Maria Enzersdorf

Hausgeschichte: Neues Dach mit alten Dellen

Biedermeierliches Ambiente zu retten und fürs moderne Leben nutzbar zu machen, nahmen sich Otto und Helga Kauf 2015 in Maria Enzersdorf vor. Nun ist das Projekt fertig.

Kauf

Ein altes verwunschenes Schlössl, ein dringend benötigter Weg zum Bahnhof, und der Wunsch nach Wohnungen – diese Fakten fanden die Geschwister Otto und Helga Kauf bei ihrem ersten Besuch in Maria Enzersdorf vor, um sich für ein Wohnprojekt zu bewerben. Die Bauträger, schon seit Jahren als „Flair“ in der Branche bekannt, nahmen die Herausforderung an – und stellten sich selbst noch einige mehr. „Wir wollten das biedermeierliche Lebensgefühl in die gesamte Anlage einfließen lassen“, erklärt Otto Kauf.

 

Vor der Sanierung
Vor der Sanierung
Kauf

Doch wie passt die Zeit 1815–1848, in der häusliches, künstlerisches Leben en vogue war und es den Beruf „Privatier“ (finanziell gut gestellte Person, die zur Deckung ihrer materiellen Bedürfnisse keiner bezahlten Arbeit nachgehen muss) gab, ins 60-Stunden-Wochen-Arbeitsleben? Eine Zeit, in der kunstvoller Müßiggang den gesellschaftlichen Wert hatte, den man heute meist der Leistung(sbereitschaft) beimisst?

Wasserspiele

„Die Sehnsucht nach Privatsphäre und nach einem gemütlichen Zuhause ist wieder sehr stark“, erklärt Kauf. „Und ebenso das Bedürfnis nach Individualität.“

Im Innenhof
Im Innenhof
Kauf

So gleicht nicht nur im 300 Jahre alten Schlössl, das auf dem ersten in der Urkundensammlung eingetragenen Grundstück des Ortes steht, sondern in der gesamten Anlage kein Grundriss dem anderen. Auch die Natur wurde, wie damals, als Wohlfühlfaktor geschickt genutzt: Eine betagte Platane wurde in die Planung miteinbezogen, ein Brunnen plätschert vor sich hin und dämpft Nachbargeräusche.

 

Baum in der neuen Anlage
Baum in der neuen Anlage
(c) Peter Steiner

„Der Brunnen zieht auch die Blicke auf sich, keiner schaut auf die Fenster der Wohnung dahinter“, erklärt Kauf eine der Überlegungen, auf kleinem Raum Privatsphäre zu schaffen. Das Wasser fließt als kleiner Fischbach in ein Biotop. „Einige Fische sind schon dazugekommen“, meint Kauf. Die Leute mögen es sichtlich, nach Hause zu kommen, ein „Haustier“ zu begrüßen und dennoch völlig ungebunden zu sein.

Einer der beiden Brunnen
Einer der beiden Brunnen
(c) PETER STEINER

Auf dem Vor- und Parkplatz ist von dieser Liebe zur Natur (noch) wenig zu finden. Wo früher ein freundlicher Eingangsbereich vor dem beschaulichen Haus zum Verweilen wie zum Betreten des Innenhofs eingeladen hat, spendet heute kein Baum Schatten, kein biedermeierlicher Rosenstrauch erfreut mehr das Auge, kein Pflaster lässt den Regen versickern.

Ansicht vom Parkplatz aus
Ansicht vom Parkplatz aus
Kauf

Die alte Mauer zum Nachbargrundstück, an der entlang nun der Fuß- und Radweg zum Bahnhof führt, wurde dagegen erhalten: Ein rund 200 Meter langes Mosaik aus Bruch- und Ziegelsteinen bietet den Passanten interessante Wegbegleitung – sofern auf dem Weg zum Zug genug Muße für diese Kunst bleibt.

Fensterlifting

Das Schlössl selbst wurde von Grund auf restauriert, aus dem beschaulichen Gemäuer ein modern nutzbares Wohnhaus gemacht. Das Dach wurde generalüberholt – und doch mit den ursprünglichen schiefen Stellen im Dach wieder errichtet. Details wie eine Sonnenuhr oder Steinornamente wurden renoviert.

Sonnenuhr
Sonnenuhr
Kauf

Die denkmalgeschützte Fassade blieb – auf den ersten Blick – unangetastet. Wer genau schaut, sieht die Verschiebung der Fenster und Türen nach oben.

 „Man hat quasi auf den Asphalt geblickt, es war finster, der Eingang lag sehr weit unter dem heutigen Straßenniveau“, erklärt Helga Kauf die Maßnahme. Auch heute noch geht es einige Stufen bergab. Der barrierefreie neue Haupteingang wurde vom Parkplatz aus gelegt, die alte Wendeltreppe in den Keller zugunsten einer modernen Stiege samt Lift aufgegeben – den runden Raum werden in Zukunft nur Männer (am stillen Örtchen) zu sehen bekommen.

Kauf
 
Kreativ gelöst wurden auch die anderen Bereiche des Hauses: Im unteren Stockwerk soll es öffentlich/gewerblich genutzt werden, etwa durch Gastronomie. Neben dem Hauptraum an der Straße steht ein neuer Wintergarten im Innenhof – das Glas soll Besucher vor Regen wie Bewohner vor Lärm schützen. Neun Wohnungen zwischen 69 und 187 m2 werden derzeit vermarktet. Um den Straßenlärm außen vor zu lassen, wurden fast nur in den Innenhof gerichtete Dachfenster errichtet. Und die Brüstungen der Balkone und Terrassen sind ungewohnt breit – man muss sich schon extra darüberbeugen, falls man unbedingt in Nachbars Privatsphäre blicken muss.

Zum Ort, zum Objekt

Maria Enzersdorf, rund drei Kilometer on der Wiener Stadtgrenze und zwölf Kilometer vom Wiener Hauptbahnhof entfernt, gilt mit knapp 9000 Einwohnern als begehrte Wohngegend, auch für Pendler. Erstmals wurde es 1130 als „Engelschalkesdorf“ erwähnt. Neue Wohnungen kosten im Bezirk Mödling zwischen 1964,33 und 4297,31 Euro/m2, gebrauchte zwischen 1187,8 und 3007 Euro/m2.
Das Biedermeierschlössl an der Hauptstraße 3 liegt direkt neben dem Franziskanerkloster und dem altehrwürdigen „Riefelhaus“. Es wurde ab 2015 saniert und in eine neue Wohnanlage integriert.

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