Digitaler Schutz: Sicherheit geht vor Bequemlichkeit

Smarter Einbruchsschutz wird heftig beworben, lässt aber bei zahlreichen Experten die Alarmglocken schrillen. Die Fachleute verraten, wo die Gefahren lauern; zum Beispiel bei zu großem Vertrauen in die Handytechnik.

Symbolbild: Einbrecher
Symbolbild: Einbrecher
Symbolbild: Einbrecher – (c) APA (HELMUT FOHRINGER)

Eine Alarmanlage nur mit Sirene, ohne App fürs Handy, ist heutzutage kaum mehr zu verkaufen“, sagt Thomas Forstner, Generalsekretär des Verbandes der Sicherheitsunternehmen Österreichs (VSÖ). Der Grund: Haus- oder Wohnungsbesitzer wähnen sich geschützt, wenn sie wissen, dass sie, egal wo sie gerade sind, eine Meldung aufs Mobiltelefon bekommen, sobald sich daheim ein Eindringling zu schaffen macht. Bewegungsmelder oder Magnetkontakte an den Fenstern und Türen, die ein Öffnen erkennen, liefern diese Informationen über eine Schaltzentrale im Haus an die App.

Doch dieser Schutz sei trügerisch, warnt Forstner. Der Wiener Berufsdetektiv Robert Goliasch nennt solche Smart-Lösungen sogar „höchst gefährlich“. Die Anlagen selbst seien, sofern vom VSÖ oder dem Kuratorium für Elektrotechnik zertifiziert, zwar qualitativ hochwertig, das Problem sei jedoch das zu große Vertrauen der Handybesitzer in die Technik, und auch deren Bequemlichkeit. Gefinkelte Täter wissen das auszunutzen.

 

Verlockende Features

Goliasch bringt ein Beispiel: „Der Wohnungsbesitzer ist nicht daheim. Es kommt ein Anruf von einem Zusteller, der bittet, die Alarmanlage vorübergehend auszuschalten, weil er ins Haus muss. Der Handybesitzer überzeugt sich via Kamera-App, dass ein Mann in Zustelleruniform vor der Türe steht, schaltet die Alarmanlage mit seinem Mobiltelefon aus und steht nach seiner Rückkehr vor der leer geräumten Wohnung.“ Aber nicht nur das Aus-, auch das Einschalten der Alarmanlage aus der Ferne sei problematisch, sagt Goliasch: „Wer garantiert mir, dass die Anlage tatsächlich ,scharf‘ ist, nur weil die App jetzt grün blinkt?“ Und wer sein Handy verliert, öffne Einbrechern sowieso Tür und Tor. Zugangscodes wie „12345“ sind für Übeltäter kein großes Hindernis. Goliasch: „So verlockend solche Features am Handy sein mögen: Sicherheit und Bequemlichkeit vertragen sich nicht.“ Forstner ergänzt: „Bei besonders zu schützenden Objekten wie Banken oder Juwelieren sind solche Apps ein absolutes No-Go.“ Auch namhafte Hersteller teilen solche Bedenken. Martin Unfried, Leiter des Alarmanlagenerzeugers Telenot Österreich: „Die Smartphone-App ist lediglich ein ergänzender Bestandteil der Anlage. Wichtige Anwendungen wie das Scharfstellen sollte man nur an der Schaltzentrale vor Ort durchführen.“ Ein weiteres Problem sei die Datenübertragung von der Anlage zum Handy. Auf welchem Server liegen Software und Daten? Wer hat dort Zugriff? Unfried rät, sich beim Kauf zu erkundigen. Anbieter mit eigenem Server seien gegenüber Cloud-Lösungen zu bevorzugen, eine Verschlüsselung der Daten bei der Übertragung sei unabdingbar.

Wichtig sei auch, dass die Alarmmeldungen nicht nur aufs Handy kommen, sondern auch an die Polizei oder an einen privaten Sicherheitsdienstleister geleitet werden. Zertifizierte Anlagen bieten diese Möglichkeit, man muss sie allerdings auch nutzen. Gänzlich abzuraten ist den Experten zufolge davon, Smart-Home-Anwendungen um Sicherheitsfeatures zu erweitern. Wer eine App nutzt, um die Garage zu öffnen und die Stereoanlage zu bedienen, sollte eher davon absehen, diese App beispielsweise mit einer Überwachungskamera zu verknüpfen oder mit einem Bewegungsmelder „aufzupimpen“. Martin Unfried: „Solche Systeme sind in erster Linie Komfortlösungen.“ Man könne jedoch Smart-Home-Anwendungen nutzen, um Alarmanlagen zu erweitern, indem man etwa aus der Ferne das Licht ein- und ausschaltet oder die Jalousien herunterlässt, um Anwesenheit vorzutäuschen.

In Wien wurden im ersten Halbjahr 2018 durchschnittlich zwölf Einbrüche pro Tag angezeigt. Die Einbruchshochsaison steht aber noch bevor: Die Zahl dieser Delikte steigt in den Monaten November und Dezember jährlich um rund zehn Prozent. Die Eindringlinge nutzen dabei die frühe Dämmerung. Eine elektronische Alarmanlage ist laut Experten der sicherste Schutz vor ungebetenem Besuch. Allerdings sind nur rund fünf Prozent aller Häuser und Wohnungen in Österreich damit ausgerüstet.

Tipps und Infos

• Einbau: Alarmanlagen sollte man vom Fachmann installieren lassen. Thomas Forstner vom VSÖ: „Falsch ausgerichtete Bewegungsmelder können Fehlalarme durch Haustiere oder Luftzirkulation auslösen. Wenn ständig Alarme einlangen, ist das lästig, man nimmt einen echten Alarm nicht ernst.“

Wählgerät: Gute Anlagen verfügen über Wählgeräte, die ausgehende Alarmmeldungen in einer festgelegten Reihenfolge an verschiedene Adressaten schicken. Forstner: „Als erste Priorität sollte dabei nicht das eigene Handy, sondern die Polizei oder ein Sicherheitsdienstleister festgelegt sein. Denn der ist rasch vor Ort und kann handeln.“

Übertragung: Martin Unfried von Telenot: „Wenn die Alarmmeldung über Internet nicht funktioniert (weil etwa ein Bagger das Kabel gekappt hat), dann muss sichergestellt sein, dass die Meldung ans Handy bzw. an die Polizei per Funk weitergeleitet wird.“ Beim Handy beachten: Wenn der Akku leer ist, bleibt auch die Alarmmeldung stumm.

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