Damals und Heute: Das Palais Ephrussi

APA/Schlager

Wien - Heimat der Superreichen, Denkmal der NS-Zeit: Das Palais Ephrussi an der Wiener Ringstraße war einst der Wohnsitz der gleichnamigen jüdischen Familie, die zu den wohlhabendsten der Stadt gehörte. Wie viele andere Kaufleute aus dieser Region waren auch die Ephrussi aus dem Osten in die Metropole Wien gekommen - nämlich aus Odessa, wo Joachim Ephrussi ein Bank- und Warenhaus begründet hatte. Der repräsentative Wiener Familiensitz wurde nach Plänen von Theophil Hansen errichtet und 1873 vollendet. Die Ephrussi lebten keine 50 Jahre in dem Palais: 1938 wurde es "arisiert".

Bauherr Ignaz Ephrussi, ein Sohn des 1864 verstorbenen Stammvaters Joachim, gab dem Architekten ein klares Programm vor: "Das Erdgeschoß sollte möglichst rentable Verkaufsgewölbe enthalten. Den ersten Stock wollte der Bauherr selbst bewohnen und verlangte zu diesem Zwecke einen eigene Stiege, welche von keiner andern Partei im Hause mitbenützt werden dürfte (...). Außerdem sollte das Haus drei Stockwerke für die Parteien erhalten, mit einer bequemen Haupt- und einer Küchenstiege, ferner im Erdgeschoß noch einen Stall für vier Pferde (...)." (Zitat aus der Allgemeinen Bauzeitung, zu finden im Buch "Hinter den Fassaden der Ringstraße" von Otto Schwarz.)

Palais und Zinshaus

Das mächtige Haus mit seinen schlossartigen Türmen bekam einen durchaus prominenten Platz - gegenüber der Universität (Dr.Karl-Lueger-Ring) - und war eine Kombination aus Palais und Zinshaus. Über der "Beletage" wurden Mietwohnungen errichtet. Die Fassade wurde dem Nachbarhaus angepasst, sodass der Eindruck entsteht, der Häuserblock gehört zusammen. Das Areal war zuvor unverbaut und gehörte zu den die Innenstadt umschließenden Basteianlagen, von denen in unmittelbarer Nähe des Gebäudes noch Reste zu sehen sind - jene der Mölkerbastei.

Geschichte

Nach dem Tod von Ignaz Ephrussi 1899 übernahm dessen Sohn Viktor das Geschäft in Wien, und damit auch den Palast am Ring. Es folgten einige prosperierende Jahre, der finanzielle Abstieg begann dann aber mit dem ersten Weltkrieg. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das Palais geplündert. Vor dem NS-Terror musste sich Viktor Ephrussi schließlich in Großbritannien in Sicherheit bringen, seine Frau Emmy starb auf der Flucht.

Von den Nazis wurde der Bau rasch "arisiert", unter anderem residierte dort Reichsleiter Alfred Rosenberg. Nach dem Krieg wurde das Haus zurückgegeben, musste von den verarmten Nachfahren aber verkauft werden. 1969 wurde das Palais Firmensitz der Casinos Austria, die nach ihrem Auszug vor wenigen Jahren die Immobilie veräußerten.

Käufer war die Wiener Firma EPAM, deren 100-Prozent-Gesellschafter die Invicta Privatstiftung ist, die wiederum dem Unternehmer Peter Bertalanffy und seiner Frau Helga gehört. Das Palais hat dem Vernehmen nach für 31 Mio. Euro den Besitzer gewechselt. Bis heute befinden sich im Erdgeschoß Geschäfte, unter anderem eine Buchhandlung, eine Bankfiliale und ein Bäcker.(APA)

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