Christian Kern auf den Spuren von Franz Josef Strauß

Der Martin-Schulz-Hype sorgte beim Politischen Aschermittwoch der Bayern-SPD für einen Besucherrekord. Auch SPÖ-Chef Christian Kern versuchte sich in Vilshofen als Bierzeltredner. Ein Stimmungsbericht.

Kanzler Kern
Kanzler Kern
Kanzler Kern – (c) APA/AFP/DPA/ANGELIKA WARMUTH (ANGELIKA WARMUTH)

Christian Kern auf den Spuren von Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber, von Jörg Haider und Heinz-Christian Strache: Es ist seine erste Aschermittwochsrede, die erste eines SPÖ-Vorsitzenden überhaupt. Er hält sie an jenem Ort, an dem diese Tradition begründet wurde: im niederbayrischen Vilshofen. Von den 50er- bis in die 70er-Jahre traten hier die CSU-Ministerpräsidenten auf, dann übersiedelte man aus Platzgründen ins nahe Passau. Die bayrische SPD nahm daraufhin Vilshofen in Beschlag. Zuerst traf man sich wie zuvor die CSU im „Wolferstetter Keller“, vor einigen Jahren wich man in ein Festzelt aus. Das heuer vergrößert wurde.

„So viel Leute wie heuer waren noch nie da“, sagt Antonius Galler, SPD-Mitglied seit 40 Jahren. Vor der Halle hatten sich zwei mehrere hundert Meter lange Schlangen gebildet. Die Menschen gehen Martin Schulz schauen. „Mich interessiert aber auch der Christian Kern“, sagt Genosse Galler. Stolz ist man hier, heuer die Schwarzen erstmals von der Besucheranzahl übertroffen zu haben. Knapp über 4000 sind es bei der CSU, über 5000 bei der SPD.

Christian Kern und Martin Schulz
Christian Kern und Martin Schulz
Christian Kern und Martin Schulz – (c) APA/AFP/UWE LEIN (UWE LEIN)

Wegen Martin Schulz. „Zeit für Martin“- und „Jetzt ist Schulz!“-Schilder liegen auf den Tischen. Sonst stehen auf diesen Bierkrüge und Weißwürste wie bei der Konkurrenz von der CSU. „Martin! Martin!“ ruft der gesamte Saal, als er das erste Mal die Bühne betritt. Seine Vorredner von der Bayern-SPD reden bereits vom „neuen Kanzler in Berlin“. Erstaunlich oft reden sie auch davon, dass die Sozialdemokratie weiterhin die Partei der „offenen Grenzen“ sei, CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer hingegen wird als Trump- und Orban-Fan geschimpft. Vorne klatschen sie enthusiastisch, doch die Begeisterung über „offene Grenzen“ ist nicht ungeteilt. „Na ja“, sagt ein Genosse und verdreht die Augen.

Politischer Aschermittwoch: ''Die ganze Woche lügen sie''

Auch mehrere hundert österreichische Gesinnungsfreunde sind da, ganz vorne sitzt SPÖ-Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler mit seiner Frau. Als Elvis Presleys „A little less conversation“ ertönt, geht ein wissendes Raunen durch die österreichischen Reihen. „Hier spricht die Vorband von Martin Schulz“, sagt Kern, nachdem er die Bühne betreten hat. Der Kanzler im dunkelblauen Anzug passt vom Habitus so gar nicht in ein Bierzelt. Aber er tastet sich an die eine und andere Pointe heran: „Ich danke für die bayrische Liberalität, dass ihr mich ohne Einreisekontrolle habt einreisen lassen.“ Lacher und Applaus gibt es dafür. Er werde es heute mit einer „staatsmännischen Bierzeltrede“ versuchen, bittet Kern um Verständnis, dass er sich mit gröberen Rundumschlägen zurückhalten werde.

Als Gegner hat Kern „die Rechtspopulisten“ auserkoren. „Wir haben in Österreich 30 Jahre Vorsprung. Ich kann euch eines sagen: Sie springen los im Tigerkostüm und enden als Bettvorleger.“ Also doch wieder ein bierzelttauglicher Kalauer. Nachdem er sich an der „deutschnationalen“ AfD und der „deutschnationalen“ FPÖ abgearbeitet hat, gibt es ernsthaftere Passagen aus seiner Plan-A-Tournee: Die Sozialdemokratie müsste sich wieder an die Spitze des Fortschritts stellen, der Mittelstand dürfe nicht weiter die Rechnung zahlen.

„Für die Reichen Sekt und Kaviar“

Kern warnt vor dem Beispiel USA: „Dort ist die Reality Show zum politischen Alltag geworden.“ Er habe nichts gegen Reichtum, aber in den USA würden nun die Reichen regieren. „Für die Reichen Sekt und Kaviar, für den Rest eine Mauer“, fasst Kern die Politik dieser „Rechtsdemagogen“ zusammen. „Wir sind besorgt“, sagt Kern, „das ist das Mindeste“. Danach bekommt Kern tosenden Applaus: Weil er sein Sakko ausgezogen hat. Der Justin Trudeau von Niederbayern.

Kern beim politischen Aschermittwoch
Kern beim politischen Aschermittwoch
Kern beim politischen Aschermittwoch – (c) APA/dpa/Daniel Karmann (Daniel Karmann)

Und dann kommt der, der von Kern schon in eine Anfangsbuchstaben-Reihe mit „Schmidt und Schröder“ gestellt wird: Schulz. In Passau würden sich zur selben Zeit „die Rechten“, die österreichischen und die deutschen, treffen, sagt dieser. Die Sozialdemokratie hingegen sei „seit 150 Jahren das Bollwerk gegen Ausgrenzung, Abschottung und Ultranationalismus“. Schulz wird laut und pathetisch: Die Nationalisten würden den Kindern hier in der Halle die Zukunft stehlen. Die AfD sei eine „Schande für die Bundesrepublik“. Auch seinen Ruf als Eurokrat spricht er an. „Aber: Wer ins Kanzleramt will, der muss Europakompetenz haben“, poltert er und erntet Jubel.

Solidarität sei keine Einbahnstraße, das gelte auch für die Flüchtlinge, führt Schulz weiter aus. Als er Viktor Orban anspricht, der von den Christdemokraten hofiert werde, setzt es Pfiffe. Für Orban selbstverständlich. Trump kommt auch noch dran. Und Erdogan sei als Staatsoberhaupt willkommen, nicht jedoch als Wahlkämpfer.

Mit harten Argumenten werde man nun kämpfen, nicht jedoch mit persönlichen Beleidigungen wie Trump. Das hindert Schulz dann nicht, sich über die „Zwangsehe“ von CDU-Chefin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer lustig zu machen. „Die sind nicht mehr ganz beisammen.“
Danach erzählt der heute vor Selbstbewusstsein Strotzende von seinem Leben, das in „einfachen Verhältnissen“ – die Mutter Hausfrau, der Vater Polizist – begann, von der Zeit, als er „den Faden verlor“ – Schulz war Alkoholiker – und wie er eine „zweite Chance“ bekam und diese nutzte.
Großer finaler Jubel. „Sensationelle Rede“, twittert Christian Kern.

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