Unterwegs im Sechsten: Vom Sommersitz zum Boomviertel

Jiří Chmel, einst tschechischer Dissident, ist heute Inhaber des Nachtasyls in der Stumpergasse. Die Gegend befindet sich in einem agilen Aufwärtstrend.

Jiří Chmel vor seinem Lokal, Nachtasyl, in der Stumpergasse im sechsten Wiener Gemeindebezirk.
Jiří Chmel vor seinem Lokal, Nachtasyl, in der Stumpergasse im sechsten Wiener Gemeindebezirk.
Jiří Chmel vor seinem Lokal, Nachtasyl, in der Stumpergasse im sechsten Wiener Gemeindebezirk. – (c) DIMO DIMOV

Eigentlich war es ein Zufall, dass ich hier in der Stumpergasse im sechsten Bezirk gelandet bin“, erzählt Jiří Chmel, Inhaber und Betreiber des Nachtasyls. Chmel war einer der Unterzeichner der Charta 77, die gegen das kommunistische Regime in der ehemaligen Tschechoslowakei gekämpft haben. 1982, nach einem 18-monatigen Gefängnisaufenthalt,wurde er ausgewiesen und strandete in Wien. Und anders als heute, „wurde ich auf dem Bahnhof von einem Beamten des Innenministeriums empfangen, und wir bekamen sofort eine Wohnung – und Arbeit“. Chmel war Absolvent einer HTL und arbeitete zuerst als Werkzeugmacher. „Das wollte ich aber keinesfalls lang machen, da man mich zu dieser Arbeit im Gefängnis gezwungen hat.“

Als er von einem Bekannten erfuhr, dass das Lokal des heutigen Nachtasyls frei geworden war, hat er sofort zugeschlagen. Das war 1987. „Meine Intention war, zwischen den Exiltschechen und den Österreichern eine Brücke zu schaffen.“ Passenderweise waren da auch eine Wohnung und ein kleines Atelier dabei.

 

Weinbau im Mittelalter

Gelandet ist der Wirt in einer geschichtsträchtigen Gegend. Denn Gumpendorf, die Gegend zwischen Mariahilfer Straße und Wienfluss, war schon zur Römerzeit besiedelt. Bei der heutigen Nevillebrücke gab es einen römischen Wachturm. Die mittelalterliche Siedlungsgeschichte beginnt im elften Jahrhundert – die Menschen lebten hauptsächlich vom Weinbau, die Gumpendorfer Weinried war eine der größten der damaligen Zeit.

Erst im 18. Jahrhundert änderte sich der topografische Charakter, es entstanden Fabriken und Wohnviertel, die landwirtschaftlich genutzten Flächen gingen zurück. „Die Stumpergasse heißt deshalb so, weil ein Herr Anton Stumper, der bis 1814 lebte, die Gründe zur Bebauung freigegeben hat“, weiß Chmel. Um 1835 errichteten betuchte Familien in einigen Teilen des Viertels ihre Sommersitze.

Das heutige Aussehen erhielt Gumpendorf aber erst durch den Bauboom der 1880er- bis 1900er-Jahre. Das Nachtasyl und Chmels Wohnung befinden sich in einem Haus aus dieser Zeit. Er spaziert gern die Stumpergasse hinunter zur Ägidikirche, die erstmals um 1240 urkundlich erwähnt wurde, auch wenn sie ihr heutiges Aussehen erst Anfang des 19. Jahrhunderts erhalten hat. „Diese Gegend hat in den 30 Jahren, seit ich hier wohne, viele Auf und Abs erlebt. Am Anfang gab es noch viele kleine Geschäfte und Lokale, und es war ein sehr lebendiger Stadtteil. Dann sind viele eingegangen, haben geschlossen, oft auch keine Nachfolger gefunden, und es wurde hier eher ruhig und tot.“

In den vergangenen Jahren kam wieder Leben in die Straße. Dazu beigetragen haben nicht zuletzt die vielen internationalen Lokale, die sich in dem Viertel angesiedelt haben. In ihrem Gefolge kamen auch die Geschäfte wieder zurück. Und die Wohnbauten der vorletzten Jahrhundertwende, die zum Teil schon sehr renovierungsbedürftig waren, begann man ebenfalls wieder herzurichten.

Geht man weiter in die Marchettigasse, entdeckt man Häuser aus der Zeit vor dem Historismus: etwa das 1803 erbaute Marchettischlössl, das nach seiner Renovierung heute die Österreichische Mediathek beherbergt. Noch älter ist das Haus in der Marchettigasse 6, das 1801 gebaut wurde, das erste in der Straße. Der Rückweg führt an der Stumpergasse3 vorbei, einem Biedermeierhaus aus dem Jahr 1830, in dem sich das Gartencafé befindet, mit einem kleinen, hübschen Garten im Hof.

 

Der Atem der Musik

Manchmal spaziert Chmel auch zum Haydn-Haus, das heute als Haydn-Museum geführt wird und gleich ums Eck vom Nachtasyl liegt. Joseph Haydn kaufte das Haus 1793 wegen seiner ruhigen Lage, ließ es ein Jahr später aufstocken und bewohnte es ab 1797. Hier komponierte er „Die Schöpfung“ und „Die vier Jahreszeiten“.

Was zurückführt ins Nachtasyl, in dem Musik eine Hauptrolle spielt. Denn jedes Wochenende gibt es hier Livemusik. „Ganz am Anfang gastierte im Nachtasyl nahezu die ganze bekannte tschechische Musikszene. Heute ist das Programm gemischt, sowohl in Hinsicht auf die Nationalität als auch in Bezug auf die Musikrichtung“, erzählt Chmel.

ZUR PERSON/ZUM ORT

Jiří Chmel, geb. 1954 in Most (CZ), ist Unterzeichner der Charta 77 und wurde 1982 aus der Tschechoslowakei ausgewiesen. Er emigrierte nach Wien und betreibt seit 1987 das Lokal Nachtasyl in der Stumpergasse.

Neue Eigentumswohnungen kosten im sechsten Bezirk/Mariahilf im Erstbezug durchschnittlich 4900 €/m2, andere 3350 €. Die Mieten belaufen sich auf 12,8 €/m2 im Erstbezug, in älteren Wohnungen zahlt man elf Euro. [ Quelle: „Erster Wiener Wohnungsmarktbericht 2017“ von EHL und Buwog Group]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2018)

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