Porträt: Christian Kern, stets zur rechten Zeit am rechten Ort

Christian Kern wird neuer Bundeskanzler, sein Beinahekonkurrent Gerhard Zeiler deutete ein gemeinsames Komplott an, Werner Faymann zu stürzen. Annäherung an einen untypischen Medienkanzler.

Christian Kern, nun Bundeskanzler und bald SPÖ-Obmann.
Christian Kern, nun Bundeskanzler und bald SPÖ-Obmann.
Christian Kern, nun Bundeskanzler und bald SPÖ-Obmann. – Die Presse/Clemens Fabry

Verschenkt man ein neues Buch, gibt es zwei Arten von Menschen. Die einen blättern höflich darin, lesen bestenfalls den Klappentext und stellen es ins Buchregal. Oder schenken es weiter. Die anderen haben das Buch im schlimmsten Fall schon. Wenn nicht, haben sie aber in jedem Fall schon alle Rezensionen darüber gelesen, sich längst eine vage Meinung gemacht und beginnen daher sofort über das Buch zu reden. Der Schenkende sollte das Buch also besser selbst gelesen haben. Das kann ein bisschen anstrengend sein.

Christian Kern gehört definitiv in die zweite Kategorie. Er spricht auch gern über Theater, noch viel lieber über Musik. Das kann jeder, der ihn in den sozialen Medien trifft, verfolgen. In der vergangenen Woche war er – am Tag von Werner Faymanns Rücktritt – beim Konzert von „Muse“. Das fand er gut.

Zeilers Andeutungen

Am vergangenen Donnerstag deutete Gerhard Zeiler an, er habe den Sturz Faymanns mit Christian Kern schon seit einem Jahr geplant. Beide potenzielle Nachfolger hätten sich auf ein Bündnis geeinigt, um sich gegenseitig im Fall des Falles zu unterstützen. Das klang nach Komplott, nach Brutus, Cäsar und Marc Anton. Michael Häupl dementierte umgehend, wohl in der tiefen Überzeugung, dass es innerhalb der SPÖ kein Komplott geben könne, an dem er nicht selbst beteiligt wäre.

Christian Kern: Smarter Bahnmanager an der SPÖ-Spitze

Tatsächlich hatte Häupl bei der Inthronisierung Kerns zugewartet, weil er schon lang skeptisch beobachtet hatte, wie Kern in Häupls großem und kleinem Revier gewildert hatte: Kern pflegte intensiv seine Kontakte zu den für das Rathaus schwierigen Gegenden wie Kerns Heimatbezirk, Simmering, oder in die Stadtratsriege zur politisch äußerst aktiven Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely. Das klingt inkompatibel, ist aber Kerns wahres Parteigeheimnis. Und auch die größeren Runden entgingen Häupl und aufmerksamen Beobachtern nicht. Kern besuchte Österreichs Bürgermeister, Gewerkschafter und lokale SPÖ-Funktionäre in seiner Funktion als ÖBB-Chef regelmäßig – mit viel Zeit, Geduld und Anteilnahme. Kern begreift einen wichtigen Wesenszug vieler Würdenträger außerhalb von Wien, speziell im Süden Österreichs: den leichten Komplex wegen Wien und der konstatierten Überheblichkeit seiner Bewohner. Mit seiner demonstrativen Zuwendung zu den Bundesländern und ihren Repräsentanten konnte Kern massiv punkten. In der entscheidenden Woche waren es die kleinen Landesparteien mit den Steirern an der Spitze, die Kern auf ihr Schild hoben. Das war kein Komplott, das war ein guter Plan, der auf offener Bühne umgesetzt wurde.

Kern hat eine Fähigkeit, die auch Sebastian Kurz auszeichnet: ein hohes Maß an Empathie und sozialer Intelligenz, die Gesprächspartner an einem einfachen Detail bemerken – das Gegenüber ist interessiert, fragt nach und hört zu. So einfach ist das meistens, wenn es um Menschen geht. Freilich: Nicht jedermann wird die Aufmerksamkeit Kerns zuteil. Berechnung nennen das weniger gute Freunde Kerns.

Um den Mann mit einem Eigenschaftswort zu beschreiben, könnten höfliche und durchaus treffende Wörter wie smart oder ambitioniert verwendet werden. In der vielschichtigen Bedeutung trifft vielleicht das englische, wenig charmante Wörtchen, das kritische Beobachter für Bill Clinton und Tony Blair verwendet haben, auf Kern zu: „slick“. Übersetzt kann das unter anderem folgende Bedeutungen haben: glatt, raffiniert, clever, schlau, aalglatt, gekonnt, routiniert.

Fast jede dieser Eigenschaften setzte er in seiner bisherigen Karriere ein. Er war auch immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und wenn es nicht so war, machte er sie und ihn zur und zum richtigen. Das war so, als er die anfangs immer mühselige Journalistenkarriere mit der eines einflussreichen Pressesprechers im SPÖ-Parlamentsklub tauschte. Das war so, als er von dort (die goldene Ära Franz Vranitzky ging langsam zu Ende) als Vorstandsassistent zum Verbund wechselte. Dort ging es steil bergauf, Marketingchef und Vorstand, den Beginn der Liberalisierung des Markts und die daraus resultierenden Chancen erkannte er schneller als andere. Als er dann später zu den ÖBB wechselte, begannen langsam wieder schwierigere Zeiten für die Energiebranche. Böse Verluste bei Auslandsabenteuern, die Kern beim Verbund einst mitentschieden hatte, wurden später schlagend. ÖVP-Klubchef Reinhold Lopatka, der Kern seit Jahren als Anti-ÖBB-Ayatollah verfolgt, erzählt dies immer wieder genüsslich.

Veränderungen als ÖBB-Chef

In den Bundesbahnen veränderte Kern viel. Er modernisierte Bahn und Unternehmen, baute Personal und Strukturen ab. Steuergeld fließt aber weiter in Milliardenhöhe für Infrastruktur, Pensionen und als Abgeltung für Freifahrten. Zuletzt, sagen Experten, sei der Reformeifer Kerns gegenüber der mächtigen Eisenbahner-Gewerkschaft nicht mehr ganz so groß gewesen wie zu Beginn. Ob dies im Zusammenhang mit den Kanzlerambitionen stand? Man weiß es nicht. So viel wie er hat keiner vor ihm getan.

Jugendsünden. Natürlich gibt es auch die berühmt-berüchtigten Jugendsünden, die dieser Tage erzählt werden: dass er, während andere im Verband Sozialistischer Studenten demonstrierten, lieber mit dem Versprechen „Mitspracherecht für alle“ und schönem Porträtfoto in den Wahlkampf zog und für die Fraktionszeitung „Rotpress“ den Chefredakteur gab. Kern erzählt gern, dass er als Student Che Guevara zwar las, aber Günther Nennings vergleichsweise brave Buch „Realisten oder Verräter? Die Zukunft der Sozialdemokratie“ als politisches Schlüsselwerk empfand.

In einem Interview mit „Datum“ sagte Kern, dass ihm Stil wichtig sei und er „cholerische Anfälle zutiefst verachtet“. Unangenehm kann er auch mit leiser Stimme werden, wenn er Mitarbeiter mit Kompetenzpotenzial nach oben mit rhetorischer Überlegenheit zum Verstummen bringt. Kern, der in Patchwork-Formation lebt und in Wien Neubau in den Genuss eines grünen Bezirksvorstehers kommt, kennt Gott und die Welt, wie man es früher formulierte, wenn man „großes Netzwerk“ meinte. Allein die SPÖ-internen Faymann-Feinde reichen zahlenmäßig schon für einen Schweizerhaus-Abend. Angefangen von Andreas Schieder bis zu ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz. Auf dem Fußballplatz kann Kern auch weitere (Personal-)Probleme lösen: Er sitzt im Kuratorium des Fußballklubs Austria. Der Vorsitzende des Gremiums heißt Michael Häupl, sein Stellvertreter Hans Niessl, der Vereinspräsident Wolfgang Katzian.

Kerns Netz ist auch außerhalb der SPÖ breit und dicht gewoben. Er verkehrt mit vielen Kollegen aus der Wirtschaft, schätzt die Medienbranche. Journalisten ruft er auch einmal an, wenn ihn etwas stört. Spannend wird, ob er den verzweifelten Lockangeboten des Boulevards, wie sein Vorgänger Werner Faymann, folgt oder nicht.

Oft wird vom Boulevard der modische Geschmack des neuen Kanzlers und SPÖ-Bundesvorsitzenden thematisiert: In Italien oder Frankreich wären seine guten Anzüge keinen Halbsatz wert, in Österreich gelten Männer mit Interesse für Mode immer als ein wenig exotisch.

Alfred Gusenbauer, selbst Faymann-Opfer und deklarierter Kern-Freund, meinte einst: In den ersten beiden Monaten müsse man als Parteichef alle wichtigen Pflöcke einschlagen. Personell wie strukturell und finanziell. Also noch vor dem Sommer.

Kerns Fahrplan

9. Mai
Werner Faymann überrascht seine Partei und tritt zurück. Bürgermeister Michael Häupl übernimmt interimistisch und leitet die Suche nach einem Nachfolger. Immer mehr Länder sprechen sich in der Folge für den ÖBB-Manager Christian Kern aus.

17. Mai
Beim roten Bundesparteivorstand in zwei Tagen wird Kern als Kanzler und Parteichef offiziell nominiert. Danach erfolgt um 17 Uhr die Angelobung bei Bundespräsident Heinz Fischer.

25. Juni
Bei dem SPÖ-Bundesparteitag soll Kern offiziell zum SPÖ-Bundesparteivorsitzenden gewählt werden. Bis dorthin unterstützt ihn Michael Häupl als geschäftsführender Bundesparteiobmann.

Zur Person

1966. Christian Kern wird am 4. Jänner als Sohn einer Sekretärin und eines Elektroinstallateurs im Wiener Arbeiterbezirk Simmering geboren.

1989. Karrierestart als Wirtschaftsjournalist.

1991. Assistent des Staatssekretärs Peter Kostelka in der Regierung Vranitzky.

1997. Wechsel zum Stromkonzern Verbund, 2007 steigt er zum Vorstand auf.

2010. Kern wechselt und wird ÖBB-Chef.

2016. Nach dem Rücktritt von Werner Faymann wird Kern am Dienstag als Kanzler angelobt, am 25. Juni wird er offiziell SPÖ-Bundesparteichef.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2016)

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