Politologe: Straches Aussagen zu Deserteuren "abstrus"

Laut einer Studie gab es in 0,2 Prozent der Fälle von Fahnenflucht aus der Wehrmacht Tötungsdelikte. FP-Chef Strache sagt hingegen, bis zu 20 Prozent der Deserteure hätten Kameraden erschossen.

Archivbild: Wehrmachtssoldaten
Archivbild: Wehrmachtssoldaten
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"Absolut abstrus" - so bezeichnet der Politikwissenschafter Walter Manoschek die Aussagen von FP-Chef Heinz-Christian Strache, wonach "über 15 bis 20 Prozent" der Wehrmachtsdeserteure ihre Kameraden ermordet hätten. Manoschek ist Autor der im Jahr 2003 veröffentlichten Studie "Opfer der NS-Militärjustiz". Dabei wurden 1300 Fälle desertierter Österreicher untersucht. In zwei Fällen (also ca. 0,2 Prozent) lag dabei ein Tötungsdelikt vor.

Die Diskussion um die Rehabilitierung von Fahnenflüchtigen ist in Österreich zuletzt neu entflammt. Die Grünen wollen noch heuer ein entsprechendes Gesetz durch den Nationalrat bringen. SP-Nationalratspräsidentin Barbara Prammer der Zweite Nationalratspräsident Fritz Neugebauer und der frühere Nationalratspräsident Andreas Khol (beide ÖVP) äußerten sich zuletzt zustimmend. Die FPÖ ist gegen eine generelle Rehabilitierung.

"Rehabilitierung noch nicht zufriedenstellend gelöst"

In der Diskussion geht es darum, dass Wehrmachts-Deserteure mit dem "Anerkennungsgesetz 2005" zwar sozialrechtlich den anderen Opfergruppen gleich gestellt, aber im Gesetz nicht explizit erwähnt wurden. Die Rehabilitierung ist damit für den Politologen Manoschek noch "nicht zufriedenstellend gelöst".

In Deutschland und Österreich gehe man von ungefähr 20.000 Personen aus, die zwischen 1939 und 1945 von der NS-Militärjustiz aufgrund von Desertion verurteilt wurden, so Manoschek. Hochgerechnet wären etwa 2000 Österreicher unter den Verurteilten gewesen. Ungefähr 1500 davon seien hingerichtet worden. Manoschek: "Zusammen mit den Menschen, denen die Desertion geglückt ist, gehen wir von einer dreistelligen Zahl aus, die heute noch lebt."

Entschieden zurückgewiesen wurden Straches Zahlen auch vom Sprecher des Personenkomitees "Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz", Richard Wadani: "Heinz-Christian Strache liest offenbar nicht gern. Denn täte er das, würde er nicht absurde Zahlen vortragen, die tief aus dem Legendenschatz der NS-Apologeten stammen."

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