Christian Kern, der Calvinist

Von Simmering ins Kanzleramt: Eine Siebzigerjahre-Aufsteigergeschichte. Eine ziemlich dick aufgetragene. Das erste Buch, das Leben und Denken des SPÖ-Chefs beleuchtet.

Christian Kern, ein Grüner der ersten Stunde. Bis er Günther Nenning las.
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Christian Kern, ein Grüner der ersten Stunde. Bis er Günther Nenning las.
Christian Kern, ein Grüner der ersten Stunde. Bis er Günther Nenning las. – (c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)

Schon zu Beginn wird relativ dick aufgetragen. „Als Kern erstmals öffentlich auftrat, reagierten viele Menschen überrascht – und nicht wenige begeistert.“ Hier beginne etwas Neues „in einem eminenteren Sinne“, konstatiert der Autor und lässt einen Weggefährten über den Kanzler sagen: „Er war immer der Fleißigste, Belesenste und der Gescheiteste von uns allen.“

Christian Kern Superstar. Biograf Robert Misik, Kanzlerfreund seit Studententagen, verhehlt auch gar nicht, dass er nicht wirklich objektiv ist. Nur eine Hagiografie sollte es dann doch nicht werden, schreibt er. Es ist gewissermaßen dann doch eine geworden. Was das Buch dennoch lesenswert macht – neben Misiks Abhandlungen über die Ideologien und die Welt – ist, dass man Einblick in Kerns Denken und Handeln bekommt, in sein Leben, seine Herkunft.

Christian Kern wächst in Wien Simmering auf. In einer Familie, die keine klassisch sozialdemokratische ist. Hier vermischt sich Arbeiterklasse mit Kleingewerbemilieu. Kerns Vater, eigentlich unpolitisch, arbeitet in einem Installationsbetrieb. Die Mutter ist Sekretärin. Sie ist es vor allem, die den Sohn dazu anhält zu lesen und zu lernen, ihm den Weg ins Gymnasium ebnet. Es ist eine rührende Siebzigerjahre-Aufsteigergeschichte. Das nicht allzu üppige Familienbudget lässt sogar einen jährlichen Skiurlaub zu. Die Kerns fahren nach Bad Kleinkirchheim, Mitterbach und Bad Mitterndorf. Das erste Mal das Meer sieht er mit 18 Jahren – in Jesolo. Die Eltern hatten in der Zwischenzeit ein Milchgeschäft im zehnten Bezirk aufgemacht. Und der Vater erwarb eine Taxilizenz. „Sie sind früh aufgestanden und haben ein immenses Arbeitsethos gehabt.“

Auch Christian Kern werden im Buch immer wieder Attribute wie Fleiß und Kontrolliertheit zugeschrieben. „Ich war immer der Calvinist“, sagt er selbst über sich. „Das Mörder-Party-Animal war ich nie. Die Phase, in der die Leute auf den Putz hauen – die hatte ich nie. Ich glaube, ich habe zweimal in meiner Jugend durchgemacht, einmal zu Silvester, einmal nach der Matura.“

 

Vater im Alter von 22 Jahren

Das hat auch damit zu tun, dass Kern relativ früh, im Alter von 22 Jahren, Vater wird. Die Mutter des Kindes, heute Anwältin und SPÖ-Stadträtin in Mödling, verlässt die Familie bald, Kern bleibt mit dem kleinen Nikolaus zurück, erzieht ihn einige Jahre allein. Später kommen die Eltern wieder zusammen, bekommen noch zwei Kinder, trennen sich wieder, Nikolaus bleibt wieder beim Vater.

Politisch wird Kern dennoch vom linksalternativen Zeitgeist erfasst. Er war, wenn man so will, ein Grüner der ersten Stunde. Als Mitbegründer der Alternativen Liste Simmering. Günther Nennings Buch „Realisten oder Verräter?“ macht ihn dann zum Sozialdemokraten. „Radikalinski-Getue“ sei etwas für die bürgerlichen Intellektuellen, schreibt Nenning darin. Und als Student kauft Kern dann schon seine ersten Aktien.

Kern wird Wirtschaftsjournalist, Sprecher des Parlamentsklubs, sitzt für die SPÖ im ORF-Kuratorium, in dem er Kontakte zu einem Verbund-Vorstand knüpft, bei dem er dann selbst Vorstand wird. Dann geht er zur ÖBB. „Es ist phänomenal, in welcher Weise er die Bahn entstaubt hat“, erzählt Aufsichtsratschefin Brigitte Ederer Misik am Telefon. „Zufälligerweise gerade, während ich mit der Bahn durch den Tunnel fahre. Und die Verbindung reißt dennoch nicht ab.“

Aber nicht nur der Biograf trägt dick auf. Mitunter verfällt auch der Kanzler in einen Ton, der entfernt an Alfred Gusenbauer erinnert: Treffen der EU-Regierungschefs in Brüssel, die anderen Premiers wollen schon nach Hause, doch Kern zettelt noch Debatten an. „Ich habe die Gelegenheit genutzt, mit Draghi (EZB-Chef, Anm.) über die Arbeitslosigkeit, die Folgen des Lohngefälles zu diskutieren.“ Oder wenn er über eines seiner Hobbys, den Sport, spricht: „Wenn andere sagen: ,Bist du deppert, das tu ich mir nicht mehr an‘ – da sag ich: ,Geht schon. Etwa beim Mountainbiken. Du steigst nicht ab, bis du oben bist.‘“

Was Sebastian Kurz freuen wird: Auch Kern spricht sich für klare Richtungsentscheidungen aus. Dieses „lauwarme Hinsichtl und Rücksichtl“ wolle er nicht mehr. „Gewinnen wir – ist es gut. Gewinnen wir nicht – müssen wir es auch akzeptieren.“

Misiks Lieblingswort in diesem Buch ist „progressiv“. Es kommt gefühlt auf jeder zehnten Seite vor. Interessant ist aber auch, wie weit der Zeitgeist nach rechts gerückt ist, wenn ein Linker wie Misik den Patriotismus entdeckt – eh einen progressiven – und sich Gedanken darüber macht, dass Zuwanderung nicht nur Bereicherung ist. Die Biografie erzählt eben auch viel über den Autor. Ob sich Robert Misik, einer der brillantesten Publizisten dieses Landes, mit dem Buch einen Gefallen getan hat? Man weiß es nicht.

Robert Misik: „Christian Kern“
Residenz Verlag
192 Seiten
22 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2017)

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