Erwin Pröll: Der Unantastbare

Erwin Pröll, vielleicht bald Bundespräsident, ist heute schon der einflussreichste ÖVP-Politiker und mächtigste Landeshauptmann. Warum eigentlich?

(c) AP (Hans Punz)

Auch Ernst Strasser schaute vorbei. Wie Raiffeisen-Vorstand Erwin Hameseder, Ex-ORF-Generalin Monika Lindner, Psychotherapeutin Rotraud Perner, Sänger Rainhard Fendrich und weitere 2800 Niederösterreicher. Beim Hochamt für Erwin Pröll in der Arena Nova. „Ich bin stolz, aus eurer Mitte zu sein“, hob Neffe Josef das „Vorzeigebundesland“ des Onkels hervor. Dieser wurde am Samstag auf dem Landesparteitag in Wiener Neustadt mit 98 Prozent als Chef der NÖ-ÖVP wiedergewählt.

„Die Klarheit, die wir haben, ist goldeswert für unsere Arbeit“, befand Erwin Pröll. 54,4 Prozent hatten bei der Landtagswahl vor einem Jahr die ÖVP gewählt, besser gesagt: Erwin Pröll. Den unbestritten mächtigsten Politiker der Volkspartei. Doch was ist sein Erfolgsgeheimnis? Pröll ist kein Charismatiker, kein Intellektueller, sieht nicht sonderlich gut aus, schillert nicht, wirkt bieder – wenn man ihn etwa mit seinem verstorbenen Amtskollegen Jörg Haider vergleicht. Pröll ragt kaum aus der Masse des Mittelmaßes heraus. Und dennoch ist er eine außerordentliche politische Begabung. Die Menschen mögen ihn, vertrauen ihm, sie lassen ihn machen. Mehr kann sich ein Politiker eigentlich nicht wünschen.

Erwin Pröll – und das verbindet ihn wieder mit Haider – kann dem Gegenüber, ob Arbeiter oder Professor, das Gefühl vermitteln, er sei der wichtigste Mensch der Welt. Nach dem Motto „Endlich kommen wir einmal zum Reden!“, wie es der Kabarettist Florian Scheuba beschreibt. Und eines muss man dem leutseligen Pröll lassen: Den Versuchungen des Populismus erliegt er eher selten. Gegen die Notwendigkeit von Postamtschließungen sperrt er sich nicht. Und während Jörg Haider die Ängste vor den slawischen Nachbarn schürte, predigte Pröll die Vorzüge der EU-Osterweiterung.

„Niederösterreich ist über weite Strecken sehr gut verwaltet“, konzediert auch Madeleine Petrovic, Chefin der NÖ-Grünen. „Und ich rede gut mit ihm.“ Die Schattenseite sei die „ausgeprägteste Machtpolitik, die vorstellbar ist“. Als es jüngst den Vorstand am Flughafen Wien neu zu besetzen galt, setzte Pröll einfach seinen bisherigen Landesrat Ernest Gabmann hin. Als Eigentümervertreter müsse er eben Leute nehmen, die das können, so Pröll.

Bei Konflikten schicke der „Feudalherr“ immer andere vor, sagt Petrovic. „Er selbst bleibt dann der joviale Landeshauptmann, der das Füllhorn ausschüttet.“ In der Tat hat Pröll wenig Skrupel, das Geld, das er vom Bund erhält, mit beiden Händen auszugeben und gleichzeitig über den Bund zu schimpfen – wie im Landtagswahlkampf 2008 geschehen. „Ein demokratiepolitisches Grundverständnis ist Pröll völlig fremd“, klagt Petrovic. „Auch Journalisten, die kritisch berichten, fallen schnell in Ungnade.“


5552 Sekunden im TV. Erwin Pröll und die Medien – ein eigenes Kapitel. Als der Autor dieser Zeilen den Landeshauptmann einmal ironisch als „Putin von St. Pölten“ titulierte, setzte tags darauf eine Flut an Leserbriefen aus allen Teilen Niederösterreichs ein. Tenor: zu hundert Prozent Empörung. Ein Schelm, wer dabei an eine konzertierte Aktion denkt. Am Bildschirm ist Pröll omnipräsent. In der „Bundesland heute“-Sendung des ORF kam er 2008 auf eine Redezeit von 5552 Sekunden, Michael Häupl als Zweitplatzierter kam auf 3651 Sekunden. Derzeit betreibt Pröll coram publico die Ablöse von ORF-General Alexander Wrabetz. In befreundeten Printmedien, den „NÖN“, dem „Kurier“, der „Krone“, wird er mit Samthandschuhen angefasst. Und eine weitere Eigenart: Prölls Pressesprecher Peter Kirchweger ist zugleich auch Chef des NÖ-Landespressedienstes. „Dafür wurde ein Hofrat eingespart“, sagt Kirchweger.

Eine Besonderheit ist auch das niederösterreichische Wahlrecht: Person schlägt Partei. Wer SPÖ ankreuzt und den Namen Pröll dazuschreibt, hat nicht rot gewählt, sondern ÖVP. „Und Erwin Pröll wirkt wie kaum ein anderer Politiker parteiübergreifend: Er liegt nicht nur bei den ÖVP-Stammwählern, sondern auch bei jenen der anderen Parteien, insbesondere bei den Sozialdemokraten, gut“, sagt Peter Filzmaier, Politologe an der Uni Krems. Die NÖ- ÖVP sei aber auch unabhängig von ihrem Spitzenkandidaten strukturell hervorragend aufgestellt. „Mit der Planung für das Personenkomitee wird etwa nicht drei Monate vor der Wahl begonnen, sondern drei Jahre vorher.“

Und unter den Unterstützern findet sich dann nicht nur schwarze Prominenz, sondern auch rote und grüne – Marianne Mendt, Manfred Deix, Hermann Nitsch, Monika Langthaler. Im Sinne der Umwegrentabilität können viele der Künstler, die für Pröll werben, dann auch mit Unterstützung für diverse Sommertheater rechnen.

Erwin Pröll selbst hat für seinen Erfolg eine einfache Erklärung parat: „Sage, was du tust. Und tue, was du sagst.“ Dazu kämen Arbeitseifer und Bürgernähe. Auf dem Parteitag fügte er noch die Parole „Sozialpartnerschaft statt Klassenkampf“ hinzu.

2009 wird Erwin Pröll 63 Jahre alt. Das beste Alter, um Bundespräsident zu werden. Das wollte er schon 2004. Doch Wolfgang Schüssel verhinderte es. Nun sitzt Prölls Neffe Josef in der ÖVP-Zentrale, der ihm den Wunsch kaum abschlagen würde. „Er wird das Thema lange spielen, sich bitten lassen. Letztlich aber in Niederösterreich bleiben“, glaubt Madeleine Petrovic.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2009)

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