Die Abrechnung der Eva Glawischnig

Die scheidende Grünen-Chefin wünscht sich mehr Frauen in der Männerdomäne Politik. Führung müsse nicht zwingend „in Slim-Fit-Anzügen daherkommen“.

Traurig und erleichtert zugleich: Eva Glawischnig und ihr Ehemann, Volker Piesczek, nach der Abschiedserklärung im Parlament.
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Traurig und erleichtert zugleich: Eva Glawischnig und ihr Ehemann, Volker Piesczek, nach der Abschiedserklärung im Parlament.
Traurig und erleichtert zugleich: Eva Glawischnig und ihr Ehemann, Volker Piesczek, nach der Abschiedserklärung im Parlament. – (c) APA/ROBERT JAEGER (ROBERT JAEGER)

Wien. Zuletzt war dann doch eine Häufung an persönlichen Politikererklärungen in Österreich zu bemerken: Reinhold Mitterlehner sagte Adieu, Sebastian Kurz stellte sich und seine Bedingungen vor, und schließlich, am Donnerstagvormittag im Parlament, verabschiedete sich auch Eva Glawischnig von der politischen Bühne.

Leicht fiel es ihr nicht. Reinhold Mitterlehner hatte seine Gefühle hinter einem Sarkasmus versteckt. Eva Glawischnig verschlug es die Stimme. Immer wieder und besonders am Ende ihrer Ausführungen, als sie sich bei ihren Mitarbeitern, Weggefährten und ihrer Familie bedankte. Ihr Ehemann, Volker Piesczek, hatte sich im Medienzentrum des Parlaments unter die grüne Abordnung gemischt. Auch dort kämpften manche mit den Tränen.

Die Partei war in der Nacht auf Donnerstag von der Entscheidung überrascht worden. Etliche Mitarbeiter hatten am Mittwochabend aus den Medien davon erfahren. Ein Bericht der „Zeit“ hatte Glawischnigs Pläne durchkreuzt. Eigentlich wollte sie erst am Freitag zurücktreten. Nachdem aber die ganze Partei in Aufruhr war, musste sie am Donnerstag reagieren.

Eva Glawischnig: Österreichs grüne Frontfrau tritt ab

Den einen Anlass für diesen Abschied gebe es nicht, versicherte sie im Parlament, der Entschluss sei lang in ihr gereift. Die vorgezogene Neuwahl in Kombination mit „körperlichen Warnsignalen“, allen voran einem allergischen Schock, hätten dann den Ausschlag gegeben. Sie habe Familie, zwei Kinder, also Verantwortung. Sie wolle ihre Gesundheit nicht weiter aufs Spiel setzen. „Diesen Job kann man nicht ewig machen.“

Glawischnig hat die Grünen nach der Nationalratswahl 2008 von Alexander Van der Bellen übernommen. Nun, knapp neun Jahre später, sei „der Zeitpunkt gekommen, die Führung abzugeben“. Unter Glawischnig erreichten die Grünen ihr bestes Wahlergebnis (12,4 Prozent im Jahr 2013) und dehnten ihren Einflussbereich in die Bundesländer aus. Die Koalitionsbeteiligung in Oberösterreich ging zwar an die FPÖ verloren, aber in Wien, Kärnten, Salzburg, Tirol und Vorarlberg regieren die Grünen heute mit. Außerdem ist Glawischnigs Vorgänger mittlerweile Bundespräsident.

Eine Empfehlung für ihre Nachfolge wollte sie nicht geben. Das sei eine Entscheidung des Bundesvorstands, der heute, Freitag, in Salzburg zusammenkommt. „Ich vertraue auf die Weisheit der Gremien. Da mische ich mich nicht ein.“ Nur so viel: Sie würde eine Nachfolgerin bevorzugen.

„Sexistische Machos“

Überhaupt wünscht sich Glawischnig mehr weibliche Führungskräfte. In politischen Runden sei sie oft die einzige Frau gewesen. Dabei müsse Führung „nicht zwingend in Slim-Fit-Anzügen“ daherkommen. „Ich bin überzeugt: Gäbe es mehr Frauen in Verantwortung, hätten wir eine andere politische Kultur.“ Dabei erinnerte sie an die verstorbenen SPÖ-Politikerinnen Barbara Prammer und Sabine Oberhauser. Beide seien für sachliche Lösungen gestanden, nicht für ein „Duell der Eitelkeiten“.

Vor dem „Konzept des starken Mannes“ warnte Glawischnig auch als „überzeugte Parlamentarierin“ – zumal „in Zeiten politischer Zuspitzung“. Danach wandte sie sich den Medien zu. Auch hier gab es eine Parallele zu Reinhold Mitterlehner, der sich in seiner Abschiedsrede vor allem über den ORF beklagt hatte. Glawischnig widmete sich jenen „Persönlichkeiten in der Medienbranche“, die das „politische Klima vergifteten“, weil sie journalistische Sorgfalt vermissen ließen. „Oder weil sie einfach sexistische Machos sind.“ Übrigens: „Krone“-Kolumnist Michael Jeannée, der Glawischnig immer wieder heftig attackiert hatte, saß ganz hinten im Publikum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2017)

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