Wien-Wahlkampf: Ärger über Jungstar Kurz

In der Volkspartei stoßen sich Funktionäre daran, dass der Außenminister als Zugpferd für die Wiener ÖVP zu wenig Einsatz zeige.

WAHLKAMPFAUFTAKT DER �VP / KURZ
WAHLKAMPFAUFTAKT DER �VP / KURZ
(c) APA/HARALD DOSTAL (HARALD DOSTAL)

Wien. Als Redner, Einpeitscher, schwarzes Zugpferd im Wahlkampf hat er jedenfalls seine Meriten. Das wurde am Donnerstagabend beim Auftritt von Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz beim offiziellen Wahlkampfauftakt der Wiener ÖVP einmal mehr deutlich. Allein der Applaus für ihn zeigte es.

Trotz seiner, von niemandem in der ÖVP bestrittenen Qualitäten, wurde in der Volkspartei auch weit außerhalb der Bundeshauptstadt zuletzt intern Kritik in selten geballter Form laut – wegen des Wechsels der ÖVP-Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel zur FPÖ. Ein gerüttelt Maß an Schuld für dieses strategische Fiasko in der Wiener ÖVP wird nicht nur Stadtparteichef und Spitzenkandidat Manfred Juraczka angelastet, sondern auch Kurz, der auch stellvertretender Wiener Parteiobmann ist.

Was der Ex-Nationalratsabgeordnete und ÖVP-Stratege Ferry Maier vor einer Woche im Gespräch mit der „Presse“ öffentlich bei der Demontage Stenzels angeprangert hat („Kurz hat hier Regie geführt“), wird ihm hinter den Kulissen in schwarzen Parteikreisen noch mehr angekreidet. Kurz, auch amtierender Chef der Jungen ÖVP, habe maßgeblich interveniert, sodass sein Freund Markus Figl und nicht mehr Stenzel als Spitzenkandidat im ersten Bezirk zum Zug kam.

Die Hauptschuld dafür, dass mit Stenzel nicht zumindest eine gesichtswahrende Übergangslösung gefunden wurde, wird zwar Juraczka gegeben. Aber auch Kurz hätte als Vizeobmann an einer Lösung viel stärker mitarbeiten müssen – das sei unterblieben, heißt es. Allerdings hat Stenzel der Parteiführung ausgerichtet: Erscheint Kurz, der sie demontiert hat, bei einem Treffen, dann ist das Treffen sofort zu Ende, ist zu hören.

Verwunderung über den Bund

Verwunderung herrscht auch darüber, dass Bundesparteiobmann Reinhold Mitterlehner nicht mit mehr persönlichem Einsatz den sich abzeichnenden Wechsel verhindert hat. Nach „Presse“-Informationen hatte Mitterlehner das zwar versucht. Den lange vereinbarten, entscheidenden Termin hatte Stenzel aber Minuten vor dem Treffen ohne Begründung platzen lassen, womit Mitterlehner desavouiert vor der Bezirksvertretung umkehren musste. Auch Ex-Bundeskanzler und Ex-Parteiobmann Wolfgang Schüssel soll sich schon vor Monaten eine Abfuhr von Stenzel geholt haben.

Was nach der Wien-Wahl am 11. Oktober für Nachwehen sorgen könnte: Kurz wird von ÖVP-Parteikollegen schlicht zu wenig Engagement im Wiener Wahlkampf vorgeworfen. Sein Einsatz gerade als Wiener Vize-Obmann sei überschaubar; der ÖVP-Außenminister spiele lieber auf der Bühne der Welt- als in der Stadtpolitik mit, bedauern ÖVP-Parteifreunde.

Donnerstagabend konnte davon zumindest keine Rede sein. „Es braucht dringend mehr Veränderung, mehr bürgerliche Politik, mehr ÖVP in Wien“, impfte Kurz als Wahlkampflokomotive für Spitzenkandidat Juraczka den schwarzen Funktionären als Auftaktredner ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2015)

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