Innovation

Vom Gebäude zum Kleinkraftwerk

Ein Projekt von Facility Management Austria (FMA) und des Austrian Institute of Technology (AIT) untersucht das Potenzial der sogenannten Power-Pack-Immobilie.

Fotovoltaikpaneele auf einem Industriegebäude in Wien. Solchen Anlagen wird großes Zukunftspotenzial konzediert.
Fotovoltaikpaneele auf einem Industriegebäude in Wien. Solchen Anlagen wird großes Zukunftspotenzial konzediert.
Fotovoltaikpaneele auf einem Industriegebäude in Wien. Solchen Anlagen wird großes Zukunftspotenzial konzediert. – (c) Haberkorn (Gerhard Pilecky)

Zumindest in der Theorie ist die Idee bestechend: Fotovoltaik am Dach macht Immobilien zu Minikraftwerken. Die dabei gewonnene Energie – Netzstrom zu Niedrigpreisen – wird in Batteriespeichern im Keller oder in Form von Wärme beziehungsweise Kälte in der Betonkernaktivierung von Decken und Wänden gespeichert. Bei Bedarf lässt sich der gespeicherte Strom zu günstigen Preisen an die Mieter des Hauses oder bei entsprechender Nachfrage als Zusatzverdienst ins Netz liefern. Geholfen wäre mit einer solchen Technik allen: Schwankungen im Stromnetz ließen sich besser ausgleichen, Mieter hätten günstigeren Strom, der Immobilienbesitzer eine zusätzliche Rendite, und für alle gäbe es mehr CO2-freien Sonnenstrom.

 

Praxistest

Ob die Idee auch in der Praxis funktioniert, will jetzt der Verband Facility Management Austria (FMA) gemeinsam mit dem Austrian Institute of Technology (AIT) und mehreren Firmen untersuchen. Das Projekt trägt den bezeichnenden Namen „Power-Pack-Immobilie“. „Es wird das Potenzial von drei Gebäudekategorien – Gewerbe und Industrie, Büro und Wohnbau – unter die Lupe genommen“, erzählt Robert Punzenberger, der aufseiten der FMA für die Studie verantwortlich ist.

Beim AIT sind mehrere Forschungsbereiche von der Batterietechnik über Energiemanagementsysteme bis zur Gebäudetechnik in das Projekt involviert. Ein wesentlicher Teil der Studie wird den künftigen Marktbedingungen gewidmet sein. In Simulationen soll festgestellt werden, wie sich die Energiesysteme entwickeln, wie weit und in welchem Ausmaß Gebäude als Energiespeicher notwendig und sinnvoll sein werden. „Wir führen Energiesystemmodellierungen für Österreich durch, bei denen auch der europäische Kraftwerkspark berücksichtigt wird“, berichtet Steffen Robbi, Business Manager vom AIT.

Technologisch sieht Robbi keine wesentlichen Hindernisse. „Der Knackpunkt ist die vertragliche Abwicklung. Um das volle Potenzial der ,Power-Pack-Immobilie‘ ausnutzen zu können, braucht es jedoch professionelle Dienstleister“, sagt der AIT-Manager. Die ersten Ergebnisse der Studie werden im Herbst bei der FMA-Tagung präsentiert. Das große Interesse der Facility-Manager an diesem Thema hat einen guten Grund: „Energiemanagement im Gebäude wird in Zukunft eine unserer Hauptaufgaben werden“, betont Punzenberger.

 

Knackpunkt Abrechnung

Dass die vertragliche Beziehung zu den Stromabnehmern ein Knackpunkt sei, bestätigt Alexander Redlein, Universitätsprofessor der TU Wien und Experte für Facility-Management: „Viele Developer diskutieren diese Möglichkeiten bereits, aber die Durchführung der Abrechnung ist eine Hürde.“ Sonst hätten solche Modelle für Immobilienbesitzer oder Investoren durchaus ihren Reiz, meint er: „Verkaufe ich den Strom an meine Mieter, tue ich ihnen etwas Gutes, und mein Deckungsbeitrag ist deutlich höher als bei einer Lieferung ins Netz“, sagt Redlein.

Die Kombination von Fotovoltaik und Stromspeichern bei Immobilien hat für Redlein auch aus anderen Gründen großes Zukunftspotenzial. Mit Sonnenstrom könnte die aufgrund des Klimawandels notwendige Kühlung von Gebäuden umweltfreundlich und kostengünstig erfolgen. „Die Verknüpfung zwischen Immobilie und E-Mobility wird ebenfalls zum Thema werden“, meint er. Die Solaranlage am Dach des Wohn- oder Bürohauses lädt dann das Auto in der Tiefgarage.

Möglich werden solche Modelle durch die Ökostrom-Novelle von 2017. Sie erlaubt es, dass Strom aus der Erzeugungsanlage am Dach von einzelnen Parteien genutzt oder ins Netz verkauft wird. Wien Energie hat bereits im Vorjahr in Zusammenarbeit mit der Wohnbauvereinigung für Privatangestellte in der Donaustadt die erste Gemeinschaftsfotovoltaikanlage der Stadt errichtet. Zahlreiche weitere Projekte sind – mit verschiedenen Bauträgern – in Planung und werden noch in diesem Jahr umgesetzt. Rund zehn Prozent der Wiener Wohnhäuser wären für eine solche Gewinnung von Sonnenstrom geeignet.

 

Full-Service-Lösungen

„Interessant sind diese Projekte für Wohnhäuser ab rund 30 Wohneinheiten“, erzählt Wien-Energie-Sprecher Boris Kaspar. Für den Hauseigentümer werde die Immobilie durch das Angebot des lokal erzeugten Ökostroms aufgewertet, und die Bewohner könnten PV-Strom durch den teilweisen Wegfall der Netzgebühren günstiger beziehen, erklärt er die Vorteile. Außerdem lukriert der Hausbesitzer zusätzlich Entgelt für die verpachtete Dachfläche. Die Koppelung mit einem Batteriespeicher ist ebenfalls möglich.

Für Gewerbeimmobilien bietet Wien Energie – wie auch einige andere Energieversorger – ebenfalls solche Full-Service-Lösungen an, die Planung, Errichtung und Abrechnung umfassen. Der Energielieferant bleibt dabei aber immer der Eigentümer der PV-Anlage. Andere Wege – etwa Finanzierung und Betrieb von PV-Anlage und Stromspeicher durch einen Investor und lediglich Durchführung der Abrechnung durch den Energieversorger – stehen bei Wien Energie derzeit noch nicht zur Diskussion.

AUF EINEN BLICK

Das von der FMA in Zusammenarbeit mit AIT betriebene Projekt „Power-Pack-Immobilie“ erforscht, wie am Gebäude selbst Strom und Wärme produziert, Überschüsse gespeichert oder ins Netz eingespeist werden können. Die Projektergebnisse werden am 25. September im Rahmen der fünften FM-Days der FMA und Ifma präsentiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2019)

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