Grätzeltour

Wiedner Hauptstraße: Ruhepol im Theatertrubel

Der Theaterautor Bernhard Studlar wohnt in einer Seitengasse der Wiedner Hauptstraße im vierten Bezirk. Die kleinteilige Infrastruktur des Viertels hat es ihm besonders angetan.

Bernhard Studlar vor der 1536 gegründeten Bäckerei Grimm in der Wiedner Hauptstraße.
Bernhard Studlar vor der 1536 gegründeten Bäckerei Grimm in der Wiedner Hauptstraße.
Bernhard Studlar vor der 1536 gegründeten Bäckerei Grimm in der Wiedner Hauptstraße. – (c) DIMO DIMOV

Die Wieden, der vierte Wiener Gemeindebezirk, ist eine der ältesten Vorstädte Wiens. Die Hauptstraße, dessen Name von Widum, Pfarrhof, abgeleitet ist, war schon immer eine der wichtigsten Ausfallstraßen nach Süden. „Ich mag die Wiedner Hauptstraße, da sie immer belebt ist, es noch kleine, alteingesessene Geschäfte gibt und sie ihren Charakter seit Jahren nicht verändert hat“, erzählt der Theaterautor Bernhard Studlar, der in einer Nebenstraße wohnt. „Und das seit Anfang der 2000er-Jahre, als ich nach dem Studium in Berlin nach Wien zurückgekehrt bin.“

Einen optisch prominenten Platz in dieser Straße nimmt das Gebäude der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft ein, das von 1971 bis 1974 von den Architekten Carl Appel und Erich Majores als schmuckloser Stahlskelettbau errichtet wurde. Konterkariert wird er von historisch interessanteren Gebäuden wie jenem an der Ecke Klagbaumgasse, das 1912 von Anton Baron errichtet worden ist und in dem der Architekt Josef Frank gelebt hat. Zuvor stand an dieser Stelle das Siechenhaus zum Klagbaum, das 1267 für Aussätzige gegründet wurde. Schräg gegenüber findet sich ein 1875/76 erbautes Frühwerk von Otto Wagner, das noch dem strengen Historismus verhaftet ist.

Gründerzeitflair

Die Gegend zwischen Wiedner Hauptstraße, Großer Neugasse, Klagbaumgasse, Mittersteig, Phorusgasse und Margaretenstraße ist nicht nur eine der geschichtsträchtigsten, es ist auch das Grätzel, in dem sich Studlar bewegt. „Ganz besonders mag ich den Eissalon Giardino, einen alteingesessenen italienischen Eissalon, oder die Bäckerei Grimm in der Wiedner Hauptstraße, die es seit 1536 gibt.“ Gleich ums Eck, in der Großen Neugasse, trifft man auf das Gasthaus Tancredi, „eines meiner Lieblingslokale. Vor allem im Sommer, weil der Garten so liebevoll hergerichtet ist – eine kleine grüne Oase, abgesehen vom guten Essen“. Das Grätzel zwischen Wiedner Hauptstraße und Margaretenstraße ist vornehmlich von Gründerzeithäusern geprägt. Die ursprünglichen Biedermeierhäuser, einst typisch für das Viertel, sind dem Bauboom der Gründerzeitjahre zum Opfer gefallen. „Der Unterschied zu den geschäftigen Straßen wie der Wiedner Hauptstraße und der Margartenstraße macht den Reiz dieses Viertels aus“, konstatiert der Autor, der seit seiner Rückkehr nach Wien mit Preisen überhäuft und an renommierten Spielstätten wie dem Burgtheater gespielt wird. „Ich hatte einen recht guten Einstand in Wien“, schmunzelt er rückblickend.

Den Mittersteig entlang, der noch Anfang des 18. Jahrhunderts ein einfacher, gewundener Feldweg war, geht es über die ruhige Straußengasse hinunter zur Margaretenstraße, in der sich gleich mehrere seiner Lieblingsanlaufstellen befinden. Im O' Terra kauft er sein Olivenöl, im Délices du midi französische Spezialitäten: „Die Besitzer holen die Delikatessen, etwa Weine oder Pasteten, direkt aus Frankreich“, weiß er zu berichten. Regelmäßig stöbert er beim Art postal, einem skurrilen kleinen Laden, der nur Postkarten, zum Teil von Künstlern entworfen, verkauft; im Donatella deckt er sich mit italienischen Spezialitäten ein.

Wenn ihm denn Zeit bleibt, denn über Arbeitsmangel kann sich der Autor nicht beklagen. Derzeit arbeitet er unter anderem an einem Auftrag des Theaters Erlingen, einem Kinderstück, demnächst geht es zum Festival Hin & weg nach Litschau, wo er gemeinsam mit Gustav Ernst einen Theaterworkshop leitet. „Ich bin viel unterwegs“, sagt er bei einem Kaffee im Zweitbesten in der Margaretenstraße. „Meinen Ruhepunkt finde ich aber hier, in meinem Grätzel.“

ZUM ORT, ZUR PERSON

Die Wieden ist einer der kleinsten Bezirke Wiens und dicht verbaut. Die Zahl der Neubauprojekte ist begrenzt, Investoren schätzen den hochwertigen Zinshausbestand. Eigentumswohnungen kosten laut „Erstem Wiener Wohnungsmarktbericht 2019“ von EHL und Buwog im Erstbezug durchschnittlich 5400€, sonst 3900 €/m2. Für Mietwohnungen muss man im Erstbezug 13€, für sonstige 11,20€/m2 berappen.

Bernhard Studlar ist ein renommierter Theaterautor, der in Wien lebt und arbeitet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2019)

Lesen Sie mehr zum Thema
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Wiedner Hauptstraße: Ruhepol im Theatertrubel

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.