Antisemitismus: „Wir sind immer die ersten Opfer“

Jüdische Vertreter warnen vor neuen Übergriffen radikaler Muslime. In puncto Asyl sieht IKG-Präsident Deutsch eine Grenze der Aufnahmekapazität.

Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in Wien.
Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in Wien.
Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in Wien. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Vor dem Hintergrund der Anschläge in Paris fordern jüdische Organisationen, schärfer gegen Antisemitismus vorzugehen. Moshe Kantor, Präsident des European Jewish Congress (EJC), warnte am Montag bei einem Pressegespräch in Wien vor einem „weiteren Level an Terror in Europa“, falls es nicht gelinge, den Antisemitismus von Migranten aus dem muslimisch-arabischen Raum oder von radikalen Islamisten zu stoppen. „Um eine Gesellschaft zu schützen, muss man das schwächste Glied schützen – das sind die Juden.“

Auch Ariel Muzicant, Vize-Präsident des EJC, betonte, Attacken gegen Juden seien meist nur der Anfang von einer Gefahr, die sich auf die ganze Gesellschaft erstrecke: „Wir sind immer die ersten Opfer, aber wir sind nicht die letzten.“

Jüdische Organisationen in ganz Europa warnen, dass die Judenfeindlichkeit ansteigt und die wachsende Zahl von Migranten und Flüchtlingen aus arabisch-muslimischen Ländern dies weiter verstärken könnte. In diesem Kontext sprach sich der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, in einem am Montag veröffentlichten Interview auch für Obergrenzen bei der Aufnahme von Flüchtlingen aus.

 

Am Ende der Kapazitäten?

Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in Wien, wollte nicht direkt von Obergrenzen sprechen, sagte aber auf Nachfrage der „Presse“: „Die erste Frage ist, wie viele Flüchtlinge Österreich aufnehmen und integrieren kann.“ Angesichts der Zahlen – Österreich rechnet in diesem Jahr mit 95.000 Asylanträgen – „sind wir jetzt vielleicht mehr oder weniger am Ende unserer Kapazitäten, vielleicht geht noch etwas mehr“. Über mehrere Jahre gesehen seien solche Zahlen für ein kleines Land wie Österreich aber kaum aufrechtzuerhalten.

Auch Muzicant, Deutschs Vorgänger an der Spitze der IKG, wollte das Wort Obergrenzen nicht direkt in den Mund nehmen: „Alle Juden in Europa sind Kinder von Flüchtlingen, deshalb ist es für uns schwer zu sagen, dass es eine Obergrenze geben muss.“ Aber: „Wenn Europa nur eine bestimmte Zahl integrieren kann, dann sollte das die Obergrenze sein.“

Ein Seminar im Justizministerium in Wien mit Ressortchef Wolfgang Brandstetter, Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und jüdischen Vertretern widmete sich am Montagnachmittag der Frage, wie man Antisemitismus mit rechtlichen Mitteln besser bekämpfen kann. Dabei wollten die jüdischen Organisationen darauf drängen, die vorhandene Gesetzgebung konsequenter umzusetzen. (raa)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2015)

Meistgelesen