Seit damals ticken wir nicht richtig

1815 ließ Johann Nepomuk Mälzel sein Metronom patentieren. Bis heute halten manche dieses Ding für eine gute Erfindung.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Es hat seine desaströsen Seiten, dass der k.k.Hof-Kammermaschinist Johann Nepomuk Mälzel vor 200 Jahren das Metronom patentieren ließ. Das Ding macht ticktack, je nachdem, wie man das Gewicht an dem Pendel verschiebt, mehr oder weniger oft pro Minute. Vor allem. Es tickt regelmäßig. Das ist der Sinn der Sache. Und das Verhängnis.

Generationen von Musikern sind von ihren Lehrern genötigt worden, sich mit den Mitteln dieses Geräts zu disziplinieren und sich daran zu gewöhnen, ein einmal angeschlagenes Tempo rigoros beizubehalten. Außerdem freut sich die Musikwissenschaft, denn sie weiß seither genau, wie schnell ein Allegro genommen werden muss, wie langsam ein Adagio – und vor allem: ob Allegretto rascher oder langsamer als Andante schwingt.

Jedenfalls, solange die Komponisten so freundlich waren, ihre entsprechenden Angaben mit dem Hinweis zu versehen, auf welchen Wert das Metronom zu stellen sei. Ludwig van Beethoven beispielsweise, mit Mälzel zeitweise befreundet, zeitweise im Kriegszustand, versah viele seiner Partituren noch nachträglich mit den entsprechenden Ziffern und Zahlenangaben.

Und manche dieser Ziffern und Zahlen treiben Musiker bis heute zur Verzweiflung. Legendär ist etwa die Vorschrift am Beginn der sogenannten Hammerklaviersonate. „Halbe gleich 138“, mit anderen Zahlenworten: 79 Takte pro Minute; den ersten Satz kann kaum ein Pianist so schnell spielen, wie Beethoven ihm das – via Mälzels „Kickstarter“ – vorschreibt. Womit wir auch schon beim eingangs angekündigten Desaster wären. Es ist schon so: Mälzel hat es möglich gemacht, über die Jahrhunderte Tempovorstellungen von Komponisten zu bewahren und zu tradieren. Nur: Was es wirklich bedeutet, wenn ein Meister „Halbe gleich 138“ hinschreibt?


Improvisatorische Freiheit unmöglich.Von Beethoven selbst wissen wir, dass er seine diesbezüglichen Angaben als Richtwerte verstand und nicht im Traum daran dachte, dass ein Pianist den Stirnsatz seiner B-Dur-Sonate stur mit dem angegebenen Uhrwerk durchpeitschen könnte. Er hätte es als extrem unmusikalisch empfunden, wenn seine Interpreten nicht dem Fluss der Melodie gelauscht und auf diesen mit entsprechend sensiblen Tempomodifikationen reagiert hätten. Das ist die Kehrseite des Metronomkastens. Auch das Gefühl hätte sein Tempo, merkt Beethoven dort einmal an, wo er für einen Satzbeginn ein äußerst rasantes Allegro vorschreibt.

Unsere Klassiker dachten niemals in Kategorien, die sich mathematisch gradlinig, möglichst vielleicht noch in ganzen Zahlen abbilden lassen. Spricht doch Mozart von seiner gestalterischen Freiheit, die es ihm ermöglicht, als Pianist die Zeitgenossen staunen zu machen: die Linke streng im Takt, die Rechte frei, beinah improvisatorisch darüber schwebend – dergleichen Vieldimensionalität ist seit Einführung des Metronoms rasch einem rigorosen Zählwahn zum Opfer gebracht worden.

Als ob er das geahnt hätte, setzt Beethoven dem Mälzel'schen Ticktackknebel schon unmittelbar nach dessen Erfindung ein Denkmal, das mehr als ironisch anmutet: Das Allegretto scherzando seiner Achten Symphonie basiert auf einem Scherzkanon, den er dem späteren Konstrukteur seiner Hörrohre widmete: Die Musik, die anfangs amüsant leichtfüßig dahintrippelt, gerät zuletzt ins Trudeln und legt einen akustischen Bauchfleck hin. Effektvoller kann man die Sache nicht auf den Punkt beziehungsweise die Hoffnungen wieder auf die Erde bringen, die in das Metronom gesetzt wurden. Das Gerät wiegt – beziehungsweise tickt – uns in scheinbare Sicherheit. Beethoven selbst, um ihn noch einmal als Zeuge zu bemühen, freut sich, dass kompliziertere Relationen nun ganz simpel darstellbar wären. Man brauche kein „Tempo ordinario“ mehr, verkündete er.

Allein, was als Sieg gefeiert wurde, war auch eine Niederlage. Denn eben dieses „Tempo ordinario“ kam uns mit dem metronomischen Gleichmaß abhanden. Musikern der Generation vor Mälzel genügte ein Blick auf das Notenbild, um zu wissen, welches Grundtempo sie anzuschlagen hatten. Die Nachgeborenen glauben dem Apparat mehr als ihrem Musikantenverstand. Wo es richtig tickt, ticken die Musiker nicht mehr richtig...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2015)

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