Der Versuch einer Versöhnung

Abschied von Alt-Bundes- präsidenten Kurt Waldheim und eine große Geste des amtierenden Bundespräsidenten Heinz Fischer.

(c) APA (Dragan Tatic)

Wien. Die Volksmesse von Franz Schubert hatte er sich gewünscht – das wurde respektiert. Dass es dann doch eine Art Staatsakt wurde, hatte Kurt Waldheim in seinen letzten Tagen wohl geahnt, als er sich die Anwesenheit von Cartellbrüdern in voller „Wichs“ und Tiroler Schützen erbat. Im Dom zu Sankt Stephan fanden sich nicht nur der Bundespräsident und der Apostolische Nuntius ein, sondern auch fast alle Regierungsmitglieder, einige Landeshauptleute, natürlich die große Trauerfamilie Waldheim.

„Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, so lange du noch auf dem Wege bist zum Gericht!“ Christoph Kardinal Schönborn setzt den beziehungsvollen Satz gleichsam als Markierung gleich zum Beginn seiner Predigt. Denn so federleicht ist die Verabschiedung von dem viel Umstrittenen, heftig Verunglimpften, hoch Geehrten, dem UN-Generalsekretär, Außenminister und Bundespräsidenten ja wirklich nicht. Der Erzbischof ist Kirchendiplomat – er gibt den Grundton vor: So zitiert er aus Waldheims schriftlicher Bitte um Versöhnung am Ende seines langen Lebens. „Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll verworfen werden“, erinnert der Erzbischof an die Bergpredigt, die ja keineswegs nur friedfertig ist. Freilich: Die angesprochen werden sollen, sind nicht in der Metropolitankirche. Sie hatten bereits ihren unversöhnlichen Auftritt am Todestag Waldheims, eilfertig vom ORF eingeladen. Ob sie daheim vor dem TV-Apparat saßen, oder auf der Donauinsel Gott einen guten Mann sein ließen? Einige sind bereits zu alt und krank, um die Versöhnung vor aller Augen vornehmen zu können. Auch der SPÖ-Chef Gusenbauer kommt erst auf den Zentralfriedhof.


Ein Zeichen des Friedens

„Gebt einander ein Zeichen des Friedens!“ Nachdem Schwarz und Rot im Regierungssektor wenigstens an diesem Tag folgsam sind, geht Gerhard Waldheim auf den amtierenden Bundespräsidenten zu. Der Waldheim-Sohn hatte als Jurist für den Vater in aller Welt gegen die Verleumdungskampagne gekämpft; Heinz Fischer war 1986 Wissenschaftsminister unter Fred Sinowatz, er gehörte dem engsten SP-Zirkel an, er war über die Hintergründe der Waldheim-Affäre wohl besser informiert als selbst sein Parteichef. Waldheim Junior und der Präsident drücken einander wortlos die Hand. Was wird der Amtsnachfolger Waldheims am Ende der Liturgie sagen? Wie wird er es sagen? Heinz Fischer erinnert an sein Urteil aus dem Juli 1992, als er im Amt des Nationalratspräsidenten feststellte: „Dem Menschen und Bundespräsidenten Waldheim ist Unrecht geschehen.“ Dabei bleibe es. Und noch eines: Es gelte, die gesamte Lebensleistung dieses Mannes zu würdigen.

Die Heftigkeit der Auseinandersetzung um die Person Waldheim sei nicht nur auf einen Wahlkampf zurückzuführen, meint Fischer. Es war in den Jahren nach 1986 ein Paradigmenwechsel im Umgang mit der NS-Zeit, mit den Versäumnissen in unserer Nachkriegsgeschichte. „Es ist wahr, der Satz Waldheims von der Pflichterfüllung hat viele betroffen gemacht“, aber – Fischer ist Dialektiker – sei nicht der Umgang mit der Witwe des Wehrdienstverweigerers Jägerstätter ebenso beschämend? „Wie sind wir den Widerstandskämpfern begegnet, jenen, die unter den Bedingungen des Jahre 1938 leben mussten?“


Antwort auf linke Kritiker

Er übersehe nicht, meint das Staatsoberhaupt, „dass wir alle dazugelernt haben. Auch Kurt Waldheim hat Fehler einbekannt und in letzten Worten seine Hand ausgestreckt. Ich plädiere dafür, diese Hand nicht auszuschlagen.“ Und als Antwort auf Kritik aus jener Partei, der Fischer bis zur Angelobung angehörte: „Im Namen des Republik möchte ich Dank sagen. Ich verneige mich vor dem von uns gegangenen Bundespräsidenten, den ich einen großen Österreicher genannt habe. Er möge in Frieden ruhen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2007)

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