Bürgerlicher Rebell mit großem Ego

Matthias Strolz, Parteichef der Neos, will „Österreich verändern“. Dafür gab er ein erfolgreiches Unternehmen auf und brach mit seiner politischen Vergangenheit.

Matthias Strolz
Matthias Strolz
Matthias Strolz – Die Presse

Wien. Politik ist immer auch Improvisation. Matthias Strolz steht in seinem Büro im noch sehr spärlich möblierten Hauptquartier der Neos, einem Dachgeschoß in Wien Neubau, und weiß nicht so recht, wohin er den Gesprächspartner bitten soll. Plötzlich verschwindet er durch die Tür, kehrt mit einem Klapptisch zurück, wirft eine EU-Fahne darüber und nimmt Platz. „Was kann ich für Sie tun?“, fragt er. Dann legt Strolz los.

Der 39-jährige Wahlwiener, ein gebürtiger Vorarlberger, ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was Psychologen eine introvertierte Persönlichkeit nennen: offen, energisch, ein bisschen übermotiviert, dabei aber überzeugend und einnehmend – wie ein Prediger. Er sagt Sätze wie: „Ich glaube an die Kraft des Individuums, ich glaube, dass wir Menschen die Dinge selbst in die Hand nehmen müssen.“ Vor allem aber glaubt dieser Matthias Strolz an eines: dass Matthias Strolz die Dinge in die Hand nehmen muss.

Ein langjähriger Weggefährte nennt ihn einen „idealistischen Triebtäter“, der „eine Art Sektenführertalent“ habe. Strolz sei überzeugt, die Gesellschaft verbessern zu können. Sein „unglaublicher Antrieb“ sei ansteckend und anstrengend zugleich. Strolz bevorzugt die Bezeichnung „menschenliebender Idealist“ – jemand also, der sich aus hehren Motiven engagiert. Politik versteht er „als jenen Ort, an dem wir uns ausmachen, wie wir miteinander leben“. Doch dieser Ort sei beschädigt – „durch Korruption, Ignoranz und Zynismus“. Er trete an, um diesem Zustand „etwas Positives entgegenzusetzen“.

Dieses Etwas nennt sich „Neos – das neue Österreich“, wurde im Herbst gegründet und ist eine bürgerlich-liberale Partei, die sich aus wahltaktischen Gründen ein breiteres Etikett verpasst hat: „Wir sind eine klassische Zentrumspartei – wie Schwarzenberg in Tschechien oder Monti in Italien“, sagt Strolz.

Die Kernwerte – Wertschätzung, Eigenverantwortung, Authentizität und Nachhaltigkeit – sind auch der kleinste gemeinsame Nenner mit dem Liberalen Forum und den Jungen Liberalen (JuLis), die mit den Neos eine Wahlplattform bilden. Diese Woche stießen auch einige frustrierte Ex-Grüne dazu.

Das gemeinsame Ziel ist der Nationalratseinzug, fürs Erste zumindest. Mittelfristig träumt der Parteichef von zehn Prozent und langfristig wohl vom Bundeskanzleramt – auch wenn er das so nie sagen würde. Die Frage, was seine ersten Amtshandlungen als Kanzler wären, kann Strolz aber ad hoc beantworten. Er würde ein Bildungsreformkonklave einberufen, ein Bürgerforum in der Hofburg veranstalten und das Wahlrecht zugunsten von Personen und zulasten von „anonymen Parteiapparaten“ ändern.

Für seine Mission hat Strolz sogar mit Teilen seiner Vergangenheit gebrochen. Aus der Geschäftsführung seines durchaus erfolgreichen Beratungsunternehmens, das der promovierte Wirtschaftswissenschaftler 2001 mit einer Partnerin gegründet hatte, stieg er im November aus, um sich ausschließlich der Politik widmen zu können. Bisher hat keiner der 17 Mitarbeiter seinen Job verloren. Aber Strolz, nach wie vor Hälfteeigentümer, verhehlt nicht, dass 2013 ein schwieriges Jahr wird. Denn mit seinem Abgang brachen auch viele Kunden weg – aus der Privatwirtschaft, vor allem aber aus der Politik.

Einer der wichtigsten Auftraggeber war der ÖVP-Wirtschaftsbund, in dem Strolz bis 2011 außerordentliches Mitglied war. Er galt als Hoffnungsträger der Partei, der zwar immer schon querdenkerisch und provokant war, aber wenigstens einen christlich-sozialen Hintergrund hatte. Strolz entstammt einer politischen Familie aus dem Klostertal. Der Ururgroßvater väterlicherseits war der Bauernrevolutionär und Dichter Franz Michael Felder. Der Großvater mütterlicherseits vertrat die ÖVP lange im Gemeinderat, und auch die Mutter ist in der Bauernschaft aktiv.

 

„Genieverdacht gegenüber sich selbst“

Als Strolz seine eigene Partei gründete, wandten sich seine Mentoren enttäuscht von ihm ab – unter anderem Karlheinz Kopf, der heutige Klubobmann. Strolz, heißt es seither in der ÖVP, sei frustriert gegangen, nachdem man ihm ein Nationalratsmandat verwehrt hatte. Was Strolz bestreitet: Man hätte ihm sogar ein Mandat in Aussicht gestellt, doch er wollte nicht, weil seine Reformansätze in der Partei nicht gefragt gewesen seien.

Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte, wie ein Kenner beider Seiten erzählt: Strolz hätte Karriere machen können, wäre er bereit gewesen, sich durch die Mühen der Parteiebene zu dienen. Allerdings habe er gewartet, dass ihm ein Mandat angeboten werde, „weil er einen Genieverdacht gegenüber sich selbst hat“. Als er merkte, dass es so nicht läuft, habe er die Konsequenzen gezogen.

Verärgert ist man dieser Tage auch im studentischen Flügel der ÖVP, der Aktionsgemeinschaft (AG), in der Strolz' politische Karierre begann. Von 1996 bis 1998 war er ÖH-Vorsitzender an der Uni Innsbruck. Dass die Neos in einem ÖH-Wahljahr mit den Jungen Liberalen, einem der Hauptkontrahenten der AG, eine politische Liaison eingegangen sind, sorgt im alten Netzwerk für große Irritationen. „Das könnte ihn Freundschaften kosten, denn für manche ist das Hochverrat“, meint ein ehemaliger Mitstreiter.

Ein Stück weit kann Strolz den Unmut sogar verstehen. „Aber Persönlichkeiten entwickeln sich.“ Er habe zwischen Loyalität und Eigenverantwortung abwägen müssen. „Und ich habe mich für den Ruf des Herzens entschieden.“ Die ÖVP, sagt er, sei eine verknöcherte Partei geworden, in der lustvolle Politik nicht möglich sei. „Aber ich will Österreich verändern.“ Mit Improvisation hat das nichts mehr zu tun – das ist ernst gemeint.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2013)

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