Baugeschichte: „Eine einzige Herausforderung“

Wie man aus der Not eine Tugend und aus einem renovierungsbedürftigen Gebäude eine architektonische Besonderheit machen kann, zeigt das Wohnhaus S48 in Graz.

Alt und Neu sind nun – auf kleinem Platz – verbunden, die durchgehende Straßenfront schützt den dahinterliegenden Garten.
Alt und Neu sind nun – auf kleinem Platz – verbunden, die durchgehende Straßenfront schützt den dahinterliegenden Garten.
Alt und Neu sind nun – auf kleinem Platz – verbunden, die durchgehende Straßenfront schützt den dahinterliegenden Garten. – (c) Paul Ott

Der zweigeschoßige Altbestand mitten im Stadtgebiet klein und renovierungsbedürftig, die dazugehörige schmale Grünfläche von einem Servitutsweg zum Nachbarhaus durchschnitten, das Baubudget begrenzt – der Um- und Zubau des Hauses S48 war eine große Herausforderung. Doch wenn zu den Freunden des Bauherrn Architekten wie Wolfgang Feyferlik und Susanne Fritzer zählen, die schon einigen Umbauprojekten eine unverwechselbare Note gegeben haben, sind außergewöhnliche Lösungsansätze beinahe zu erwarten.

 

Platzsparende Außentreppe

„Der Altbestand wurde einer Kernsanierung unterzogen, unabdingbar war jedoch die Errichtung eines Zubaus“, erinnert sich Hausbesitzer Paul Ott. „Auf den ursprünglichen 50 Quadratmetern Grundfläche war zu wenig Platz für Wohnung und Büro.“ Doch einem simplen Anbau im Erdgeschoß war das Servitut im Weg. Die Lösung: Der Zubau wurde auf Stahlstützen gesetzt und auf Höhe des Obergeschoßes mit dem Altbau verbunden. Darunter verläuft nun der Servitutsweg zum Nachbargrundstück. „Im Erdgeschoß des ursprünglichen Hauses ist jetzt das Büro untergebracht, das Obergeschoß inklusive Zubau ist dem Wohnen vorbehalten“, erklärt Ott.

Um die Bürofläche nicht mit einer Stiege hinauf in die Wohnung weiter zu verkleinern, ist der Wohnungseingang im Obergeschoßzubau nur über eine Außentreppe zu erreichen. Diese führt vom Garten direkt in die Küche, die offen in den Wohnraum übergeht und ein ganz besonderes Flair ausstrahlt ist: Die verglaste und mit einer Schiebetüre großzügig zur vorgelagerten Terrasse öffenbare Fassade bietet einen Blick in den parkähnlich gestalteten Freibereich einer angrenzenden Schule. „So leben wir in der Stadt und haben ein Wohngefühl wie auf dem Land“, sind Ott und seine Familie begeistert.

 

Charmante Unvollkommenheit

Die nicht transparenten Wände des neuen Baukörpers sind aus Dämmbeton. Auch ihnen und ihrer Geschichte verdankt der Raum seine spezielle Atmosphäre. Einige Umstände beim Liefern und Einbringen des Dämmbetons sind nämlich nicht optimal gewesen, unter anderem hat das Wetter nicht mitgespielt. Deshalb geriet die Wandoberfläche recht großporig und stellenweise unregelmäßig. „Das bewirkt zwar“, so die Architekten, „eine gute Akustik, das nicht ganz so gelungene Aussehen ist aber nicht jedermanns Sache.“ Gemeinsam wurde beschlossen, die Wände in ihrer rauen, aber nach Ansicht der Bewohner „durchaus charmanten“ Unvollkommenheit zu belassen. Als Fußboden wurde ein Eichenparkettboden verlegt. Der Bauherr: „Die Verwendung weniger Materialien und die reduzierte Architektur der neuen offenen Wohnbereiche verleihen dem Haus Leichtigkeit und schaffen, trotz der geringen Raumhöhe, die Großzügigkeit einer Altbauwohnung.“ Eine solche haben sich die Grazer nämlich ursprünglich gewünscht, doch war das aufgrund der budgetären Situation nicht verwirklichbar.

Die kleine Grünfläche wurde ebenfalls umgestaltet. Ein Kirsch- und ein Zwetschkenbaum blieben unangetastet, ein Nussbaum wurde neu gepflanzt. Wo früher Sträucher wucherten, befindet sich nun ein kleiner Gemüsegarten. „Vieles war nicht so geplant, sondern hat sich aus unterschiedlichen Zwängen entwickelt“, ziehen die Architekten Bilanz. „Oft ergeben sich aus unerwarteten Situationen spontan die besten Lösungen.“

Dabei hätte die Grazer Altstadtkommission an dieser Stelle lieber eine dichtere Bebauung gesehen. Doch das besondere Ensemble aus Neu und Alt, das sich unprätenziös in die Umgebung fügt, hat überzeugt – „und zweifellos mehr Charme“, wie so mancher Besucher ergänzt.

Zum Objekt

Das zweigeschoßige renovierungsbedürftige Haus mit 50 m2 Grundfläche wurde durch einen modernen Zubau erweitert, der im Obergeschoß mit dem Altbau verbunden ist – darunter läuft der Weg zum Nachbargrundstück. Erschlossen wird der Wohntrakt durch eine Außentreppe vom kleinen Garten aus, das Büro liegt mit eigenem Zugang im Erdgeschoß des Altbaus. Hausherr Paul Ott beauftragte das für außergewöhnliche Umbauten bekannte Grazer Büro Feyferlik/Fritzer mit den Plänen.

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