Urbane Schatzkammern

Pflanzensammlung, Flaniermeile, Liegewiese: Wiener Parks erfüllen viele Aufgaben. Über die Jubiläen der Bundesgärten – und die steigenden Anforderungen an urbanes Grün.

Natur genießen: Frühlingsbeginn in einem Wiener Park.
Natur genießen: Frühlingsbeginn in einem Wiener Park.
Natur genießen: Frühlingsbeginn in einem Wiener Park. – (c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Vor 450 Jahren schuf Kaiser Maximillian der II. mit der Katterburg – dem späteren Schönbrunn – die Grundlage für den heutigen Schlosspark, unzählige Pflanzen wurden hier seitdem kultiviert und gesammelt. Gedacht waren die Anlagen für den Adel – die arbeitende Bevölkerung musste darauf länger warten, berichtet Lilli Lika, Leiterin des Instituts für Landschaftsarchitektur an der Boku Wien: „In Birkenhead bei Liverpool wurde im Zuge der Industrialisierung der erste öffentliche Park eingerichtet, eine Art sanitäres Grün, um den Menschen einen Ausgleich zur anstrengenden und oft ungesunden Arbeit zu bieten.“

 

Vom Korso . . .

Man begann sich zu überlegen, wie sich Natur und Kultur ergänzen können, wie etwa der Wind durch eine Stadt streift, um die Parks und Gärten so anzulegen, dass sie eine größtmögliche Wirkung erzielen. „Natürlich wurde und wird das Leben in einer Stadt enorm beeinflusst durch die Möglichkeit, sich im Grünen zu bewegen, dem städtischen Alltag ein wenig entfliehen zu können“, sagt Lika. „Und letztlich ist auch der soziale Aspekt ein wichtiger Punkt: Man kann in einem entspannten Umfeld andere Menschen treffen, absichtlich oder unabsichtlich, ein Grünraum bietet eine Hülle für verschiedene Aktivitäten.“ Wobei sich nicht nur die Gestaltung, sondern auch die Funktionen eines öffentlichen Parks im Lauf der Zeit durchaus ändern können. „Der Zeitgeist, die jeweiligen Bedürfnisse, die ästhetischen Vorbilder bestimmen die Gestalt einer öffentlichen Grünfläche“, stellt Lika fest.

In Wien diente im 18. Jahrhundert die sogenannte Tabor-Allee (Obere Augartenstraße) als Flanierkorso, als erste Parkanlage für die Öffentlichkeit wurde der Volksgarten auf dem ehemaligen Areal der Festungsanlagen 1823 eröffnet. Prater, Schlosspark Schönbrunn, Augarten und Burggarten wurden zum Großteil in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und stehen seit 1919 unter der Verwaltung der Bundesgärten, die heuer ihr Hundert-Jahr-Jubiläum mit zahlreichen Veranstaltungen feiern.

Insgesamt sind es mehr als 263 Parks, der Anteil öffentlich zugänglicher Grünflächen beträgt rund 31 Prozent des Bundeslandes Wien, das sind 12.600 Hektar. 9000 Hektar werden von der Stadt Wien verwaltet. Dazu zählt auch Urban Gardening, das sich seit einigen Jahren immer größerer Beliebtheit erfreut. Die Bioforschung Austria, die mit der MA 49 (Forst- und Landwirtschaftsbetrieb) eng zusammenarbeitet, ist seit 2016 Anlaufstelle für alle Interessierten.

„Wir bekommen von der Stadt Wien die Informationen, wo in der Stadt welche Flächen für das öffentliche Garteln zur Verfügung stehen. Wir sind mit vielen Vereinen vernetzt, bieten aber auch Seminare an“, erläutert Sandra Rovo von der Bioforschung Austria, die feststellt, dass das Interesse am Urban Gardening zunimmt. „Viele Menschen sind nicht nur daran interessiert, etwa Gemüse anzubauen und zu ernten, sondern auch daran, das Stadtbild mitgestalten zu können.“
Urban Gardening entspricht in vielerlei Hinsicht dem Zeitgeist. „Da ist einerseits der biologisch-ökologische Aspekt, andererseits, dass man gemeinsam etwas unternimmt, dass man auch Kindern die Natur nahebringen möchte und seine Umgebung positiv beeinflussen kann“, so Rovo.

 

. . . zum Klimaschutz

Da Grünflächen Luftqualität und Mikroklima einer Stadt verbessern, sind sie in heißen Sommern als Klimaanlagen und Luftfilter unentbehrlich: Durch die starke Aufwärmung tagsüber und die eingeschränkte nächtliche Abkühlung heizen sich dicht bebaute Städte stark auf. Dementsprechend wichtig ist es, so viele Parks oder Gärten wie möglich zu haben, um die Erwärmung wenigstens einigermaßen im Zaum halten zu können. Dabei hilft im Prinzip jeder Quadratmeter, also auch vertikale Begrünungen auf Gebäuden, die das Klima im Haus selbst positiv beeinflussen können, und natürlich Dachgärten.

Wobei der Klimawandel Auswirkungen auf die Pflanzen selbst hat. Ihnen setzt nicht nur die Erwärmung zu, sondern auch vermehrt auftretende Stürme, Starkregen und die Zunahme der Schädlinge durch relativ milde Winter. Große Bäume und Züchtungen mit bestimmten Kronenformen sind besonders windanfällig. Platanen, Ahorn oder Ulmen leiden besonders unter Schädlingsbefall, auch Eichen oder Kastanien werden zukünftig nur gepflanzt, wenn eine nachhaltige Erhaltung möglich ist oder der Baum ein besonderes Gestaltungs- oder Kulturelement darstellt. Dafür werden neue Sorten wie der Zürgelbaum vermehrt gepflanzt.

Ein weiterer Aspekt betrifft auch die Gestaltung eines Parks: Es müssen nicht nur mehr Schattenplätze – mit den passenden Pflanzen – geschaffen werden, den Bedürfnissen der Besucher soll natürlich ebenso Rechnung getragen werden. Und die reichen vom (Ball-)Spielplatz über Lauf- und Rollermöglichkeiten und Treffpunkten zum Tratschen bis zur ruhigen Ecke zum Entspannen. Wie sich die öffentliche Sicht in Bezug auf eine Grünfläche in der Stadt ändern kann, zeigt ein Blick zurück in die jüngste Geschichte. Noch in den 1970er- und 80er-Jahren war das Betreten der Wiesen in vielen Parks, unter anderem auch im Burggarten, strengstens verboten. Im Frühjahr 1979 formierte sich die sogenannte Burggarten-Bewegung, um dagegen zu protestieren. Die wurde von der Polizei dann im September 1979 mit Gummiknüppeln verjagt. Erst 2007 wurde ein Teil des Burggartens als Liegewiese ausgewiesen. Und wird seitdem von Bewohnern wie Touristen fleißig genutzt.

Was Sie wissen sollten zu den Wiener Grünoasen

Fakt 1

Daten. Der Anteil öffentlicher Grünflächen in Wien beträgt 126 km2 – rund ein Drittel des Bundeslandes. 90 km2werden von der Stadt Wien verwaltet, die ehemaligen Habsburger-Gärten in Wien (Schönbrunn, Augarten, Burg- und Volksgarten, Belvedere) und Innsbruck (Hofgarten, Schlosspark Ambras) wurden 1919 zu Bundesgärten. www.bundesgaerten.at

Fakt 2

Gestaltung. Von der Sammlung exotischer Pflanzen in Türkenschanzpark Schönbrunn oder Botanischem Garten über Spielplätze, Skateranlagen, Ballkäfige oder Wasserbrunnen bis zum Urban Gardening reicht die Ausrichtung der Wiener Parks. Im Zuge der Klimaerwärmung wird auch die Begrünung von kleinen Flächen (Höfen) immer wichtiger. www.garteln-in-wien.at

Fakt 3

Tipps: • Raritätenbörse Botanischer Garten, 12.–14. April: Pflanzenraritäten für Garten und Balkon. Pflanzenarche Alpengarten Belvedere, 5. April–4. August: Ausstellung bedrohter Pflanzen.„Die goldenen Äpfel“, Zitrussammlung Orangerie Schönbrunn, 17.–19. Mai; Sektempfang mit Führung am 11. April. Sommerblumenabgabe, 29. April–10. Mai in Schönbrunn.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2019)

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