Jänner 1938: Österreich sitzt in der Falle

Trügerisch. Im Jänner 1938 wird der „Tavs-Plan“ aufgedeckt, Schuschnigg hofft noch. In Berlin übernimmt Hitler den Oberbefehl über die Wehrmacht.

In Berlin übernimmt Hitler den Oberbefehl über die Wehrmacht.
In Berlin übernimmt Hitler den Oberbefehl über die Wehrmacht.
(c) AP

Ende Jänner 1938 glaubt Bundeskanzler Schuschnigg, sich mit einem „Befreiungsschlag“ aus der deutschen Bedrohung lösen zu können. Er schickt die Polizei in die Teinfaltstraße und lässt Dr.Leopold Tavs, Vertreter der radikalen Linie der illegalen österreichischen Nazis, verhaften. Die Hausdurchsuchung fördert verräterisches Material ans Tageslicht: Offenbar wollte Tavs die schrittweise NS-Machtübernahme in Wien beschleunigen, indem Terrorakte gegen deutsche Diplomaten geplant waren. Diese hätten dann Hitler den Vorwand geliefert, in Österreich einzumarschieren und wieder für Ruhe und Ordnung zu sorgen.


Große Töne in Klagenfurt

Noch gibt sich die „Vaterländische Front“ zur Abwehr der Nationalsozialisten wie ein Monolith. In Klagenfurt spricht „Bundeskommissär“ Oberst Walter Adam am 28.Jänner auf einer Massenkundgebung: Vor den ständigen Nazi-Angriffen werde der Kanzler und Frontführer „nicht um Daumenbreite zurückweichen“. Schuschnigg sei „aus gutem österreichischem Stahl, biegsam und hart“. Man verbitte sich jegliche Einmischung „des Auslandes“.

An eben diesem 28.Jänner wird der Sprecher der österreichischen Nationalsozialisten, der Rechtsanwalt Seyß-Inquart, von einem Journalisten des Linzer „Tagblatts“ in Berlin gesichtet. Der Herr „Staatsrat“ (entspricht einem Ministerrang) hatte sich nach Auffliegen des Tavs-Planes in einen vierwöchigen Urlaub abgemeldet.

Die Schweiz erklärt nach Konsultationen mit britischen Politikern sicherheitshalber nochmals ihre Neutralität, die 1815 völkerrechtlich abgesichert sei.

Die „Neue Freie Presse“ befindet sich in dieser turbulenten Zeit unter der Kontrolle des Ständestaates, weil die Regierung zur Sanierung des Blattes Anteile übernommen hatte. Die NFP-Leser werden daher nicht gerade verwöhnt, was die Brisanz dieser Tage betrifft. Der deutsche Kriegsminister Blomberg soll einen längeren Urlaub angetreten haben, meldet das Blatt lapidar.


Blomberg & Fritsch ausgebootet

Dass sich hinter den Kulissen die Entmachtung Blombergs und des Oberbefehlshabers des Heeres, Generaloberst Fritsch, durch Hitler/Göring abspielt, wissen nicht einmal die Diplomaten. 14 Generäle, die seinen Eroberungsplänen skeptisch gegenüberstehen, müssen gehen, Hitler übernimmt selbst den Oberbefehl über die gesamte Wehrmacht. Und dass der Außenminister von Neurath gehen muss, wissen die Wiener Zeitungsleser auch noch nicht. Dagegen werden ihnen lange Elogen zum 65.Geburtstag des Ministers vorgesetzt.

Erst am 4.Februar erfährt die erstaunte Leserschaft, dass Blomberg und Co. entlassen wurden, Hitler ganz allein (mit seinem Gehilfen Keitel) über die Wehrmacht gebietet und der Generaloberst Hermann Göring, Oberbefehlshaber der Luftwaffe, zum Generalfeldmarschall ernannt wurde. Er sollte in den Iden des März '38 die Schlüsselfigur beim „Anschluss“ werden.

Das ist nun die Stunde des deutschen Gesandten in Wien, des früheren Hitler-Vizekanzlers von Papen. Er soll im Zuge der Umwälzungen in Berlin seinen Posten in Österreich verlassen. Doch zuvor will er sein diplomatisches Meisterstück abliefern. Dieses sollte – genauso wie er 1933 den Gefreiten Hitler als Reichskanzler „engagierte“ – gründlich danebengehen.


Papens „Geniestreich“

Papen überredet Schuschnigg, die ständigen Querelen mit Berlin in direkter Aussprache mit Adolf Hitler auszuräumen. Hitler willigt ein und lädt den österreichischen Kanzler für den 12.Februar zu sich auf den „Berghof“ bei Berchtesgaden ein. Noch ahnt Schuschnigg nicht, was ihn dort erwartet.

WITZE. Lieber geflüstert

Flüsterwitze gab – und gibt es – unter jedem Regime. Während der NS-Zeit stand KZ darauf, während des „Ständestaats“ davor eine Geldstrafe. Friedrich Katscher erinnert sich an einen Witz, „der könnte auch heute noch angewendet werden, die Namen sind beliebig austauschbar“:

„Der Deutschlehrer verlangt Beispiele für die Steigerung der Eigenschaftswörter: Der Schuschnigg ist mir lieb und wert. Der Dollfuß ist mir lieber und werter. Die ganze vaterländische Regierung ist mir am allerliebsten am Allerwertesten.“

*
„Österreich ist wie die Wiener Straßenbahn: Außen rot-weiß-rot, innen braun (die Sitzbänke und die Wände waren aus Holz) und alle sind hinter dem Führer.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2008)

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