JFK-Attentat: Das ballistische Jahrhunderträtsel

Die fast schon mythische "Theorie der magischen Kugel" scheint widerlegt. Mehr Licht in die Ereignisse des 22. November 1963 bringt das aber nicht.

Am 22. November 1963 starb John F. Kennedy.
Am 22. November 1963 starb John F. Kennedy.
Am 22. November 1963 starb John F. Kennedy. – (c) Imago

Jeder, der sich mit dem Attentat auf US-Präsident John F. Kennedy vor 50 Jahren befasst, kommt an einem Phänomen nicht vorbei: der "Theorie der magischen Kugel". Kaum eine andere These rüttelt so sehr am offiziellen Bild der Ereignisse des 22. Novembers 1963 und nährt Verschwörungstheorien so nachhaltig. Denn die "magische Kugel" soll insgesamt sieben Verletzungen beim getöteten Kennedy sowie dem mitfahrenden US-Gouverneur von Texas, John Connally, verursacht haben. Das leitete zumindest der US-Staatsanwalt Jim Garrison 1967 aus den Befunden der offiziellen "Warren Kommission" zur Klärung des Attentats ab - für ihn ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Kugel drang demnach von hinten oben in Kennedys Körper ein. Dann durchschlug sie seinen Hals, vollzog eine Rechts- und eine darauffolgende Linkskurve, ehe sie in Connallys Rücken eindrang. Nach einer weiteren Kurve durchschlug sie sein Handgelenk und blieb nach einer letzten Kurve in Connallys Oberschenkel stecken. Und die Kugel blieb bei alldem unversehrt. So zumindest die Theorie (siehe Grafik).

(c) Wikipedia (Bradipus)

Nach neueren Erkenntnissen ging die "Theorie der magischen Kugel" aber wohl von mehreren falschen Grundvoraussetzungen aus:

  • Connally saß nicht auf gleicher Höhe mit Kennedy, sondern auf einer ausklappbaren Sitzfläche, die sich um einige Zentimeter tiefer befand als der Sitz des US-Präsidenten.
  • Connally saß nicht genau vor Kennedy, sondern ungefähr zehn Zentimeter von der Autotür entfernt.
  • Genau in dem Moment, als der Schuss fiel, drehte sich Connally nach hinten.

So kommt man zwar zu einer geradlinigen Schussbahn (bei übrigens unterschiedlichem Eintrittswinkel, wenn man die beiden Grafiken vergleicht). Nicht berücksichtigt wurde aber offensichtlich, dass Connally deutlich größer war als Kennedy. Und eine wesentliche Unklarheit bleibt auf alle Fälle: die Unversehrtheit der gefundenen Kugel.

(c) Wikipedia (Bradipus)

Magische Kugel - Video

Drei Schüsse in sieben Sekunden?

Der zweite große, vorherrschende Mythos ist, dass es unmöglich sei, mit dem von Oswald verwendeten 23 Jahre alten Mannlicher-Carcano-Gewehr 91/38 innerhalb von sieben Sekunden drei Schüsse abzugeben. Das stimmt auch mit den technischen Daten des Herstellers überein: Mit dem Gewehr können in der Regel zwölf Schuss in der Minute abgegeben werden. Oswald hätte demnach also mehr als zehn Sekunden für seine drei Schüsse gebraucht.

Allerdings hat der US-TV-Sender CBS bereits im Jahr 1967 eigene Schusstests durchgeführt, die zu dem klaren Ergebnis kamen: Drei Schuss in sieben Sekunden sind problemlos möglich. Ein Waffeningenieur traf dreimal das bewegliche Ziel - in 5,2 Sekunden. Der schnellste Schütze gab die drei Schüsse sogar in 4,1 Sekunden ab, traf aber nur einmal (siehe Video unten).

CBS-Schusstest 1967

Starb JFK durch Kugel seines Leibwächters?

Ein weiteres Rätsel stellt die Austrittswunde an Kennedys Hals dar. Denn zwar konnte am Nacken eine Eintrittswunde, aber am Hals keine Austrittswunde gefunden werden. Eine mögliche Erklärung: Der Luftröhrenschnitt der behandelnden Ärzte im "Parkland Memorial Hospital". Allerdings wollen ebendiese Ärzte vor dem Eingriff eine Eintritts-, aber keine Austrittswunde entdeckt haben.

Das ballistische Rätsel ist aber um einige Aspekte reicher. Erst kürzlich berichtete "Die Presse" von einer weiteren Theorie: JFK könnte durch eine Kugel seines Leibwächters gestorben sein. Der in den USA bereits ausgestrahlte Film "JFK: The Smoking Gun" - der sich übrigens auf eine 20 Jahre alte These beruft - versucht zu belegen, dass ein müder Secret-Service-Agent versehentlich den US-Präsidenten erschoss. Viele Experten tun diese Vermutungen jedoch als simple Verschwörungstheorie ab.

Tödlicher Schuss mit Oswalds Waffe unmöglich?

(c) Simon & Schuster
Während für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("Das Ende der Verschwörungstheorien", 17.11.2013) das ballistische Rätsel bereits gelöst ist, weist ausgerechnet ein renommierter US-Thriller-Autor mit seinem Anfang des Jahres erschienenen Buch "The Third Bullet" (dt. "Die dritte Kugel") auf weiterhin ungeklärte Widersprüche hin. Der Waffenexperte und ehemalige "Washington Post"-Journalist Stephen Hunter hält es schlicht für unmöglich, dass Kennedy mit Oswalds Mannlicher-Carcano-Gewehr erschossen wurde. Dieses sei eine furchtbare Waffe gewesen, die nur verhältnismäßig langsame Kugeln abschießen konnte.

Hunters lässt seine fiktive Figur des Scharfschützen Bob Lee Swagger herausfinden, dass eine Mannlicher-Carcano-Patrone auch in die stärkere und genauere .264-Winchester-Magnum geladen werden könne. Nur eine aus dieser Waffe abgefeuerte, wesentlich schnellere Kugel könne auch jenen furchtbaren Schaden in Kennedys Kopf angerichtet haben.

Die Widersprüche bleiben

Alles nur Erfindung eines ideenreichen Spannungsautors? Hunter erklärt im Nachwort seines Buches, den Lade-Trick selbst ausprobiert zu haben. Er weist außerdem darauf hin, dass an Oswalds Waffe eine Ausgleichsscheibe ("shim") gefehlt habe. Ohne diese würden Lauf und Zielfernrohr in verschiedene Richtungen zeigen. Eine präzise Einstellung des Gewehrs ohne diese Ausgleichsscheibe sei unmöglich. Aus dem Warren-Report gehe hervor, dass erst Army-Techniker eine solche Scheibe hinzufügten, bevor die Waffe an das FBI weitergegeben wurde. Das FBI habe dann nie hinterfragt, ob sich zur Tatzeit eine Ausgleichsscheibe auf der Waffe befunden habe.

Für ihn liegt daher die Anwesenheit eines zweiten Schützen nahe, den er im Umfeld der US-Geheimdienste vermutet. Hunter will nach eigenen Angaben damit keine Verschwörungstheorien anheizen, aber auf die katastrophalen Ermittlungen nach dem Attentat und die daraus resultierenden offensichtlichen Widersprüche hinweisen.

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