Metaller-Löhne: Spielräume trotz Krise?

Die Inflation ist niedrig, die Produktivität rückläufig. Das macht die Lohnverhandlungen heuer besonders schwierig. Eine Nulllohnrunde ist aber unwahrscheinlich.

(c) APA (Rainer Jensen)

Wien. Die Metaller machen traditionell den Auftakt bei der Herbstlohnrunde, um als Zugpferd für die anderen Branchen zu fungieren. Doch heuer lahmt dieses Pferd. Der Konjunktureinbruch macht sich ausgerechnet in der Industrie am stärksten bemerkbar. Legt man die traditionelle Benya-Formel (Lohnerhöhung ist gleich Inflationsabgeltung plus Anteil an der Produktivitätssteigerung) zugrunde, käme heuer ein Minus heraus. Ökonomen halten eine Nulllohnrunde oder gar Lohnkürzung dennoch für unwahrscheinlich. Denn die Benya-Formel lässt Platz für Spielräume.

1. Mit welcher Lohnerhöhung dürfen die Metaller heuer rechnen?

Auf jeden Fall mit einer deutlich geringeren als im Vorjahr (3,8 Prozent plus Einmalzahlung). Denn die Inflation ist heuer weit niedriger als im Vorjahr, die Arbeitsproduktivität (Bruttoinlandsprodukt pro Beschäftigten) dürfte laut Wirtschaftsforschern sinken. Helmut Hofer vom Institut für Höhere Studien (IHS) rechnet trotzdem damit, dass bei den Kollektivvertragslöhnen zumindest die Teuerung abgegolten wird. Diese dürfte heuer freilich nur bei einem halben Prozent liegen. Bezieher höherer Einkommen und Prämien müssen sich unter Umständen mit einer geringeren Erhöhung zufriedengeben. Wifo-Experte Alois Guger hält heuer Erhöhungen um fixe Beträge für vernünftig: So würden niedrige Löhne relativ stärker steigen als höhere.

 

 

2. Was wollen die Verhandlungspartner der Metaller?

Diese halten sich im Vorfeld traditionell bedeckt. Rainer Wimmer von der Gewerkschaft Metall-Textil-Nahrung fordert zumindest eine Abgeltung der Teuerung, er legt dabei die vergangenen zwölf Monate zugrunde: Die Teuerung betrüge dann 1,5 Prozent. Die rückläufige Produktivität dürfe heuer keine Rolle spielen. Der Gewerkschafter verweist auf die hohen Gewinne der zurückliegenden Jahre. Arbeitgeberverhandler Hermann Haslauer meint dagegen, dass es in Zeiten wie diesen nicht auch noch Aufgabe der Industrie sein könne, die Kaufkraft zu erhalten.

3. Welche Theorie steht hinter der Benya-Formel?

Die Kaufkraft der Arbeitnehmer soll erhalten werden, was wiederum den Unternehmen zugutekommen soll, die ihre Produkte dann besser verkaufen können. Die Entwicklung der Löhne soll zudem nicht zu stark hinter die der Unternehmensgewinne zurückfallen. Den Betrieben soll zugutekommen, dass die Lohnerhöhungen in Österreich in guten Zeiten moderater ausfallen als in Ländern ohne starke Sozialpartnerschaft (etwa in Deutschland).

4. Was spricht für, was gegen das Kaufkraftargument?

Eine hohe Kaufkraft führt dazu, dass die Inlandsnachfrage stabil bleibt. Die Betriebe sind aber häufig stark vom Export abhängig, da nützt eine hohe Kaufkraft wenig. Die Firmen klagen zudem, dass starke Lohnerhöhungen ihre Wettbewerbsfähigkeit schwächen. Wo das richtige Maß liegt, ist Jahr für Jahr Gegenstand der Verhandlung.

5. Welche Inflation wird bei den Verhandlungen zugrunde gelegt?

Das ist unterschiedlich. Die von den Wirtschaftsforschern geschätzte Inflation für 2009 (0,5 Prozent) legt keine starke Lohnerhöhung nahe. In den vergangenen zwölf Monaten war die Inflation höher (1,5 Prozent). Doch welche Inflation wird normalerweise zugrunde gelegt? „Die Benya-Formel war immer schon eher langfristig angelegt“, sagt Wifo-Experte Guger. Es gehe nicht um Inflation und Produktivitätsfortschritt eines Jahres, sondern um einen längeren Zeitraum.

Das Problem: Bekannt ist nur die zurückliegende Inflation, die Lohnerhöhung wird aber erst im Folgejahr wirksam. Heuer führt das dazu, dass die Reallöhne (für alle Branchen) mit 1,6 Prozent pro Kopf so stark ansteigen dürften wie seit zehn Jahren nicht mehr.

6. Welche Produktivität wird zugrunde gelegt?

Im Normalfall die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität (Bruttoinlandsprodukt pro Beschäftigten). Man kann auch die Produktivität pro Stunde heranziehen, die heuer dank Kurzarbeit höher wäre. Je nach Bedarf wird auch mit der Produktivität der eigenen Branche argumentiert. Guger hält die gesamtwirtschaftliche Produktivität für eine bessere Grundlage: Sonst würden die Dienstleistungsbranchen immer stärker hinter die Industrie zurückfallen. Das würde zwar langfristig der Markt regeln (indem die Dienstleister keine Leute mehr finden, die zu so niedrigen Löhnen arbeiten), kurzfristig funktioniere das aber nicht.

Heuer haben die Arbeitnehmer im Handel erstmals etwas bessere Karten in der Hand als jene in der Industrie. Der Handel verzeichnete zuletzt Umsatzzuwächse, die Industrie leidet unter starken Auftrags- und Produktionsrückgängen.

„Nächstes Jahr kann alles anders aussehen“, schränkt IHS-Experte Hofer ein. Dann könnte der Konsum einen Dämpfer erleiden und die Industrie sich erholen. Ein Argument, das die Arbeitnehmer in der Industrie und die Arbeitgeber im Handel wohl anbringen werden.

7. Wie stark stiegen die Löhne in der Vergangenheit?

Die Reallöhne pro Kopf bleiben im langjährigen Vergleich hinter dem Produktivitätsfortschritt zurück. Ein Grund ist die wachsende Teilzeitquote: Die Zahl der Beschäftigten ist in den vergangenen Jahren gestiegen, die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden kaum. Das drückt die Pro-Kopf-Löhne nach unten. Ein durchgängig vollzeitbeschäftigter Industriearbeiter, der nie in Kurzarbeit oder arbeitslos war, dürfte in den vergangenen Jahren den Produktivitätsfortschritt in einem starken Ausmaß abgegolten bekommen haben, sagt Guger.

8. Was unterscheidet Lohnerhöhungen von Einmalzahlungen?

Einmalzahlungen erhöhen nicht die Basis für die Lohnerhöhung des nächsten Jahres. Die Arbeitgeber bevorzugen daher Einmalzahlungen, die Gewerkschaften nachhaltige Lohnerhöhungen, die in die Folgejahre wirken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2009)

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