Der Millionär als Finanzminister

Hans Jörg Schelling steigt wohl weiter auf. Das freut die SPÖ mehr als Erwin Pröll.

PK PRÄSENTATION DER ARZNEI & VERNUNFT LEITLINIE ´ANTIKOAGULANTIEN´: SCHELLING
PK PRÄSENTATION DER ARZNEI & VERNUNFT LEITLINIE ´ANTIKOAGULANTIEN´: SCHELLING
Hans Jörg Schelling – (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Des Geldes wegen müsste er den Job nicht machen. Hans Jörg Schelling hat ein Vermögen verdient, als er seine Anteile an der Lutz-Gruppe im Jahr 2009 verkaufte. Das macht einigermaßen unabhängig. Als Vorsitzender im Hauptverband der Sozialversicherungen lässt er sich nur eine Aufwandsentschädigung von 3000 Euro brutto auszahlen, zwölfmal im Jahr. Er müsste nicht arbeiten, er will aber. Das ist ein großer Unterschied, das ist der eigentliche Luxus am Millionärsein.

Jetzt soll Hans Jörg Schelling also Finanzminister werden, der 21. in der Zweiten Republik. Dabei war die Entscheidung nicht so klar gewesen, wie einige Samstagszeitungen berichtet haben. Denn in Wahrheit fiel sie erst am Samstag, nach einem Treffen zwischen Reinhold Mitterlehner und Erwin Pröll.

Der niederösterreichische Landeshauptmann wollte eigentlich den Wirtschaftsprofessor Gottfried Haber im Finanzministerium durchsetzen – gemeinsam mit seiner Verbindungsfrau in der Bundesregierung, Johanna Mikl-Leitner. Die Innenministerin ist nämlich auch Obfrau des ÖAAB und als solche besorgt bis schwer verärgert, dass der Arbeitnehmerbund noch mehr Einfluss verlieren könnte. Durch Michael Spindeleggers Rücktritt brach dem ÖAAB bereits der Parteiobmann, Vizekanzler und Finanzminister weg. Mit Jochen Danninger wird er auch einen Staatssekretär verlieren. Dafür übernimmt der Wirtschaftsbund mit Mitterlehner, Schelling und Danninger-Nachfolger Harald Mahrer das Kommando in der Bundes-ÖVP. Das will und wird Mikl-Leitner nicht so einfach hinnehmen.

Pröll wiederum mag es nicht, wenn Entscheidungen, die noch nicht mit ihm abgesprochen sind, schon bekannt gegeben werden. Die samstäglichen Schlagzeilen – „Schelling wird Finanzminister“ – sollen daher für zusätzlichen Unmut in der ÖVP gesorgt und die Flügelkämpfe noch verschärft haben.

Manager und Machtmensch. Das ist nicht der beste Start für den neuen ÖVP-Chef und auch nicht für den neuen Finanzminister, der am Sonntag präsentiert wird. Überhaupt ist Pröll nicht gut auf den Hauptverbands-Chef zu sprechen, seit der es gewagt hatte, die niederösterreichische Spitalspolitik zu kritisieren. Da hilft es auch nichts, dass Schelling, ein gebürtiger Vorarlberger, seit Langem schon in Sankt Pölten lebt.

Dass der 60-Jährige das besitzt, was man gemeinhin unter dem Begriff Managerqualitäten zusammenfasst, wird allerdings auch der niederösterreichische Landeshauptmann nicht bestreiten. Schelling war Geschäftsführer der Leiner/Kika-Gruppe, wechselte 1992 in derselben Funktion zu Möbel-Lutz und wurde von den Eigentümern, den Brüdern Seifert, mit zwölf Prozent am Unternehmen beteiligt. Als er ankündigte, den damals noch unbedeutenden Lutz zur Nummer eins in Österreich machen zu wollen, wurde Schelling belächelt. Im Jahr 2009, nach dem Verkauf seiner Anteile, lächelte dann er: Mit einem Umsatz von zwei Milliarden Euro war Lutz zum zweitgrößten Möbelhaus der Welt hinter Ikea herangewachsen.

Hans Jörg Schelling: Politischer Experte und geschickter Verhandler

Als machtbewusster Stratege und rhetorisch beschlagener Netzwerker mit einem gewissen Geltungsdrang machte Schelling auch im Reich der Sozialversicherungen von sich reden. Die Kassen führte er – wenn auch unter Mithilfe der Regierung bzw. der Steuerzahler – aus den roten Zahlen. Das Konzept für die Gesundheitsreform hat er maßgeblich mitentwickelt.

Seither hält man Schelling auch in der SPÖ zugute, zuweilen über der Parteipolitik zu stehen – obwohl man nicht vergessen hat, dass er 2007/2008 für die ÖVP im Nationalrat saß und seit 2004 Vizepräsident der Wirtschaftskammer ist. Dass er es nicht wagte, die Kassenstruktur neu zu organisieren (geschweige denn, einige davon zusammenzulegen), wurde in SPÖ und ÖVP wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Als vorteilhaft könnte sich noch erweisen, dass der Hauptverbands-Chef seit 2012 auch Aufsichtsratsvorsitzender der Volksbankengruppe ist. Immerhin wird die teilverstaatlichte ÖVAG eines der Probleme sein, das der nächste Finanzminister zu lösen hat. Die Steuerreform ist ein anderes. Das Pensionssystem, das Schelling für dringend reformbedürftig hält, wie er hinter vorgehaltener Hand oft betont hat, auch.

Das Innenleben der Großen Koalition kennt Schelling nicht nur vom Hörensagen, auch das hat wohl für ihn gesprochen. Nach der Nationalratswahl 2013 hat er die Kapitel Finanzen und Pensionen für die ÖVP mitverhandelt. Schon damals war er als Finanzminister im Gespräch. Wikipedia meinte am Samstag übrigens mehr zu wissen: Hans Jörg Schelling, hieß es da, sei „seit September 2014 Finanzminister der Republik Österreich“.

Steckbrief

Hans Jörg Schelling
wurde am 27.Dezember 1953 in Hohenems geboren. Er studierte Wirtschaft und promovierte 1981. Schelling war Geschäftsführer bei Kika/Leiner, danach Geschäftsführer und Miteigentümer bei Lutz. Seit 1990 ist er selbstständiger Unternehmensberater.

Schellings politische Karriere begann 2001 im Gemeinderat seiner Wahlheimat Sankt Pölten. 2007/2008 saß er für die ÖVP im Nationalrat. Seit 2004 ist er Vizepräsident der Wirtschaftskammer, seit 2009 Vorsitzender im Hauptverband der Sozialversicherungen. 2012 machte ihn Finanzministerin Maria Fekter zum Aufsichtsratschef in der teilverstaatlichten ÖVAG. Schelling ist verheiratet und hat zwei Töchter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2014)

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