Reportage

Das Horoskop des Wolfgang Katzian

Wolfgang Katzian wurde mit 91,5 Prozent zum neuen ÖGB-Präsidenten gewählt. Von den angekündigten Kampfmaßnahmen war bei seiner Wahl im Vienna Austria Center aber insgesamt doch wenig zu spüren. Atmosphärisch zumindest.

19. OeGB - BUNDESKONGRESS: KATZIAN
19. OeGB - BUNDESKONGRESS: KATZIAN
Viele Stühle blieben im Austria Center leer. – APA/HANS PUNZ

"Der richtige Weg in die Zukunft" steht auf einem Bildschirm vor dem Wiener Austria Center. Auf der "Roten Ebene" - wie könnte es anders sein - wird dort über die Zukunft des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, des ÖGB, entschieden. Erich Foglar wird an diesem Donnerstag die Präsidentschaft an Wolfgang Katzian übergeben. Was nach historischem Moment klingt, wirkt im Austria Center aber wie ein Durchschnittstag. Bunt sind lediglich die animierten Konfetti, die auf Bildschirmen zu sehen sind. Sie sind den Geburtstagskindern des Tages gewidmet.

Katzian - er soll an diesem Tag gewählt werden - war bislang Chef der Privatangestellten-Gewerkschaft. In seiner Rede am Mittwoch hatte er noch angekündigt: "Wir werden kämpfen, wann wir es wollen, wie wir es wollen, wenn es nicht erwartet wird und dort, wo es besonders effektiv ist."

Von dieser Kampfstimmung ist aber im Austria Center am Donnerstag nichts zu spüren. Viele der weißen Stühle bleiben den Tag über unbesetzt. Die meisten Delegierten sitzen ruhig an den Tischen und unterhalten sich.  "Heute vermisse ich die Stimmung ehrlich gesagt ein wenig. Das war letzte Woche beim Kongress der Pro-Ge (Produktionsgewerkschaft) noch anders. Da war kein Platz leer", erzählt der Gewerkschafter Alexander. Er erhofft sich in Zukunft eine "tatkräftige Spitze" unter Katzian.

Scheidende Präsidenten

Katzian wird mit 91,5 Prozent zum Präsidenten gewählt. Der martialische Ton bleibt am Donnerstag dann aus. Dafür zitiert Katzian sein Horoskop ("keine Instinktiv-Aktionen heute") und kritisiert die "tiefe Art im Parlament". Weiters will Katzian die Mitglieder des Gewerkschaftsbundes "darin bestärken, dass sie in der richtigen Organisation sind". Davon sind auch die Gewerkschafterinnen Monika und Karin überzeugt. Sie essen vor dem Saal ein Würstel. Es riecht nach Kren und Senf. Beide wünschen sie sich einen "gemeinsamen ÖGB". Konflikte zwischen den verschiedenen Fachgewerkschaften sollten endlich beiseite gelegt werden.

Neben Katzian bekommt noch ein Delegierter Standing Ovations: ein junger Voest-Lehrling. Er hatte tags zuvor eine emotionale Rede gehalten; ein Gewerkschaftsführer überreichte ihm dafür einen Pokal in Form der berühmten, goldenen Oscar-Statue. Auf der Bühne streckt er dem Publikum den Pokal entgegen: "Die Regierung kann machen, was sie will, wir lassen uns nicht anscheißen!" Lauter Applaus. Katzian selber blieb in einer ähnlichen Tonart, als er verkündete: "Wir sind keine Hosenscheißer." Gemeint war das freilich mit Blick auf die türkis-blaue Regierung.

Blockchain für Gewerkschafter

Solche Begeisterung gibt es im Saal aber nur punktuell. Während der Anträge und der Wahl des Vorstands hört man nur verhaltenen Applaus. Die Hintergrundmusik ist beinahe lauter. Die meisten Delegierten schauen auf ihre leuchtenden Smartphones - passend zum Motto des Bundeskongresses: "Arbeit 4.0". Über die Bildschirme fliegen keine Konfetti mehr, sondern Schlagworte wie "Blockchain", "Internet der Dinge" und "Big Data". Wobei diese Begriffe für die Mehrheit der Delegierten Neuland sein dürfte. Die meisten hier sind Urgesteine der Gewerkschaft.

Wirklich jung sind hier die wenigsten. Außer eine Klasse der Berufsschule für Baugewerbe. Die meisten machen hier eine Lehre zum Bauzeichner. Warum sie hier seien? "Weil wir müssen", sagt ein Schüler, kaum älter als 17 Jahre. Die Namen Katzian und Foglar stoßen nur auf ratlose Gesichter.

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