Kritik an Kassen-Fusion: "Buchhaltung wird von Wien aus nicht billiger"

Der frühere Vorstandschef der AOK Bayern, Helmut Platzer, und OÖGKK-Direktorin Andrea Wesenauer warnen: Zusammenlegen allein spart kein Geld, billiger werde es nur durch Zusperren.

Symbolbild: Gebietskrankenkassen
Symbolbild: Gebietskrankenkassen
Symbolbild: Gebietskrankenkassen – APA/BARBARA GINDL

In der Diskussion um die Zusammenlegung der neun Gebietskrankenkassen warnt die OÖGKK vor einer Re-Verstaatlichung des Gesundheitssystems. Als Argumentationshilfe hat man sich den langjährigen Vorstandschef der AOK Bayern, Helmut Platzer, geholt. Er hat bereits Erfahrung mit Fusionen. Sein Fazit: Zusammenlegen allein spart kein Geld, billiger werde es nur durch Zusperren.

In Bayern wurden Mitte der 1990er-Jahre 39 regionale Kassen zur AOK Bayern - 4,5 Millionen Versicherte, 16 Milliarden Euro Budget, 10.000 Mitarbeiter - zusammengelegt. Der mittlerweile pensionierte Platzer war "Augenzeuge" dieser Entwicklung. Er räumte bei einem Hintergrundgespräch Mittwochabend in Linz mit der Meinung - "Wenn man fusioniert, dann flutscht es" - auf: Der Prozess koste viel Geld, von der Implementierung einer gemeinsamen IT über Beraterkosten bis hin zur Re-Organisation der Mitarbeiter. Und selbst danach würden die Kosten nicht sinken. Geld sparen könne man nur durch die Reduktion der Regionalstellen, ist er überzeugt. Aber das habe man in Bayern bewusst nicht getan, um den Versicherten mehr Service zu bieten.

Empathie statt "Hotline in Wien"

Auch OÖGKK-Direktorin Andrea Wesenauer sieht nicht viel Einsparungspotenzial: Die Verwaltungskosten aller SV-Träger in Österreich würden bei 2,74 Prozent liegen, also niedriger als in Deutschland oder der Schweiz (4,9 bzw. 4,97 Prozent), rechnete sie vor. "Die Buchhaltung wird nicht billiger, nur weil man sie in Wien macht." Billiger würde es folglich nur, wenn man viele Kundenservicestellen zusperrt, dazu sei nicht einmal eine Fusion nötig. Aber z.B. ein Krebskranker, brauche einen empathischen Ansprechpartner, der ihm sagt, wie er zu Therapie und Reha komme, "und nicht jemanden, der an einer Hotline in Wien sitzt".

OÖGKK-Obmann Albert Maringer vermutet, dass es "Interesse gibt, Geld aus dem Gesundheitssystem abzuzapfen". Denn vieles, das oft fälschlicherweise als Verwaltungskosten bezeichnet werde, sei in Wirklichkeit "Mehrwert für die Versicherten". Der Kritik, dass es derzeit unterschiedliche Leistungen von unterschiedlichen GKK gebe, hält er entgegen, dass 98 Prozent der Leistungen bereits harmonisiert seien und die großen Unterschiede eher zwischen den GKK und anderen Sozialversicherungen - wie etwa jener der Bauern oder der gewerblichen Wirtschaft - bestehen.

Details, wie die von der Regierung angepeilte Fusion umgesetzt werden könnte, kennt man bei der OÖGKK offenbar noch nicht. Wesenauer geht aber davon aus, dass die Hoheit über ihr 2,4-Milliarden-Euro-Budget verloren gehen, der Großteil der oberösterreichischen Rücklagen nach Wien abfließen und die Beiträge der Versicherten nach einem neuen Schlüssel bundesweit aufgeteilt würden. "Da wird dem oberösterreichischen Gesundheitssystem Geld entzogen". Zentral vergebene und verhandelte Kassenverträge wären wohl teurer und die Peripherie drohe weniger gut versorgt zu werden, befürchtet sie. Zudem stellten die Kassenvertreter die Frage in den Raum, ob eine Fusion der neun Gebietskrankenkassen wettbewerbsrechtlich halten würde.

(APA)

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