Braucht Österreich eigentlich Einwanderung? Ja, aber...

1,8 Millionen Menschen haben in Österreich Migrationshintergrund. Das Land braucht Zuwanderung – im Erwerbsfähigenalter. Welche Chancen, Risken das bringt, und wie sich die Bevölkerungsstruktur verändert hat.

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Archivbild – (c) imago/ZUMA Press (imago stock&people)

Österreich ist ein Einwanderungsland. Lange wollte es die Politik nicht wahrhaben, oder zumindest nicht ansprechen. Aber die Zahlen zeigen es deutlich – vor allem jene von 2015: Nicht nur, aber auch durch die Flüchtlingsbewegung hat der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund bzw. nicht österreichischer Staatsbürgerschaft zugenommen. 2015 betrug die Nettozuwanderung (mit Berücksichtigung von Abwanderungen) 113.100 Menschen. Das geburtenschwache Land braucht junge, erwerbstätige Menschen, die den Betrieb Österreich und die Wirtschaft am Laufen halten. Allerdings wandern nicht immer jene Fachkräfte zu, die man unbedingt braucht. Neben Chancen kann Zuwanderung so auch Probleme mit sich bringen, wenn Integration nicht gelingt.

1. Wie viele Zuwanderer bzw. Menschen mit Migrationshintergrund gibt es in Österreich?

Zunächst muss man unterscheiden: zwischen jenen, die im Vorjahr nach Österreich eingewandert sind (diese Zahl war 2015 vergleichsweise hoch: 214.400 Menschen kamen ins Land – 101.300 Menschen wanderten hingegen aus), und jenen Personen, die 2015 in Österreich gelebt haben – und Migrationshintergrund haben. Sie oder ihre Eltern sind demnach nicht in Österreich geboren. Im Vorjahr machte diese Gruppe 21 Prozent der österreichischen Bevölkerung aus. In absoluten Zahlen sind das 1,8 Millionen Menschen.

Zum Vergleich: Im Jahr 1961 lebten laut Bericht des Integrationsministeriums nur knapp mehr als 100.000 ausländische Staatsangehörige in Österreich (1,4 Prozent). In den vergangenen 55 Jahren gab es einen Wanderungsgewinn von rund 1,15 Millionen Menschen.

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2. Wieso braucht Österreich eigentlich Zuwanderung?

Sehr zugespitzt formuliert: um nicht auszusterben. Allein um die Bevölkerungszahl konstant zu halten, braucht das Land eine jährliche Nettozuwanderung von 21.600 Personen. Das geht aus Schätzungen im neuen Migrationsbericht des Innenministeriums hervor. Zur Stabilisierung der Zahl der Bevölkerung im Erwerbsfähigenalter (also zwischen 15 und 64 Jahren) braucht es hingegen eine Nettozuwanderung von 49.000 Menschen. Ohne Personen aus dem Ausland würde dieser Teil der Bevölkerung von derzeit 5,7 Millionen auf 4,1 Millionen im Jahr 2050 schrumpfen. Migration soll demnach zur Sicherung des Wohlfahrtsstaates beitragen: Durch berufstätige Zuwanderer, die ins System einzahlen, werden Sozialleistungen und Pensionen gesichert. Wichtig ist laut Experten des Migrationsrates in diesem Punkt allerdings eine gezielte Zuwanderung. So könne man zum Beispiel den Bedarf an Pflegekräften decken. Auch einem Ärztemangel müsse man entgegenwirken, indem die Abwanderung von Medizinabsolventen und medizinischem Personal verhindert wird. Schließlich nimmt die Anzahl an Pflegebedürftigen zu – und wird es auch weiterhin tun: Waren 2014 noch 1,6 Millionen Menschen 65 Jahre alt oder älter, werden es im Jahr 2050 laut Prognosen 2,7 Millionen Menschen sein.

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3. Sind unter den Zuwanderern vor allem EU-Bürger, Flüchtlinge oder Schlüsselarbeitskräfte?

Anders als das Vorzeige-Einwanderungsland Kanada sucht sich Österreich seine Zuwanderer derzeit großteils nicht selbst aus. Sie kommen aufgrund entsprechender gesetzlicher Möglichkeiten einfach. So kam der Großteil der 214.400 im Vorjahr Zugewanderten aus anderen EU- bzw. EWR-Staaten. Konkret waren es 91.600 Personen. Darunter viele Rumänen (siehe Punkt 4). Die zweitgrößte Gruppe unter den Neuzugezogenen bildeten in einem außergewöhnlichen Zuwanderungsjahr die Flüchtlinge. 88.300 wurden aufgenommen.

Damit kamen in einem Jahr so viele wie in Summe in den fünf Jahren zuvor. Auch der Familiennachzug aus den Drittstaaten spielt weiterhin eine große Rolle. 14.900 Personen wurden von ihren Angehörigen nach Österreich geholt. Vergleichsweise gering fällt die Zahl der Schlüsselarbeitskräfte, die nach Österreich kamen, aus. Nur 1300 Rot-Weiß-Rot-Karten, die genau diese Arbeitskräfte anlocken soll, wurden verteilt.

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4. Woher kommen die in Österreich lebenden Migranten, und wer wandert neu zu?

Die mit Abstand größte Gruppe unter den in Österreich lebenden Ausländern sind die Deutschen. Mit Jahresbeginn lebten 176.000 hier. Dahinter folgen Serben (117.00) und Türken (116.000). Die Jahre, in denen Zuwanderer hauptsächlich aus traditionellen Gastarbeiterländern kamen, sind schon lange vorbei.

In den vergangenen Jahren kamen die meisten Zuwanderer aus der EU – und zwar neben Deutschland besonders aus den seit 2004 beigetretenen Staaten. Im Vorjahr zogen knapp 17.500 Rumänen, 17.000 Deutsche 14.000 Ungarn und jeweils rund 6100 Polen und Slowaken nach Österreich. In diesem Jahr der großen Flüchtlingsbewegung kamen erstmals wieder mehr Nicht-EU-Bürger nach Österreich. Mehr als 22.600 Syrer, fast 20.000 Afghanen und 10.000 Iraker zogen zu.

5. Welche Probleme können durch die derzeit übliche Zuwanderungspraxis entstehen?

Österreichs wirtschaftliche Herausforderungen werden nicht allein durch den jährlichen Zuzug von 49.000 Menschen gelöst. Im Gegenteil: Der derzeit oft ungesteuerte Zuzug schafft sogar Probleme – auch auf dem Arbeitsmarkt. Dort können viele Zuwanderer gar nicht aufgenommen werden. Deshalb liegt die Arbeitslosenquote der Ausländer (13,5 Prozent im Vorjahr) stets höher als die der österreichischen Staatsbürger (8,1 Prozent). Das liegt mitunter an der häufig mangelnden Qualifikation. Unter den ausländischen Staatsangehörigen ist der Anteil der Personen, die lediglich einen Pflichtschulabschluss vorweisen können, mit 26 Prozent doppelt so hoch. Für viele Jobs reichen auch die Deutschkenntnisse nicht. Schon vor der Flüchtlingskrise konnte ein Sechstel der Personen mit Migrationshintergrund in Österreich kaum oder gar nicht Deutsch sprechen. Am Ausbau der Deutschkurse wird derzeit noch gearbeitet. Generell pocht der Migrationsrat des Innenministeriums auf „qualifizierte Zuwanderung“. Eine Steuerung des Flüchtlingsstroms sei freilich kaum möglich und die Migration innerhalb der EU nur indirekt steuerbar – also etwa durch gutes Marketing für Österreich. Einfluss habe man aber vor allem auf die Zuwanderung aus Drittstaaten. Genau das habe man verabsäumt. An einer Reform der Rot-Weiß-Rot-Karte scheint kaum ein Weg vorbeizuführen.

Aber nicht nur wirtschaftlich steht Österreich als Einwanderungsland vor Herausforderungen. Die größte Aufgabe bleibt die Integration.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2016)

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