Mariahilfer Straße 58: Neuer Look für die erste Generation von Wiener Stahlbeton-Häusern

1906 von der Familie Wittgenstein erbaut, später Geschäfts- und Wohnhaus, wurde das Gebäude auf der Mariahilfer Straße im siebten Wiener Gemeindebezirk jüngst zum Hotel.

Fassade im klassischen Stil: Mariahilferstraße 58 in Wien-Neubau.
Fassade im klassischen Stil: Mariahilferstraße 58 in Wien-Neubau.
Fassade im klassischen Stil: Mariahilferstraße 58 in Wien-Neubau. – Gregor Hofbauer

Stahlbetonbauten werden gemeinhin mit unansehnlichen Baukolossen assoziiert. Kaum jemand weiß, dass Stahlbeton, ein Verbundwerkstoff aus Beton und Bewehrungsstahl, bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet wird. Nicht nur das, es gibt sogar Gründerzeithäuser in Wien, die aus Stahlbeton erbaut sind. „Die erste Generation von Häusern aus Stahlbeton wurde um 1906 in Wien erbaut. Gerade in der Mariahilfer Straße, der Neubaugasse und auch der Porzellangasse gibt es einige Beispiele“, sagt Architekt Gabriel Kacerovsky von Archisphere Architects and Designers. „Allerdings wurden die Fassaden im klassischen Stil gehalten, dadurch sieht man es den Häusern nicht an.“ Diese Technologie habe relativ schnell Einzug gehalten, weil sie große Vorteile bietet. Und weil sie, wie Kacerovsky erklärt, „für den Architekten eine fantastische Befreiung war, da sie freie Grundrisse ermöglicht und große Spannweiten zulässt“. Eingesetzt habe man diese Bauweise damals in erster Linie bei Häusern, die zum Vermieten gedacht waren: „In den ersten zwei bis drei Geschoßen gab es dann meist Kaufhäuser oder Kleingewerbebetriebe, darüber lagen Wohnungen.“

"Basis für klassische Moderne"

Eines dieser Häuser steht in der Mariahilfer Straße 58. Es wurde von der Familie Wittgenstein erbaut – „die stand immer für Avantgarde“ – und beherbergt seit Kurzem das Hotel Schani Salon, umgebaut und eingerichtet von Architekt Kacerovsky. „Rein bautechnisch gesehen war der Umbau kein Problem, eben aufgrund der Stahlbetonbauweise und der Tragekonstruktion“, erläutert er. Es sei daher möglich gewesen, etwa Wände herauszunehmen, wo es notwendig war, respektive neue einzubauen. „Im Prinzip haben wir das Haus ausgehöhlt und neu gefüllt.“
Ganz bewusst wurden dabei im Eingangsbereich die Stützen freigelegt, sodass die Baukonstruktion sichtbar gemacht wurde. „Diese Art des Bauens ist eine Besonderheit der Epoche, die meist versteckt wird. Wir wollten aber zeigen, wie modern bereits damals gebaut wurde, und dass die Baumöglichkeiten, die zu dieser Zeit ausprobiert wurden, letztlich die Basis für die klassische Moderne sind, die dann Mies van der Rohe zur Vollendung gebracht hat“, erklärt Kacerovsky.

Neue Lösungen für Hotels

Das, und auch das Hotelkonzept, das gemeinsam mit Anton Komarek, dem Hotelbetreiber, entwickelt wurde, hat den Architekten veranlasst, sich dieses Projekts anzunehmen – es gibt im Übrigen auch ein Hotel Schani am Hauptbahnhof. „Normalerweise übernehmen wir so kleine Projekte nicht. Wir machen hauptsächlich Hotelbauten und Luxusresorts. Aber hier wurden Lösungen für Hotels gefunden, die ein bisschen anders sind“, meint der Architekt. Vor allem gehe es dabei darum, den Gästen ein möglichst unkompliziertes Reiseerlebnis zu vermitteln.

Bei der Gestaltung der Innenräume bezieht man sich unter anderem auf Sigmund Freud.
Bei der Gestaltung der Innenräume bezieht man sich unter anderem auf Sigmund Freud.
Bei der Gestaltung der Innenräume bezieht man sich unter anderem auf Sigmund Freud. – (c) Gregor Hofbauer

Thonetstuhl als Garderobe

24 Räume umfasst das Haus, „kompakte Zimmer mit offenen Bädern, wir haben uns bemüht, Räume zu schaffen, die man sofort für sich beziehen kann und die sich abheben von den cleanen, leeren Zimmern in den klassischen Hotels“, erläutert Kacerovsky das Konzept.
Und natürlich wurde auch mit dem Thema Jugendstil gespielt: Man hat gemusterte Stoffe und interessante Elemente eingesetzt und bezieht sich auf große Namen wie Otto Wagner, Gustav Klimt & Emilie Flöge, Egon Schiele und Sigmund Freud. So hat man etwa als Garderobe einen Thonetstuhl als stummen Diener an der Wand befestigt.

Salon statt Lobby

Auf Kästen hat man ganz bewusst verzichtet, um möglichst viel freien Raum zu gewinnen, „damit der Gast das Gefühl hat, in einer Wohnung gelandet zu sein“. Überdies hat der Künstler Oskar Kubinecz Werke der Jahrhundertwende neu interpretiert und diese als Dekor für die Zimmer verwendet. Der Eingangsbereich ist wie ein Kaffeehaus gestaltet, „das ist keine Lobby, sondern soll als Salon verstanden werden“, erklärt Kacerovsky. Dieser Raum soll nicht nur den Hotelgästen als Treffpunkt dienen, sondern ganz im Sinn der Wiener Salons der Gründerzeit ein Ort des kreativen Austausches sein.

Zum Gebäude, zum Bezirk

Das Haus in der Mariahilfer Straße 58 in Wien Neubau wurde 1906 erbaut. 2018 wurde es in ein Hotel mit 24 Zimmern umgebaut.
In Wien Neubau sind keine unbebauten Grundstücke für Betriebsansiedlungen verfügbar. Für Geschäftsflächen werden je nach Lage und Größe Mieten zwischen 6,1 und 65,8 Euro pro Quadratmeter verlangt, für Büroflächen je nach Nutzungswert zwischen 8,8 und 14,4 Euro pro Quadratmeter (Quelle: Immobilien-Preisspiegel 2018 der WKO).

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