Anleitung gegen die Landflucht

Junge, vor allem junge Frauen, zieht es verstärkt in das städtische Gebiet. Wie kann man das verhindern? Minister Rupprechter präsentiert nun seinen Masterplan.

Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter (im Bild im Nationalpark Thayatal) will den ländlichen Raum stärken. Den Plan kann die Regierung nicht mehr umsetzen.
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Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter (im Bild im Nationalpark Thayatal) will den ländlichen Raum stärken. Den Plan kann die Regierung nicht mehr umsetzen.
Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter (im Bild im Nationalpark Thayatal) will den ländlichen Raum stärken. Den Plan kann die Regierung nicht mehr umsetzen. – (c) APA/ROBERT JAEGER

Wien. Im November 2016 hat man es vielleicht ahnen können, sicher war es aber nicht: Dass die Nationalratswahl vorgezogen wird, nämlich. Also startete Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter (ÖVP) ein großes Projekt: Ein Masterplan für den ländlichen Raum wurde gemeinsam mit Wissenschaftlern und Experten ausgearbeitet. Auf 127 Seiten wurde zusammengefasst, wie man der Landflucht entgegenwirken kann. Am Dienstag wird das Ergebnis offiziell präsentiert. Natürlich nicht in der Großstadt Wien, sondern in der Werft im niederöstereichischen Korneuburg. Der Haken daran: Durch die Wahl am 15. Oktober kann der Plan nicht von der Regierung beschlossen werden. Rupprechter kann nur darauf hoffen, dass er in der nächsten Legislaturperiode wieder aufgenommen wird. Worum geht es nun genau? Ein Überblick.

Überalterung vermeiden

Begleitet wurde die Arbeit wissenschaftlich von Peter Filzmaier und Gottfried Haber von der Donau-Universität Krems. Beide kommen zu dem Schluss: Der ländliche Raum sterbe zwar nicht aus, aber er überaltert nachweislich. Und das sei auch aus ökonomischer Sicht nicht sinnvoll. „Bis zum Jahr 2050 wird sich die Anzahl der über 60-Jährigen nahezu verdoppeln“, sagt Filzmaier. Junge, Frauen und formal höher gebildete Menschen würden hingegen in den urbanen Raum ziehen. Ein Gegenmittel sei es, mehr Chancen zu schaffen. Rupprechter will beispielsweise das traditionelle Geschlechter-Rollenbild durchbrechen. Zum Beispiel soll ein höherer Frauenanteil in Entscheidungsgremien gefördert werden. Die Kinderbetreuung sollte verstärkt als Aufgabe beider Elternteile gesehen werden. Dafür sollten mehr Betreuungsplätze geschaffen werden. Konkrete, detaillierte Pläne gibt es dazu allerdings noch nicht. Möglicherweise auch deswegen, weil diese Punkte nicht zwangsläufig in den Kompetenzbereich von Rupprechter fallen.

Dezentralisierung

Einer der wichtigsten Punkte des Plans ist allerdings die Dezentralisierung. Bundesbehörden sollen sich nicht allein auf Wien konzentrieren – eine gerechtere Verteilung soll mehr Arbeitsplätze im ländlichen Raum schaffen. Welche Einrichtungen betroffen sein könnten? Als Beispiel nannte Rupprechter das Bundesamt für Wasserwirtschaft am Mondsee. Überlegungen gibt es aber auch in den Ressorts Inneres und Justiz. Nachsatz Rupprechter: Er wolle aber niemandem Empfehlungen ausrichten. In den nächsten zehn Jahren sollen jedenfalls zehn Prozent der Behörden in ländliche Regionen ausgelagert werden. Das sind immerhin 3500 Dienststellen. Welche ökonomischen Vorteile diese Maßnahmen für den ländlichen Bereich bringt, müsse dann evaluiert werden.

Digitalisierung

Das ländliche Gebiet für Junge und auch Unternehmer attraktiver zu gestalten bedeutet auch, die Digitalisierung voranzutreiben: Eine flächendeckende Breitbandinfrastruktur ist daher laut Rupprechter dringend notwendig. Das fällt allerdings in die Kompetenzen von SPÖ-Minister Jörg Leichtfried.

Kooperationen

Gemeinden sollen in Zukunft verstärkt zusammenarbeiten, um den Bürgern am Land die nötige Infrastruktur zu bieten. „Es gibt viel Eigeninitiative am Land, aber die Frage ist: Wird die kritische Masse erreicht?“, fragt Haber. Man müsse also die Kräfte am Land bündeln. Zum Beispiel im Gesundheitsbereich: Dabei gehe es nicht darum, Standorte zu schließen, sondern um eine „abgestufte Versorgung“. Eine Möglichkeit seien mobile Arztpraxen. Aber auch das komplexe Verwaltungswesen könnte gebündelt erledigt werden. Und zwar wenn sich mehrere Gemeinden für gemeinsame Kompetenzzentren entscheiden. (ib)

Auf einen Blick

Daten für das Landwirtschaftsministerium zeigen, dass die Älteren am Land bleiben, Jüngere
und vor allem Frauen hingegen abwandern. Diesem Trend will Minister Andrä Rupprechter nun entgegenwirken. Er präsentiert seinen Masterplan für den ländlichen Raum. Ein wichtiger Ansatzpunkt aus seiner Sicht ist die Dezentralisierung. So sollen Bundesbehörden nicht nur in Wien, sondern dort, wo sinnvoll, auch am Land angesiedelt sein. Der Haken dabei: Ein Beschluss der Bundesregierung wird sich nicht mehr ausgehen. Rupprechter pocht aber darauf, dass der Plan im nächsten Regierungsprogramm aufgegriffen wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2017)

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