Honecker: Staatschef, Obdachloser, Botschaftsflüchtling

Vor 25 Jahren floh Erich Honecker vor der deutschen Justiz nach Moskau. Das Tauziehen um den einstigen Staatschef der DDR dauerte jahrelang.

Honecker: Staatschef, Obdachloser, Botschaftsflüchtling
Honecker: Staatschef, Obdachloser, Botschaftsflüchtling
Erich Honecker – (c) imago stock&people (imago stock&people)

Ausgerechnet Erich und Margot Honecker waren die letzten Botschaftsflüchtlinge der DDR. Als Moskau den ehemaligen Staatschef der DDR an Deutschland ausliefern wollte, floh das Paar in die chilenische Botschaft. Zu diesem Zeitpunkt dauerte die Odyssee des einstigen "First Couple" schon zwei Jahre an.

Nach seiner Entmachtung wenige Wochen vor dem Mauerfall ordnen die eigenen Genossen Ermittlungen gegen Honecker wegen Hochverrats an. Nach nur einem Tag kommt der 77-Jährige im Jänner 1990 aber wieder aus dem Gefängnis - und wird zum prominentesten Obdachlosen des Landes. Ausgerechnet ein evangelischer Pfarrer, dessen Familie unter der SED-Herrschaft zu leiden hatte, nimmt Erich und Margot Honecker in seinem Haus auf und trotzt den Demonstranten, die vor seiner Tür "Keine Gnade für Honecker" rufen.

Nach zehn Wochen sucht der schwer kranke Honecker Zuflucht in einem sowjetischen Militärkrankenhaus am Rande Berlins. Am 30. November 1990 erlässt die Berliner Justiz wegen der Toten an der Mauer Haftbefehl gegen ihn. Abermals kommt Honecker davon: Am 13. März 1991 fliegt eine russische Militärmaschine das Ehepaar nach Moskau, ungehindert, da Deutschland den vereinbarten Abzug der sowjetischen Truppen aus der DDR nicht gefährden will.

"Keine Absicht, mich Racheengeln zur Verfügung zu stellen"

In einem Interview mit der "ARD" erklärt Honecker, er wolle nur zurückkehren, wenn der "ungesetzliche Haftbefehl" gegen ihn aufgehoben werde. Er habe "nicht die Absicht, mich den Racheengeln zur Verfügung zu stellen". Während Honecker sich als politischen Flüchtling sieht, spricht Moskau von einem humanitären Akt aufgrund der schlechten Gesundheit des Ex-Staatsmanns. Im Zuge der Auflösung der Sowjetunion verliert Honecker aber an Unterstützung. Der neue starke Mann Boris Jelzin will dem Drängen Deutschlands auf Auslieferung nachgeben.

Noch einmal gelingt Honecker die Flucht: Am 11. Dezember 1991 beziehen er und seine Frau ein Zimmer in der chilenischen Botschaft in Moskau. Das Land fühlt sich zur Hilfe verpflichtet, schließlich hatte die DDR während der Pinochet-Diktatur zahlreiche Flüchtlinge aufgenommen. Nach monatelangem Tauziehen wird vereinbart, dass Honecker zwar ausgeliefert wird, aber Asyl in Chile beantragen kann, falls er zu krank für einen Prozess ist.

Erich und Margot Honecker in der chilenischen Botschaft
Erich und Margot Honecker in der chilenischen Botschaft
Erich und Margot Honecker in der chilenischen Botschaft – (c) imago stock&people (imago stock&people)

Am 29. Juli 1992 ist Honecker zurück in Berlin. Er wird umgehend verhaftet und im Mercedes ins Untersuchungsgefängnis Moabit gefahren. Der anschließende Prozess gerät zu einer Farce. Detailreich wird darüber verhandelt, ob Honecker an Leberkrebs oder doch nur einem Bandwurm leide und wie lange er wohl noch zu leben habe. Zu den Anklagepunkten Totschlag und versuchter Totschlag meint Honecker, er trage für die Mauertoten die politische Verantwortung, aber nicht die juristische oder moralische. Den Prozess verurteilt er als "Fortsetzung des Kalten Krieges".

Anfang 1993 entscheidet das Berliner Landesverfassungsgericht, dass das Verfahren die Menschenwürde verletze, da Honecker den frühestens Ende des Jahres erwarteten Abschluss wegen seiner Krebserkrankung "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr erleben wird".

Honecker bricht zu seiner letzten Reise auf: Am 13. Jänner 1993 landet er in Santiago de Chile, wo er am 29. Mai 1994 stirbt. Seine Witwe Margot lebt dort noch heute, wie ihr Mann zeigt sie sich weiter reuelos. Über die Mauer zu "klettern" und dabei sein Leben zu lassen sei eben eine "Dummheit" gewesen, sagte die ehemalige Ministerin für Volksbildung vor vier Jahren in einem Gespräch mit dem "NDR". 

So sah es auch ihr Mann, wie seine erst 2012 veröffentlichten Aufzeichnungen aus der Untersuchungshaft zeigen: "Dass an der Grenze geschossen wurde, war nichts Besonderes. An fast allen Grenzen wird geschossen, wenn diese verletzt werden", schrieb er über die hunderten DDR-Bürger, die beim Versuch, ihr Land zu verlassen, getötet wurden.

Erich Honecker

Erich Honecker wurde am 25. August 1912 im saarländischen Wiebelskirchen geboren. Nach der Machtübernahme der Nazis tauchte der kommunistische Funktionär und Dachdeckergehilfe unter, wurde 1935 verhaftet und zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach Kriegsende machte er schnell Karriere in der DDR. 1971 übernahm er vom entmachteten Walter Ulbricht die Spitzenämter in der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) und der DDR-Regierung. Im Oktober 1989 wurde der reformunwillige Honecker von seinen eigenen Genossen gestürzt.

(kron)

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