Architekturtrend

Wahre Luxus-Hütten

Edle Schlichtheit: Die „Shackitecture“ feiert in den USA gehobene Wochenendhütterln.

Schlichte Formen, die an Schuppen erinnern, prägen die „Shackitecture“.
Schlichte Formen, die an Schuppen erinnern, prägen die „Shackitecture“.
Schlichte Formen, die an Schuppen erinnern, prägen die „Shackitecture“. – PBW Architects Elbow

Das englische Wort „shack“ bedeutet so viel wie Hütte oder Laube – und ist in den USA eine beliebte kleine Immobilie. Nach der sich Restaurants benennen (vor allem die Anbieter von Meeresfrüchten schreiben gern „Seafood-Shack“ auf ihr Eingangsschild), die als „Love Shack“ besungen oder als kleines architektonisches Meisterstück zur Zweitimmobilie werden. Wie die Liebe, die in diese Häuser gesteckt wird, aussehen kann, zeigt beispielweise das Buch „Rock the Shack“ (siehe Infokasten), in dem sich Beispiele dieser kleinen Shack-Architektur finden.

Ansammlung im Methow-Tal

Wie das Ganze in groß aussieht, lässt sich dagegen seit einigen Jahren im Methow Valley im Bundesstaat Washington, rund 300 Meilen nördlich vom Seattle, anschauen. Hier findet sich in den Gemeinden Winthrop, Mazama und Twisp – die alle weniger als 1000 Einwohner haben – eine erstaunliche Konzentration moderner Architektur inmitten der noch recht unberührten Natur der Kaskadenkette.

Modern Methow nennen die Erbauer und Bewohner diese Häuser, die sich heute als luxuriöse Weiterentwicklung dessen zeigen, was der einheimische Architekt Doug Potter in den 1970ern als Shackitecture ausgerufen hat. Denn mit der Ursprungsidee des Shack haben die Zweitwohnsitze der zu Geld gekommenen Techies aus Seattle nur mehr das Konzept einer – verhältnismäßig – geringen Größe gemeinsam: Im Durchschnitt haben diese Häuser nur 150 Quadratfuß – also knapp 140?Quadratmeter –, was für amerikanische Größenverhältnisse bescheiden ist.

Luxushütten: Shakitecture


Darüber hinaus sind die Luxus-Shacks aber der Inbegriff gehobener Bergresidenzen für moderne Städter wie beispielsweise den Seattler Architekten Tom Lenchek, der schon in den späten 1970ern seine Liebe für die wilde Natur des Tals entdeckt hat. Er ließ sich von Potters Gebäuden aus recycelten Materialien zu seinem ersten eigenen Ferienhaus inspirieren – und baute seitdem mit seiner Firma Prentiss, Balance, Wickline Architects insgesamt 35 Häuser für andere naturverliebte Seattler.

„Der Stil hat sich seit damals organisch entwickelt“, berichtet der Amerikaner im Gespräch mit der „Presse“, „und die meisten Materialien werden noch heute auf eine natürliche Art verwendet“. Was bedeutet, dass sie den zum Teil recht extremen Witterungsverhältnissen des Tals absichtlich ohne viel Schutz ausgesetzt werden, wie Lenchek erzählt: „Das Holz lassen wir bewusst verwittern, und der Stahl wird nicht lackiert und darf rosten“, zählt er Beispiele auf.

Cooler Look, wenig Aufwand

Das sorgt nicht nur dafür, dass die Gebäude sich bei aller Modernität in die Umgebung einfügen, sondern hält auch den Instandhaltungsaufwand gering – was den Wochenendbewohnern naturgemäß am Herzen liegt.
Darüber hinaus machen sich die Architekten, die in dem rund 35 Kilometer langen Abschnitt des Tals bauen, die Elemente selbst zunutze, wie Stefan Hampden von der Seattler Cast Architecture berichtet: „Durch die leicht geneigten Dächer fließt zwar der Regen ab, aber der Schnee bleibt darauf liegen und dient als zusätzliche Isolierschicht“, erklärt der Architekt, der einen Shack in Methow besitzt und dort jede freie Minute mit seiner Familie verbringt.

Natur genießen

Um das zu tun, was alle Städter dort tun wollen und worauf die Modern Methows auch alle miteinander ausgelegt sind: die großartige Natur genießen. Deshalb findet sich unter leicht geneigten Dächern statt herkömmlicher Wände zumeist eines: Glas, Glas und nochmals Glas. Hier dreht sich alles um die Ausblicke, lassen sich die gewaltigen Glasfronten über weite Teile aufschieben und ermöglichen den – zumindest in den warmen Monaten gewünschten – nahtlosen Übergang von innen nach außen. „Im Sommer ist man dankbar für jede Form von Kühlung“, spricht Hampden die extremen Witterungsverhältnisse im Valley an, die zwischen sehr heißen Sommern mit 40 Grad und kalten, schneereichen Wintern schwanken.

Sichtbare Strukturen

„Deshalb arbeiten wir beispielsweise auch mit geschliffenen Betonböden.“ Die Form, die diesen Wünschen an die Funktion folgt, orientiert sich laut Hampden noch immer an jener der landwirtschaftlichen Nutzgebäude, die die Shacks einst waren, ehe Amerikas architektonische Schöngeister sich in sie verliebt haben. „Diese Häuser haben eine sichtbare Struktur mit freiliegenden Balken und Stelen, auch im Inneren wird nichts mit Rigips verkleidet oder versteckt“, beschreibt Lenchek den Stil, den er und seine Kunden an der Luxus-Shackitecture schätzen.

 

Buchtipp

Wer mehr über „Shacks“ als architektonische Schmuckstücke nicht nur in den USA erfahren möchte, findet in Sofia Borges' und Sven Ehmanns 2013 herausgegebenem Buch „Rock the Shack“ jede Menge schöner Beispiele. Noch mehr davon gibt es in ihrem „Hide And Seek: The Architecture of Cabins And Hideouts“ aus dem Folgejahr. Beide – englischsprachigen – Bücher stammen aus dem Haus Gestalten und kosten jeweils 39,90 Euro.

Wobei es keinesfalls um eine sparsame Bauweise geht, ganz im Gegenteil. Gespart wird hier, wie erwähnt, lediglich an der reinen Quadratmeteranzahl, womit dem ökologischen Gewissen Genüge getan werden soll. Darüber hinaus zelebrieren die Bauherren aus der Stadt hier die Qualität der Materialen und der Handwerkskunst, wird darin gewetteifert, Werkstoffe auf möglichst einzigartige Weise zu verwenden und hochwertige Individualität zu demonstrieren. Und dafür werden auch entsprechende Budgets zur Verfügung gestellt: Die meisten dieser Wochenend-„Schuppen“ kosten deutlich mehr als eine halbe Million Dollar (rund 430.000 Euro), Tendenz steigend.

Kleine Sticheleien

Ein Wohlstand aus der Stadt, den die einheimische Bevölkerung mit einer Mischung aus Freude über die damit verbundenen Zusatzumsätze im Tal und ein paar hochgezogenen Augenbrauen quittiert. Sie hat sich für die Techies mit der besonderen Liebe zur Natur sogar einen eigenen Spitznamen auserkoren: 206er nennen die Einheimischen die Residenten aus der Stadt, und zwar nach der Vorwahl von Seattle. Das berichtete das „Wall Street Journal“, das kürzlich in seiner „Mansions“-Ausgabe dem Tal eine großzügige Reportage widmete.

Von diesen kleinen Spötteleien abgesehen, käme man aber gut miteinander aus, sind beide Architekten überzeugt. Denn mit der neuen Finanzstärke durch die zugereisten Städter lassen sich weit unschönere Projekte, wie immer wieder aufkommende Pläne für Kupferminen oder extensive Skigebiete, bis heute erfolgreich verhindern. Da sind dann ein paar neue Nachbarn in seltsamen Häusern schon das kleinere Übel.

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