Kreuzviertel: Immer in Bewegung

Im ruhigen Kreuzviertel im 18. Bezirk entdeckt Choreografin Aurelia Staub immer wieder erstaunliche Orte – nicht nur während des Währinger Kunstfests.

Aurelia Staub beim Anton-Baumann-Park. Gleich daneben die Schule, in der sie mit Kindern aus aller Herren Länder tanzt.
Aurelia Staub beim Anton-Baumann-Park. Gleich daneben die Schule, in der sie mit Kindern aus aller Herren Länder tanzt.
Aurelia Staub beim Anton-Baumann-Park. Gleich daneben die Schule, in der sie mit Kindern aus aller Herren Länder tanzt. – (c) DIMO DIMOV

Ich suche immer die Ränder, die Nischen, und ich liebe Umwege“, erzählt Aurelia Staub, „Tanzschaffende“, wie sie sich selbst nennt. Die Tänzerin und Choreografin, die unter anderem an der Grazer Kunstuni unterrichtet, hat über 25 Jahre in einer solchen „Nische“ gelebt: in der Schopenhauerstraße im Währinger Kreuzviertel, im Schatten des AKH und am Rand des 18. Bezirks zwischen Währinger Straße und Gürtel. Die Währinger Straße war immer eine wichtige Ausfallstraße und wurde erstmals 1314 erwähnt. Lange Zeit, bis ins 19. Jahrhundert, waren weite Teile der Umgebung Aulandschaft, durchzogen von Wasserläufen und Bächen. Im späten 18. Jahrhundert entdeckte der Adel das Gebiet, und es wurde zu einem beliebten Ort für ausgedehnte Gärten.

 

Zwischen Bienen und Wald

Heute präsentiert sich das Grätzel als ruhige, fast zu ruhige gutbürgerliche Gegend mit vielen Gründerzeitbauten, wie etwa dem Zeller-Hof in der Staudgasse, erbaut 1877/1878 als viergeschoßiger monumentaler Wohnhof mit markanten Ecktürmen und zehn Stiegenhäusern, von denen sechs vom rund 4000 m2 großen, begrünten Innenhof aus zugänglich waren. Das für die Bauzeit gut ausgestattete Miethaus mit damals ungewohnt großen Räumen war für den Mittelstand gedacht. Auch das Evangelische Krankenhaus in der Hans-Sachs-Gasse wurde zwischen 1899 und 1901 erbaut.

„Ich habe sehr gern hier gewohnt und bin sehr gern hier tätig“, erzählt die gebürtige Zürcherin. „Besonders fasziniert mich als Schweizerin das Tröpferlbad in der Klostergasse, das heute noch existiert. Oder der Imker, der eigentlich Chirurg am AKH ist, aber in einem großen Innenhof Bienenstöcke aufgestellt hat, die echten Währinger Honig liefern.“
Einer ihrer Lieblingsplätze ist der Anton-Baumann-Park mit dem Währinger Wasserturm, der 1839 für die Wasserversorgung des Bezirks erbaut wurde und mit der Versorgung durch die Hochquellenleitung obsolet wurde. Ganz versteckt, am Boden, findet sich im Park auch eine Gedenktafel für Johanna Dohnal, für die ein Baum gleich daneben gepflanzt wurde.

Den Kutschkermarkt, erstmals 1885 erwähnt, hat Staub bei seiner Entwicklung begleitet: „Es ist ein sehr lebendiger Markt geworden, mit gutem Essen und allem, was man so braucht und möchte.“ Spaziert man mit Staub durch den Markt, wird sie von fast allen Standlern freundlich gegrüßt. Auch dem Automechaniker ist sie treu geblieben, obwohl sie seit einigen Jahren nicht mehr im Bezirk lebt. „Ich finde das lustig, dass er jeden Tag mit dem Fahrrad in die Werkstatt fährt und vor der Werkstatt einen richtigen Pflanzenwald aufgestellt hat.“

Einer der Anziehungspunkte des Grätzels ist das Konzertcafé Schmid Hansl, „eine Institution“, das seit 1907 existiert. Und geradezu ins Schwärmen gerät die Tänzerin, wenn sie vom Kaffeehaus „Zum wilden Mann“ erzählt, das es zu ihrem Bedauern heute nicht mehr gibt.

Mit dem Bezirk ist sie immer noch eng verbunden durch ihre Arbeit an der Schule am Baumann-Park, einer Brennpunktschule, in der rund 95 Prozent der Schüler Migrationshintergrund haben. „Ich versuche, einen gemeinsamen Tanz zu entwickeln, sozusagen ein Bewegungsarchiv in progress. Und es ist erstaunlich, wie sehr die Kinder mitmachen.“

Sie engagiert sich auch beim Kunst.Fest.Währing, bei dem insgesamt rund 50 Veranstaltungen mit 160 Kunstschaffenden auf dem Programm stehen. Staub: „Ich kuratiere das Theater.Fest.Währing, und ich freue mich sehr, das zu machen, weil ich so viele Jahre in diesem Grätzel gelebt habe und mir der Bezirk immer noch am Herzen liegt.“

ZUM ORT, ZUR PERSON

Der 18. Bezirk ist eine beliebte Wohngegend, vor allem etwas abseits vom Gürtel. Neue Wohnungen kosten zwischen knapp 3000 Euro/m2 in mäßiger, bis zu 5783 Euro/m2 in in sehr guter Wohnlage, Mietwohnungen zwischen 8,5 und 12,4 Euro/m2.

Aurelia Staub kuratiert beim Kunst.Fest.Währing (bis 20. Mai) den Theaterschwerpunkt. Sie arbeitet als Tanzpädagogin, Dozentin, Tänzerin und Choreografin in Wien, Graz und Zürich.

Web: www.aureliastaub.at, www.art18.at

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