Gesundheit: Eine Republik im Krankenbett

Mit jährlich 261 Spitalsaufenthalten pro 1000 Einwohner ist Österreich Weltspitze, so eine OECD-Studie. In Deutschland (Platz 2) sagen Politiker: Viele Operationen finden statt, um Spitäler zu finanzieren.

Symbolbild
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Gesundheit: Eine Republik im Krankenbett – (c) Die Presse (Eva Rauer)

Wien/Berlin. Das – laut österreichischer Bundesregierung – beste Gesundheitssystem der Welt bittet seine Patienten so häufig wie kein anderes Land ins Spital. Laut einer aktuellen OECD-Studie liegt Österreich mit jährlich 261 Spitalsaufenthalten pro 1000 Einwohner an der Spitze aller 34 Industriestaaten.

Das ist ineffizient und teuer, sagt man in Deutschland, das mit 240 Aufenthalten pro Jahr auf Rang zwei liegt. Dort wird heiß diskutiert, vor allem über die damit verbundene hohe Zahl an Operationen. Politiker und Krankenkassen sind überzeugt, dass die Ärzte zu oft zum Skalpell greifen – aus wirtschaftlichen Motiven. Erst seit 2004 zahlen die deutschen Krankenkassen nach „Fallpauschalen“, wie es sie in Österreich seit 1997 gibt: Je mehr Eingriffe und je kostspieliger die Behandlungen, desto mehr Geld gibt es für Spitäler. Diese stehen unter wirtschaftlichem Druck, die teure OP-Ausrüstung muss ausgelastet werden. Ärzte erhalten Boni für eine hohe Zahl an Eingriffen, manche operieren wie im Akkord. Ein Grund dafür, dass die Zahl der Eingriffe deutlich stärker steigt als im OECD-Schnitt.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hält diese Lesart für „Diffamierung“. Ihre Erklärung des Anstiegs: Je älter die Menschen werden, desto öfter müssen sie unter das Messer. Laut Krankenkassen ist die demografische Entwicklung aber nur für 30 bis 40 Prozent der zusätzlichen Operationen verantwortlich. Aber auch die Ansprüche der Patienten steigen, sie wollen im Alter noch wandern und Tennis spielen, so die Ärzte.

Doch die Front bröckelt: Immer mehr Chirurgen packen aus und erzählen von ihren Gewissenskonflikten. Die Gesellschaft der Orthopäden mahnt, sich öfter für Therapie statt Operation zu entscheiden. Die Regierung setzt wie die OECD auf Anreize: Die Kassen sollen nicht nach Menge, sondern nach Qualität des Ergebnisses bezahlen. Das klingt gut, aber wie die Qualität mit vertretbaren Kosten zu messen ist, darüber herrscht Uneinigkeit.

Wie in Deutschland identifizierten Kritiker auch hierzulande den Wechsel des Abrechnungssystems als Wurzel des Problems. Da die durchschnittliche Dauer pro Spitalsaufenthalt nicht mehr gesondert vergütet wird, fällt diese seit Jahren auf zuletzt 5,4 Tage. Die Zahl der Operation hingegen steigt. In Österreich übrigens besonders stark, weil sich die Landeshauptleute als politische Manövriermasse gewaltige Spitalsapparate mit vielen Betten aufgebaut haben. 7,6Akutbetten pro 1000 Einwohner (Rang vier in der OECD, deren Schnitt liegt bei vier) wollen einmal finanziert werden.

Hans Jörg Schelling, Hauptverband-Vorsitzender, sind die OECD-Zahlen bekannt. „Sie zeigen, dass Österreich eine hohe Spitalslastigkeit im System hat und dieses deshalb reformiert gehört.“ Wie, darüber verhandeln derzeit Kassen, Bund und Länder. Bezeichnend für die österreichische Situation: Bisher standen insbesondere jene Länder auf der Bremse, in denen heuer gewählt wurde (Kärnten, Niederösterreich) oder noch gewählt wird (Salzburg, Tirol).

Viele Operationen, höheres Risiko

Dass zu viele Operationen sogar Leben gefährden können, hat der Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer vor einigen Jahren in einer Studie über Mandeloperationen an Kindern nachgewiesen. Damals lag die Sterblichkeit wegen Komplikationen bei 1:1500. In der Fachliteratur liegt diese bei 1:16.000 bis 1:35.000, in Italien gar nur bei 1:95.000. Warum? Pichlbauer wies nach, dass ebendort von 10.000 Einwohnern nur elf an den Mandeln operiert wurden. In Österreich waren es 67.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2013)

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