Minimale Flächen mit maximaler Wirkung

Kleine Räume können sehr viel hermachen – Architekten wissen wie. Nur aufräumen muss man selbst.

(c) Longitude

Um kleinen Raum groß und kostbar wirken zu lassen, sind architektonische Kunstgriffe gefragt. Das Geheimnis liegt in der Reduktion, in der Verschränkung von außen und innen. Und im Aufräumen. „In einer Stadt, in der vor 30 Jahren eine Million Menschen gelebt haben, finden heute nur mehr eine halbe Million Platz – einfach, weil sich der individuelle Raumbedarf verdoppelt hat“, so Architekt Martin Mutschlechner. Umso herausfordernder sei es für Architekten, Luxus auf kleinem Raum zu schaffen, besteht doch der Maßstab für Exklusivität in Großzügigkeit und Weitläufigkeit. Wie das Unterfangen gelingen kann, stellte sein Architekturbüro Stadtlabor anhand einer kleinen, feinen Wiener Wohnung unter Beweis.

 

Nischen, Zonen, Atmosphären

Die Ausgangslage: 90 Quadratmeter Wohnfläche ohne klar abgegrenzte Bereiche, aber mit einem langen schmalen Gang. Die Lösung sieht so aus: Das Raumgefüge wird klar zoniert, um unterschiedliche Atmosphären zu schaffen. Durch verschiedene Qualitäten von Oberflächen und die Möblierung entsteht eine Struktur. Dabei nimmt sich das Stadtlabor die gewachsene Stadt zum Vorbild, „denn auch dort gibt es verschiedenste Plätze und Wege“. Zentrales gestalterisches Element ist ein raumlanges beidseitiges Schrank- und Möbelelement im Mittelgang, das mit seiner einheitlichen weißen Oberfläche eine ruhige Raumeinheit schafft. Die bewusst positionierten Nischen heben sich in leuchtenden Farben ab. „Um Kleines größer wirken zu lassen, sind möglichst aufgeräumte, geometrisch aufgelöste Räume wesentlich“, sagt Mutschlechner über das architektonische Konzept. „Erst auf diese Weise können edle Möbel wirken und durch Lampen und Leuchten Stimmungen generiert werden.“ Eine Tiefenwirkung kann durch Vorsprünge und Nischen erzielt werden.

Dass eine Verschränkung von außen und innen mehr Weite gibt, als tatsächlich vorhanden ist, beschreibt Mutschlechner anhand des Projekts „Villa W“. Hier hat man auf 90 Quadratmetern ein Haus für eine Person konzipiert. In das U-förmige Gebäude mit Satteldach hat man Ausschnitte gesetzt – durch das „Herausstanzen von Einzelteilen sind drei miteinander verschränkte Baukörper entstanden. So kann man vom Wohnbereich über die Terrasse in den Arbeitsbereich blicken, hat also einen Ausblick auf sein eigenes Haus, das schafft eine besondere Atmosphäre.“

 

Architektonische Zurückhaltung

Will man aus Kleinem Großes machen, ist Klarheit die Prämisse. „Zu Schrilles, zu Buntes kann schnell anstrengend werden“, so Mutschlechner. Das Leben sei ohnehin meist bunt genug mit all unseren Alltags- und Einrichtungsgegenständen, „da sollte sich das Haus zurücknehmen“.

Manchmal gibt auch einfach die Bauordnung das enge Korsett vor. Der Name des Objekts „MAX35“ kommt nicht von ungefähr – das niederösterreichische Kleingartengesetz begrenzt die maximal bebaubare Fläche auf einem Grundstück am Klosterneuburger Donauseitenarm mit 35 Quadratmetern. Abzüglich der Außenwände ergab das eine Nettogeschoßfläche von 28 Quadratmetern. Trotzdem hat Architekt Andreas Dreer vom Büro Dreer2 ein hochwassersicheres, cooles Wochenenddomizil auf gesamt 43 Quadratmetern geschaffen, das einem baufälligen Strandhaus aus den 1920er-Jahren gewichen ist.

 

Ein- und Ausblicke gewähren

Möglich wurde dieser architektonische Kunstgriff durch differenzierte Niveaus, die verschiedene Ein- und Ausblicke gewähren. Die Wohnebene gliedert sich in Wohnen, Essen, Kochen sowie einen separaten Sanitärbereich; die zentrale Freitreppe erschließt den in drei Ebenen gesplitteten Galerieraum. Raumhohe Schrankmöbel im Wohn-, und Küchenbereich sorgen für den nötigen Stauraum.

Wesentlich in kleinen Räumen ist der Einsatz von hellen Materialien, rät Dreer in Sachen Minimalhäuser, „zudem muss die Inneneinrichtung von Anfang an miteingeplant werden“. So könne der Raum auch beispielsweise durch Einbauschränke optimal genutzt werden.

 

Das Raumkonzept einer Luxusjacht

„Der Luxus besteht in der Lage“, sagt der Architekt über das Grundstück mit direktem Zugang zum Wasser. Wo es möglich war, wurden Fenster auf Raumhöhe eingesetzt, um ein lichtdurchflutetes Ferien-Einraumhaus zu realisieren. Dreer vergleicht das Raumgefüge mit einer Segeljacht: „Jede Nische wurde ausgenutzt, unter den Stufen verstecken sich Schubladen.“ Der zweigeschoßige Baukörper mit den Maßen fünf mal sieben Metern wird von Stelzen getragen und ist mit Holzplatten verkleidet. Über eine offene Außentreppe gelangt man auf die 16 Quadratmeter große, dem Südostteil des Hauses vorgelagerte Terrasse. Diese verbindet das Hausinnere mit dem Außenraum und wird als grünes Wohnzimmer genutzt.

Luxus auf kleinem Raum macht auch vor dem temporären Wohnen nicht halt, selbst dort, wo man ihn am allerwenigsten vermutet: Glamping heißt das Zauberwort im 21. Jahrhundert – Camping mit Glamour-Anspruch. Das Glamping-Resort Canonici di San Marco in Mirano vor Venedig etwa „ist ein Platz, an dem Natur und Ökologie mit Design und Luxus kombiniert werden“, schwärmt Betreiberin Emanuela Podoan. Die Lodges in Form von großzügigen Zelten hat sie mit Gegenständen ausgestattet, die sie in aller Welt zusammengetragen hat.

 

Natur statt Quadratmeter

„Ich denke, der größte Luxus, den wir bieten, ist Privatheit und Ruhe. Es entsteht der Eindruck, das man allein auf der Welt ist, nur umgeben von Natur“, erklärt Claire Versteeg von der portugiesischen Eco-Lodge Brejeira, in der man in mongolischen Luxusjurten nächtigen kann. Ein anderer, international viel beachteter Glamping-Hotspot liegt downunder: Vor der Kulisse des Ayers Rock hat Longitude 131° exklusive Luxuszelte im wahrsten Sinn des Wortes in den Sand gesetzt. Auf Stelzen errichtete Zeltbungalows gruppieren sich um das zentrale Dune House – alles ein Entwurf des bekannten australischen Architekten Philip Cox.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2012)

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