„Wie nach einer schweren Krankheit“

Es ist keine Zeit für Höhenflüge: Die Stimmung der Delegierten beim letzten SPÖ-Parteitag vor der Nationalratswahl blieb bis zum Schluss gedämpft.

Linz.Es ist die letzte Zigarette vor dem Start des 40. Bundesparteitags der SPÖ. Sieglinde Trannacher, an einen der Stehtische im Atrium des Linzer Design-Centers gelehnt, inhaliert tief: „Eine eigenartige kritische Distanz zur Parteispitze wird bleiben“, sagt die Landesfrauenvorsitzende und Landtagsabgeordnete aus Kärnten. Sie spricht leise und überlegt: „Es ist ein bisschen wie nach einer schweren Krankheit, von der man weiß, dass man selbst viel hätte machen können, damit sie nicht ausbricht.“ Noch vermisse sie das Gefühl, dass die Partei auch aus den Fehlern der vergangenen 18 Monate gelernt hat.


Versteinerte Mienen

„Eigentlich kann aber alles nur besser werden“, übt sich die oberösterreichische Landtagsabgeordnete Vera Lischka in Zweckoptimismus. Sie erwartet sich „mehr Fairness und dass Versprechen in Zukunft auch gehalten werden.“ Werner Faymann sei der richtige Mann, um die Funktionäre wieder zu mobilisieren.

Als sich die Ränge füllen, kommt hier jedoch kaum einem ein Lacher oder auch nur ein Lächeln aus. Auch beim ersten Applaus nicht: Versteinerte Mienen, herabhängende Mundwinkel soweit das Auge reicht.


„Was ruhig ist, ist tot“

„Was Politisches, was Linkes halt. Kennst mich eh“, sagt Alois Reisenbichler zur Frau hinter dem Büchertisch nebenan. Sie findet zuerst nichts, schlägt dann einen Titel vor, den Reisenbichler schon gelesen hat. Der Simmeringer, in der Arbeitsgemeinschaft Christentum und Sozialdemokratie aktiv, trägt Jeans, einen langen, grauen Bart und offene Schuhbänder. „Nie wieder Hiroshima“, steht auf einem Button an seinem Revers. Er will in Zukunft mehr Sozial-, Friedens- und Umweltpolitik in der Bundespolitik sehen. Außerdem einen lockereren Umgang mit parteiinterner Kritik. Denn: „Was ruhig ist, ist meistens schon lange tot.“

Nach der Rede von Faymann gibt es Standing Ovations, so richtig gelöst ist die Stimmung aber nicht. Höhenflüge erwartet sich offenbar ohnedies niemand, im Gegenteil: „Hey Werner. Wir erwarten von dir, dass du am Boden bleibst“, richtet etwa Tina Tauß von der Jungen SPÖ-Generation Oberösterreich aus. Man werde die versprochene Schärfung des sozialen Profils aktiv einfordern, kündigt Nikolaus Kowall, Vorsitzender der Sektion 8 der SPÖ Alsergrund an. Faymann solle jedoch auch einen Vertrauensvorschuss bekommen.

Das wollen nicht alle der Delegierten: Für Margit Obermayr, Sektion Bindermichl in Linz, hat sich Faymann disqualifiziert: „Was er gesagt hat, war zum Einschlafen. Was sagt er denn Neues? Die Stärkung der Gewerkschaft im Nationalrat ist ein Schritt in die Vergangenheit. Eine Beleidigung für alle, deren Intellekt über den der Kronenzeitung-Leser hinausgeht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2008)

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