Ein-Euro-Jobs allein werden das Problem nicht lösen

Ein Niedriglohnsektor kann funktionieren, doch die Gefahr, dass andere Jobs verdrängt werden, ist groß.

Symbolbild Straßenreinigung
Symbolbild Straßenreinigung
Symbolbild Straßenreinigung – (c) Clemens Fabry

Wien. Auf den ersten Blick wirken die Zahlen nicht dramatisch: Gerade einmal 6,6 Prozent der 380.000 Arbeitslosen im Land sind anerkannte Flüchtlinge. 25.000 Menschen klingt nach wenig, doch der Schein trügt. Denn der Großteil der 100.000 Syrer und Afghanen, die seit 2015 in Österreich Asyl beantragt haben, sind noch nicht auf dem Arbeitsmarkt angekommen. Sie sitzen noch in Flüchtlingsheimen und warten – zur Untätigkeit verdammt– auf das Ende ihrer Asylverfahren. Etwa jeder Dritte von ihnen dürfte als Flüchtling anerkannt werden – erst dann erhalten sie Zugang zum heimischen Arbeitsmarkt. Ihr Problem: Bis dahin sind selbst syrische Ärzte nach langer Flucht und oft ebenso langen Asylverfahren nur noch Langzeitarbeitslose ohne ausreichende Deutschkenntnisse. Ihre Chancen, bald einen Job zu finden, sinken gegen null.

Genau hier will Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) ansetzen und in Österreich einen Niedriglohnsektor nach deutschem Vorbild installieren. Mit der Pflicht, sogenannte Ein-Euro-Jobs anzunehmen, sollen anerkannte Flüchtlinge aktiv bleiben und schrittweise an die Arbeitswelt herangeführt werden, so die Idee. „Das ist vorstellbar und machbar“, sagt Johannes Kopf, Chef des Arbeitsmarktservice AMS, zur „Presse“.

Aber ist es auch sinnvoll?

Die Antwort auf diese Frage hängt stark davon ab, was mit den Ein-Euro-Jobs erreicht werden soll. Gesellschaftspolitisch könnte es unter dem Motto „Aufrechterhaltung der Solidarität“ durchaus ein probates Mittel sein, jenen ohne Aussicht auf einen Arbeitsplatz eine Perspektive oder zumindest eine Beschäftigung zu geben. Denn es gibt sie, die 45-jährigen Afghanen, die in ihrem Leben noch nie eine Schule von innen gesehen haben und in Österreich wohl lang auf einen Job als Hirte oder Soldat warten werden. Für sie gibt es keinen Plan. Hier könnten Ein-Euro-Jobs (mit entsprechender finanzieller Aufstockung) ein gangbarer Weg sein.

Aus arbeitsmarktpolitischer Sicht fällt die Bilanz der Ein-Euro-Jobs durchwachsen aus. Der Blick zum nördlichen Nachbarn zeigt, dass die mit den Hartz-IV-Reformen eingeführten Ein-Euro-Jobs tatsächlich die Arbeitslosigkeit im Land senken konnten. Das gehe auf Kosten der Arbeitnehmer, kritisieren die Gegner. Die Zahl jener, die unter ihrer Qualifikation (und damit deutlich schlechter bezahlt) arbeiten, sei gestiegen. Diesen Effekt gleicht Deutschland über Sozialleistungen mehr als aus.

 

Verdrängung in der Pflege findet statt

Probleme gibt es dennoch, betont AMS-Chef Kopf. Denn „es ist nicht einfach, Ein-Euro-Jobs zu finden, ohne bestehende Arbeitsplätze zu vernichten“. Bestes Beispiel ist die Suche nach gemeinnützigen Tätigkeiten, die Asylwerber bereits heute unter bestimmten Auflagen ausüben dürfen. An sich ein gutes Instrument, arbeitswillige, junge Menschen nicht unnötig ans Nichtstun zu gewöhnen. Doch das AMS tut sich schwer, genug gemeinnützige Jobs zu finden.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Deutschland gemacht. Nach Einführung der Ein-Euro-Jobs brach die offizielle Nachfrage nach Pflegekräften angesichts der Billigkonkurrenz komplett ein. Berlin musste reagieren; so gibt es heute statt 300.000 Ein-Euro-Jobber nur noch 70.000 in der Bundesrepublik. „Ein-Euro-Jobs sind nur für jene vorstellbar, die wirklich gar keine andere Chance haben, auf dem Arbeitsmarkt unterzukommen“, betont AMS-Chef Kopf. Geht es nach Kurz, sollen die Flüchtlinge aber auch die Instandhaltung öffentlicher Parks oder die Betreuung von Asylwerbern übernehmen. Jobs, für die es genug Interessenten gibt.

Ein-Euro-Jobs sind also kein Allheilmittel für die Flüchtlings- und Arbeitsmarktmisere. Hier führt an einer möglichst guten Qualifizierung der Menschen kein Weg vorbei. Daneben können Ein-Euro-Jobs ein Weg für jene sein, die sonst keine Chance haben, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Ob Flüchtling oder Österreicher, spielt da keine Rolle.

AUF EINEN BLICK

Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt. Derzeit sind rund 25.000 anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte in Österreich arbeitslos. Seit Beginn 2015 wurden jedoch mehr als 100.000 Asylanträge gestellt. Rund 35.000 dürften Asyl – und damit eine Arbeitserlaubnis – erhalten. Ihre größten Vorteile heißen Jugend und (zumeist) hohe Arbeitswilligkeit. Die größten Nachteile: zum Teil mangelnde Qualifikation und fehlende Deutschkenntnisse.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2016)

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