehotel. Noch dazu ein besonders nobles. Die kanadische Luxushotelkette „Four Seasons“ kündigte an, auf 30.000 Quadratmetern insgesamt 160 Zimmer und Suiten einzurichten. Zwei Jahre später, 2011, sollten die Umbauarbeiten starten. Geplanter Eröffnungstermin damals: 2012.

Doch seither ist es still um das Gebäude im ersten Bezirk geworden, das übrigens genauso wie der Jugendgerichtshof (siehe Artikel rechts) seit zehn Jahren leer steht. Was sich hier als schwierig erweist: Das Haus steht teilweise unter Denkmalschutz, was die Bauarbeiten natürlich erschwert. Trotzdem heißt es in der Branche schon längst: Das Hotel, das kommt nicht mehr.
Walther Staininger, Eigentümervertreter der niederländischen Van-Herk-Gruppe – die aus zwei holländischen und einer zypriotischen Firma besteht –, behauptet freilich etwas anderes. „Das Four Seasons wird kommen, ebenso Wohnungen im Dachgeschoß“, sagt er zur „Presse“. Auch Umbauarbeiten hätte es in der Riemergasse schon gegeben. „Sie finden auch jetzt noch statt, allerdings nicht in dem Ausmaß, in dem wir sie gern hätten.“ Als Grund nennt er Detailfragen mit dem Hotelbetreiber, aber auch Finanzierungsfragen, die noch geklärt werden müssen. „Und da lassen wir uns von niemandem stressen.“ Als möglichen Eröffnungstermin nennt er nun Ende 2015, vielleicht auch Anfang 2016.

  • Ex-Jugendgerichtshof: Schon wieder verkauft?

Seit zehn Jahren steht der Ex-Jugendgerichtshof leer. Nun soll er erneut den Besitzer gewechselt haben.

Das Gebäude in der Rüdengasse 7–9 ist gefühlt schon alles einmal gewesen. Ein Hotel, ein Seniorenheim, ein Bürokomplex. Geworden ist daraus freilich nichts. Der ehemalige Jugendgerichtshof im dritten Bezirk steht auch nach seiner Auflassung 2003 leer. Wie es drinnen aussieht, kann man im Fernsehen sehen. Das alte Gebäude dient den Serien „Soko Donau“ oder dem „Tatort“ manchmal als Drehort. Sonst ist auf der rund 7000 Quadratmeter großen Fläche, die jeweils zur Hälfte aus Gerichtssälen und Gefängnistrakt besteht, seit zehn Jahren nicht viel passiert. Warum, das lässt sich nur erahnen. Erst 2006 hat ihn die Bundesimmobiliengesellschaft für kolportierte 5,7 Millionen Euro an die Immobilienfirma Ceba AG versteigert. Diese wollte daraus ein „Zentrum für Nahversorgung“ machen. Doch dann starb Geschäftsführer Peter Lisowski – und das Projekt geriet ins Stocken.

Nun könnte das Gebäude erneut seinen Besitzer gewechselt haben. „Meiner Information nach wurde die Rüdengasse 7–9 vor einem Monat verkauft“, sagt Rudolf Zabrana (SP), stellvertretender Bezirksvorsteher des Dritten. Wer der Käufer ist, weiß er allerdings selbst nicht. „Das müssen wir noch herausfinden.“ Geht es nach ihm, dann wird der Gefängnistrakt abgerissen, die Gerichtssäle bleiben erhalten. „Betreutes Wohnen für Senioren“ kann er sich darin vorstellen, aber auch den Jugendgerichtshof hätte er gern wieder hier – sollte dieser jemals wieder eingeführt werden.
Die Firma Ceba AG will einen möglichen Verkauf nicht kommentieren. Branchenkenner sprechen davon, dass bis 2013 offiziell gemacht werden soll, was aus dem ehemaligen Jugendgerichtshof wird. Wieder einmal.

  • Zuerst Kirche, dann Postzentrale, jetzt ...?

Mitten im ersten Bezirk steht die alte Postzentrale mit ihren 27.000 Quadratmetern leer. Was wird aus ihr?

Die Geschichte des Gebäudes beginnt irgendwann um 1600. Am Standort der heutigen Postgasse 8–12 stand damals die Kapelle der heiligen Barbara, die später zur griechisch-katholischen Kirche werden sollte. Doch den Wienern ist das sich über drei Blöcke erstreckende Gebäude vermutlich wegen einer anderen Nutzung bekannt. Fast 200 Jahre lang war hier die Postzentrale beheimatet, bis sie 2011 schließlich in die Haidingergasse im dritten Bezirk umzog. Seither steht das rund 27.000 Quadratmeter große Gebäude, bis auf „ein paar Tische“, leer.

„Das Gebäude in der Postgasse war einfach nicht mehr zeitgemäß“, drückt es Post-Sprecher Michael Homola diplomatisch aus. Das heißt, die Post hatte nur drei Besprechungsräume, die Büros waren zu groß oder zu klein, an eine Klimaanlage war nicht zu denken, die Fenster waren „nicht mehr die jüngsten“. Wie es nun allerdings weitergehen wird, ist fraglich. Denn auch nach eineinhalb Jahren gibt es für diese Immobilie noch keinen Plan oder zumindest keinen, den man der Öffentlichkeit mitteilen will. „Es ist alles möglich, von verkaufen bis teilweise vermieten“, sagt Homola. Derzeit befände man sich in Verhandlungen, wann diese abgeschlossen sind, könne er nicht sagen. Warum es so lange dauert? „Weil wir das Beste für die Immobilie wollen“, sagt Homola. Und vermutlich auch, weil kein Zeitdruck herrscht. Die Instandhaltungskosten für das Gebäude seien nämlich gering. Dafür hat die Post an einem anderen Ort eine Entscheidung getroffen. Das ebenfalls seit Jahren (bis auf eine Postfiliale) leer stehende Gebäude in der Rasumofskygasse im dritten Bezirk wird ab 2017 die neue Postzentrale.

  • Im Palais der Gräfin darf wieder gewohnt werden

Das historische Ex-Finanzamt in der Josefstädter Straße wird vermietet: diesmal an Wohnungssuchende.

Als Gräfin Maria Katharina Strozzi im Jahr 1702 ihren neu gebauten Sommersitz in der Josefstädter Straße bezog, hätte sie wohl nicht im Geringsten geahnt, dass das „Palais Strozzi“ genannte Gebäude eine lange Geschichte haben werde: Hohe Militärs und Adelige zählten in den folgenden Jahrzehnten genauso zu den Besitzern wie der Erzbischof von Valencia. Dann wurde das Gebäude zum k. k. Civil-Mädchenpensionat, nach dem Ersten Weltkrieg ein Haus der Invalidenfürsorge, 1940 wurde es ein Finanzamt.
Ende 2012 ging das neue Finanzzentrum in Wien-Mitte in Betrieb – mehrere Ex-Finanzgebäude, die alle der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) gehören, stehen seither leer. So auch das Palais Strozzi. Laut BIG gab es Gespräche mit dem Finanzministerium über eine Wiederanmietung. Dieses zeigte aber kein Interesse. Momentaner Stand: Die BIG will das unter Denkmalschutz stehende Objekt (7800 Quadratmeter) neu vermieten - sowohl für Wohn- und Büronutzung.

Auch andere Finanzämter stehen derzeit leer. Fix ist: In die Liegenschaft in Erdberg wird nach dem Umbau 2014 das neu gegründete Bundesverwaltungsgericht einziehen. Das Finanzamt in der Ullmannstraße (7000 Quadratmeter) ist derzeit öffentlich zum Verkauf ausgeschrieben. Mindestkaufpreis für das Jahrhundertwendehaus: 5,6 Mio Euro. Der Standort in der Kriehubergasse (Margareten) wird zu einer Schule umgebaut. Die Zukunft des Ex-Finanzamts in der Nussdorfer Straße ist derzeit offen. Ursprünglich war eine Hotelnutzung vorgesehen, die Verhandlungen wurden aber abgebrochen. Am Standort Schottenfeldgasse sollen Wohnungen entstehen.

  • Aus dem Pressezentrum wurde ein Geisterhaus

Das Internationale Pressezentrum in Döbling steht seit Jahren leer: Der Bezirk hätte gern ein Studentenheim.

In den Siebziger-, Achtzigerjahren gab es im Bereich der Kreuzung Muthgasse/Gunoldstraße in Wien Döbling ein aus zwei Hochhäusern bestehendes, kleines österreichisches Medienzentrum – und das, obwohl kein direkter Zugang zu einer U-Bahn-Station existierte und es dort nur wenige Parkplätze gab. In dem einen Hochhaus, dem 1963 errichteten Pressehaus, war und ist die „Kronen Zeitung“ untergebracht; in den obersten drei Stockwerken werkten auch die „Presse“-Redakteure bis zum Umzug in den ersten Bezirk im Dezember 1985. Schräg gegenüber, keine hundert Meter Luftlinie entfernt, steht das Internationale Pressezentrum (IPZ). Ein 13-stöckiges Hochhaus, 1970 fertiggestellt, von oben mit einem tollen Blick auf den Donaukanal und Blick auf die Döblinger Hügel auf der anderen Seite. Die Mieter waren zu Beginn internationale Agenturen wie etwa die DPA, die chinesische, die iranische und die irakische Nachrichtenagentur. Auch ausländische Fernseh- und Radiostationen wie ZDF oder die italienische RAI hatten hier ein Büro. Wirklich international. Auch eine Bankfiliale gab es – die einmal Schauplatz eines Überfalls wurde. Hauptmieter des Großgebäudes war aber die APA, die Austria Presse Agentur.

Doch in den folgenden Jahren zogen viele Mieter nach und nach ab – und in zentralere Gegenden. Und als im Jahr 2005 schließlich der Großmieter APA auszog und nach Mariahilf siedelte, stand das der Uniqa-Versicherung gehörende Gebäude, das mittlerweile zu verfallen begann, leer. Bis heute. Zwar gab es schon beim APA-Auszug den Plan, das Gebäude zu sanieren und einen Glaszubau zu errichten. Die Pläne wurden aber bald auf Eis gelegt.
Bis heuer. Mitte Mai hat die Uniqa das Hochhaus mit 6000 Quadratmetern Nutzfläche verkauft. Und zwar, wie das „Wirtschaftsblatt“ damals berichtete, an eine Gesellschaft um den bekannten Wiener Architekten Heinz Neumann, dessen Firmensitz nur einige hundert Meter weiter in der Muthgasse liegt. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Laut Informationen der Zeitung liegt er im hohen einstelligen Millionenbereich.
Was mit dem Haus passieren soll, hat Stararchitekt Neumann, der unter anderem das Uniqa-Gebäude am Donaukanal und den neuen Wiener Westbahnhof entworfen hat, vorerst noch nicht bekannt gegeben. Auch Döblings Bezirksvorsteher Adi Tiller weiß noch nicht, was hier entstehen soll. Eine Wohnwidmung ist derzeit auf diesem Platz nicht vorgesehen. „Wir haben vorgeschlagen, dass das Haus zu einem Studentenheim umgebaut wird“, sagt Tiller zur „Presse“. An Projekten wird offenbar noch gefeilt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2013)

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