Alfred Gusenbauer: Der vergessene Bundeskanzler

Der Anti-Teuerungsgipfel am Ballhausplatz fand ohne Bundeskanzler statt. Was macht der Noch-Regierungschef derzeit eigentlich? Er reist viel. Und wartet auf einen Termin bei Wilhelm Molterer.

(c) APA (Georg Hochmuth)

Donnerstagfrüh im Kanzleramt: Werner Faymann und Wilhelm Molterer treffen einander zum Anti-Teuerungsgipfel. Einer fehlt: der Hausherr. Zur selben Zeit im Tiroler Bergdorf Alpbach: Alfred Gusenbauer hält einen Vortrag über die Zukunft der Marktwirtschaft.

Auch wenn es im Bewusstsein der Bürger in den Hintergrund gerückt ist: Alfred Gusenbauer ist nach wie vor Bundeskanzler. Doch es ist ruhig geworden um ihn. „In der öffentlichen Wahrnehmung sind wir kanzlerlos“, sagt OGM-Chef Wolfgang Bachmayer. „Es ist schon dramatisch, wie schnell jemand vergessen wird.“ Dennoch glaubt Bachmayer, dass der Noch-Kanzler am Wahlabend als „Gewinner“ dastehen wird: „Ist die SPÖ Erste, wird ihn die Partei wohl mit einer Karriere im Ausland belohnen. Verliert sie, wird darüber spekuliert werden, ob man sich den Wechsel an der Spitze nicht hätte ersparen können.“ Es wäre ein erster Schritt hin zur Gusenbauer-Nostalgie.

Doch was macht der Bundeskanzler derzeit eigentlich den ganzen Tag? Gusenbauer führt die Amtsgeschäfte, telefoniert mit ausländischen Amtskollegen, empfängt Industrielle und Betriebsräte. Im Juli und August nahm er sich immer wieder einzelne Tage frei. Weit weg war er allerdings nicht. Einige Tage spannte er in Kärnten aus. Es sind die Termine im Ausland, bei denen Gusenbauer derzeit noch öffentlich auftritt – abgesehen vom Begräbnis von Fred Sinowatz vor einer Woche. Kommenden Montag nimmt Gusenbauer am Sonderratsgipfel der Staats- und Regierungschefs zur Kaukasus-Krise in Brüssel teil. Am 25.September spricht er in New York bei einer UN-Entwicklungshilfe-Konferenz, tags zuvor ist er bei Bill und Hillary Clinton zu Gast.

Das letzte Treffen mit Vizekanzler Molterer ist hingegen schon eine Weile her – das war beim Sommerministerrat am 12. August. Aber selbst da war Gusenbauer nicht mehr vor die Journalisten getreten. Seither ist er auch für den Koalitionspartner „unsichtbar“. Das liege aber nicht am Kanzler, so Gusenbauers Sprecher. Drei Terminvorschläge für ein Treffen mit Senioren-Vertretern – Thema: die vorgezogene Pensionsanpassung für 2009 – hatte Gusenbauer Molterer unterbreitet. Bis dato habe man noch keine Antwort erhalten. Man sei noch bei der Terminkoordination, sagt dazu das Vizekanzler-Büro.

 

„Faymann-Paket völlig richtig“

Gestern Nachmittag meldete sich Gusenbauer doch wieder einmal zur Innenpolitik zu Wort: Faymanns Fünf-Punkte-Paket sei „völlig richtig“. Eine gute Möglichkeit, vor der Wahl einen „Wahrheitstest“ durchzuführen. Er verfolge mit großem Interesse, dass der Wahlkampf vieles in Bewegung bringe, was zuvor an der „Blockade der ÖVP“ gescheitert sei.

Dass der Faymann-Molterer-Gipfel ausgerechnet im Kanzleramt stattfand, lag übrigens nicht in Gusenbauers Verantwortung. Nach einem längerem Termin-Disput hatten sich die beiden auf diesen „neutralen“ Ort geeinigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2008)