Koalition: Hoch pokern, fast scheitern

Bis Weihnachten soll die neue Regierung von SPÖ und ÖVP stehen. Was die Parteichefs Faymann und Spindelegger am Verhandlungstisch beachten sollten.

(c) REUTERS (HEINZ-PETER BADER)

Wien. Auch wenn viele es so darstellen wollen: Verhandlungen sind kein Fußballspiel. Es geht nicht darum, einen Gewinner und einen Verlierer zu küren. Sondern vielmehr um eine Win-win-Situation, mit der beide Partner leben können. So erklärt Roman Trötschel, Professor am Institut für Psychologie an der Leuphana Universität Lüneburg und Experte auf dem Gebiet, das Wesen von Verhandlungen. Das treffe auch auf die Koalitionsgespräche in Österreich zu. Schließlich müssen SPÖ-Chef Werner Faymann und sein Gegenüber aus der ÖVP, Michael Spindelegger, mit dem Ergebnis die nächsten fünf Jahre Regierungsarbeit bestreiten – und das gemeinsam.

Doch das bedeutet noch lange nicht, dass nicht jede Partei ihre Tricks auf Lager hat. Man feilscht schließlich nicht nur mit dem Gegenüber am Verhandlungstisch. Auch dem Wähler muss man das Erarbeitete verkaufen. Seit vergangenem Dienstag brüten allein in der sogenannten großen Verhandlungsgruppe 26 Köpfe über die künftige Regierung. Bis Weihnachten soll feststehen, welche Ministerien wie besetzt werden, und was in das Regierungsprogramm kommt.

Nicht überall einen Kompromiss finden

„Man muss nicht bei jedem Thema einen Kompromiss finden“, erklärt Trötschel. Jede Partei hätte unterschiedliche Präferenzen. „In Deutschland ist es für die SPD zum Beispiel wichtig, einen Mindestlohn auszuverhandeln. So kann sie sich als kleiner Koalitionspartner profilieren.“ Für die CDU hingegen sei dieses Thema keine Fahnenfrage. Für ihre Wähler sei es eher von Bedeutung, sich bei den Themen Asyl und Zuwanderung durchzusetzen.

Allgemein sei es wichtig, viele Themen zu besprechen. Man brauche möglichst viel Masse zum Jonglieren. „Ist ein Bereich fertig besprochen, sollte man ihn nicht gleich abhaken. Wenn Verhandlungen bei einem anderen Punkt ins Stocken geraten, kann man das erste Thema wieder aufschnüren.“

Wenn es dann tatsächlich darum geht, die Gespräche zu starten, hat Trötschel folgende Tipps parat: „Der erste Vorschlag muss immer hoch gegriffen sein, auch wenn er vielleicht nicht realistisch ist.“ Am Beispiel Reichensteuer, die die SPÖ fordert und die ÖVP dezidiert ablehnt, müsste die Gruppe rund um Faymann also einen hohen Steuerprozentsatz fordern, etwa 7,58 Prozent. „Der Betrag muss auch möglichst genau sein. Dann suggeriert man, dass man alles genau berechnet hat.“

Wenn sich beide Parteien partout nicht einigen können, würden auch Zukunftsszenarien helfen. „Man kann sich Ziele setzen: Wenn die Wirtschaftslage in fünf Jahren stabil ist, kommen keine Steuern. Ansonsten schon.“ Egal wie konträr die inhaltlichen Positionen seien, der Ton müsse allerdings ruhig bleiben, meint Herbert Drexler, Vorsitzender des Österreichischen Medienverbands in Wien. Frei nach der Harvard-Methode: Hart in der Sache, weich zum Menschen. Sonst könnte die Lage schnell eskalieren. „Denn Ideologien erzeugen Emotionen. Und Emotionen verhindern eine sachliche Diskussion.“

Zugeständnisse würden aber ohnehin nur sehr langsam gemacht werden, meint auch der deutsche Verhandlungsexperte und-trainer Peter Knapp. „Es ist eine besondere Gabe, möglichst viel auszuhalten, ganz nah ans Scheitern zu gehen. In der Hoffnung, dass der andere nachgibt.“ Die SPÖ werde auf jeden Fall gleich zu Beginn versuchen, Grenzen zu setzen. Etwa beim sogenannten Zwölf-Stunden-Tag. „Eine Gemeinsamkeit haben die Parteien aber auf jeden Fall: Sie haben keine Alternative.“ Eine andere Koalitionsmöglichkeit gibt es nicht. So gesehen sitzen sie ohnehin in einem Boot.

ZUR PERSON

Herbert Drexler ist seit 2011 Vorsitzender des Österreichischen Verbands für Mediation. Der studierte Physiker, Philosoph und Systemtheoretiker ist außerdem Unternehmensberater. [ ÖBM ]

Peter Knapp ist Verhandlungstrainer in Deutschland. Als selbstständiger Unternehmer coacht er Führungskräfte, arbeitet als Mediator und bietet Verhandlungstraining an. [ Peter Knapp GmbH ]

Roman Trötschel ist Professor für Sozial- und Organisationspsychologie an der Leuphana Uni Lüneburg. Er beschäftigt sich mit kognitiven Prozessen bei Verhandlungen. [ Uni Lüneburg ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2013)

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