43 Prozent der Österreicher wünschen sich "starken Mann" an der Staatsspitze

Eine Studie zum Geschichts- und Demokratiebewusstsein kommt zu dem Schluss, dass antidemokratische und autoritäre Einstellungen in den vergangenen zehn Jahren stark zugenommen haben.

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Wladimir Putin – AFP

43 Prozent der Österreicher wünschen sich einen "starken Mann" an der Spitze des Staates. Und immerhin noch 23 Prozent stimmen der Aussage zu: "Man sollte einen starken Führer haben, der sich nicht um ein Parlament und Wahlen kümmern muss."

Das hat eine vom Zukunftsfonds der Republik in Auftrag gegebene Umfrage des Meinungsforschungsinstituts SORA sowie des Vereins zur wissenschaftlichen Aufarbeitung von Zeitgeschichte ergheben. Für die Studie wurden 1000 Österreicher von Februar bis März dieses Jahres zu ihrem Geschichts- und Demokratiebewusstsein befragt und mit der gleichen Untersuchung aus dem Jahr 2007 verglichen.

78 Prozent nannten die Demokratie - trotz möglicher Probleme, die sie mit sich bringen mag - als beste Regierungsform. Sie hat allerdings in den vergangenen zehn Jahren an Zustimmung verloren. 2007 lag der Wert noch bei 86 Prozent. 2007 hatten sich zudem nur 14 Prozent nach einem "starken Führer" gesehnt, der im Gegensatz zum "starken Mann" ohne demokratische Legitimation herrscht. 

Österreicher zunehmend "demokratieverdrossen"

"Der Vergleich zeigt ganz klar, dass innerhalb von zehn Jahren die antidemokratischen und autoritären Einstellungen signifikant zugenommen haben", sagte Meinungsforscherin Martina Zandonella gegenüber dem "Kurier". Die Ergebnisse würden aber nicht bedeuten, dass sich die Österreicher nach einer Diktatur sehnen. Viele Menschen seien "demokratieverdrossen": 41 Prozent haben laut der Befragung das Gefühl, keinen Einfluss auf die Regierung nehmen zu können. 2007 sahen das nur 32 Prozent so.

Auch das Bedürfnis nach "Law & Order" ist offenbar gestiegen: Der Aussage "Um Recht und Ordnung zu wahren, sollte man stärker gegen Außenseiter und Unruhestifter vorgehen", stimmten in der Befragung 61 Prozent zu, 2007 waren es 53 Prozent.

Etwas positiver sehen die Meinungsforscher die Entwicklung beim NS-Geschichtsbewusstsein. Nur 26 Prozent stimmten der Aussage, Österreich sei das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen, zu. 2007 sahen das noch 36 Prozent so. Die Hälfte der Befragten erklärte, dass der Nationalsozialismus "nur Schlechtes" bzw. "großteils Schlechtes" gebracht habe. Allerdings konnten oder wollten 33 Prozent der Unter-35-Jährigen keine Angaben zu diesem Thema machen. "Die Jugend scheint sich schwer zu tun, eine selbstbewusste Antwort auf die NS-Frage zu geben", so Zandonella. "Ich glaube, dass sich viele ihre politische Meinung erst später bilden, weil ihnen schlicht das Wissen dazu noch fehlt." 

"Politische Apathie führt zu autoritären Systemen"

Der Historiker Oliver Rathkolb und SORA-Meinungsforscher Günther Ogris sehen bei Politik und Medien aufgrund der Umfrageergebnisse akuten Handlungsbedarf. Rathkolb sprach bei der Präsentation der Ergebnisse von einem "gewaltigen Schub" beim autoritären Hardcore-Potenzial. Die Politik müsse sich aber vor allem auch um jene kümmern, die politisch apathisch sind. "Politische Apathie, wie immer sie verursacht sein mag, führt zu autoritären Systemen", sagte Rathkolb.

Der Historiker forderte im Hinblick auf das 100-jährige Republiksjubiläum 2018 Aktivitäten im Bildungsbereich. "Es wäre im politischen Bildungsbereich effizienter, nicht über Ferien zu diskutieren, sondern simple einfache Maßnahmen zu setzen." Darüber hinaus plädierte Rathkolb für eine Abkehr vom elitären Zugang in der Bildungspolitik. "Wir sind viel zu sehr auf Gymnasium, Mittelschule und universitäre Ausbildung fokussiert, aber lassen den Bereich der Pflichtschulen, Berufsschulen und Lehrlinge außen vor."

SORA-Chef Ogris meinte, dass sich Politik und politiknahe Institutionen überlegen müssten, wie sie wieder verstärkt in Kontakt mit der Bevölkerung kommen und Vertrauen und Image verbessern. "Das selbe gilt für die Medien. Die sind mit im Boot in der Vertrauenskrise." Medien müssten hinterfragen, wie sie den politischen Diskurs, den Kompromiss, politische Verhandlungen bewerten, kommentieren und ihren Konsumenten präsentieren. Die Wähler rief Ogris auf, sich zu fragen, welches System und welche Demokratie sie wollen, wie wichtig Regierung und Opposition, Meinungsfreiheit oder unabhängige Gerichte sind.

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(Red./APA)

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