Islam: Das Ende der kurzen Ära Olgun

Der Schurarat der Glaubensgemeinschaft hat Neuwahlen für den 8. Dezember beschlossen. Der wegen der Moscheenschließungen unter Druck geratene Präsident tritt nicht mehr an.

Neuwahlen: Ibrahim Olgun ist nur noch bis 8. Dezember Präsident der IGGÖ.
Neuwahlen: Ibrahim Olgun ist nur noch bis 8. Dezember Präsident der IGGÖ.
Neuwahlen: Ibrahim Olgun ist nur noch bis 8. Dezember Präsident der IGGÖ. – (c) Clemens Fabry

Wien. Formal war es der Beschluss von Neuwahlen, doch inhaltlich war es ein Misstrauensvotum gegen den Präsidenten. Der Schurarat, quasi das Parlament der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), hat am Samstag beschlossen, am 8. Dezember alle Führungspositionen neu zu wählen. Und damit der kurzen Ära von Ibrahim Olgun an der Spitze der Organisation ein verfrühtes Ende gesetzt. Gerade einmal zweieinhalb Jahre leitete er die Vertretung der österreichischen Muslime.


Dass Olguns Position wackelig war, zeichnete sich bereits im Sommer ab. Rund um die Schließung von sieben Moscheen gab es Vorwürfe, dass der Präsident selbst dafür verantwortlich gewesen sein soll, indem er formale Mängel an das zuständige Kultusamt gemeldet habe. Olgun selbst sagt, dass er gesetzlich dazu verpflichtet gewesen sei. Bei einer Sitzung des Schurarats Ende Juni konnte er noch einen Neuwahlantrag verhindern – durch Zugeständnisse an seine Kritiker. Zum einen wurden seine Befugnisse eingeschränkt, zum anderen wurden organisatorische Änderungen in der Struktur der IGGÖ beschlossen.


Die Reform hätte Olgun auch gern noch zu Ende gebracht. Doch der Neuwahlantrag am Samstag kam ihm zuvor. „Ich bin enttäuscht über die politischen Geschehnisse in der Glaubensgemeinschaft“, sagt er im Gespräch mit der „Presse“. Dementsprechend will er bei der kommenden Wahl auch nicht mehr kandidieren: „Ich habe überhaupt kein Interesse an einer Funktion in den Gremien der Glaubensgemeinschaft. Ich werde auch in keiner Weise mehr eine hohe Funktion in der Glaubensgemeinschaft einnehmen.“

„Es muss sich alles ändern“

Vizepräsident Abdi Tasdögen gehörte rund um die Moscheenschließungen zu den härtesten Kritikern Olguns – und er war es auch, der gemeinsam mit dem zweiten Vizepräsidenten, Esad Memic, am Samstagabend den Neuwahlantrag einbrachte, der laut Tasdögen eine Zweidrittelmehrheit fand. „Es geht nicht nur um den Präsidenten“, sagt er im Gespräch mit der „Presse“, „man hat eingesehen, dass es eine Veränderung geben muss. Es muss sich alles ändern.“ Wiewohl er betont, dass das Vertrauen zu Olgun wegen der Moscheenschließungen nicht mehr da sei – „er ist uns da immer noch Schriftstücke schuldig, die er uns angekündigt hat.“
Auf den ersten Blick ist es also vor allem der Konflikt um die Moscheen, deren Schließung die Regierung im Juni medial verkündete (die mittlerweile aber alle wieder geöffnet sind), der das Ende der Ära Olgun eingeleitet hat. Doch hinter den Kulissen gibt es auch einen anderen Grund – dass nämlich in der IGGÖ ein Machtkampf zwischen den beiden großen türkischen Verbänden tobt, zwischen dem Dachverband Atib und der Islamischen Föderation, hinter der die türkisch-nationalistische Bewegung Millî Görüş steht. Olgun gehört zum Atib-Lager, Tasdögen zur Föderation.


Tasdögen selbst wurden auch im Sommer schon Ambitionen nachgesagt, dass er Olgun an der Spitze ablösen wolle. Doch winkt er ab: „Ich werde nicht zur Verfügung stehen.“ Weder als Präsident noch als Vizepräsident. „Das soll auch ein Beweis dafür sein, dass es mir nicht um Posten geht.“ Lediglich Fachinspektor bei der IGGÖ werde er bleiben.

Rennen um die Nachfolge

Allerdings wird bereits ein anderer Vertreter der Islamischen Föderation als Favorit gehandelt: Ümit Vural, derzeit Vorsitzender des Schurarats. Er hatte sich zunächst noch nicht zu einer möglichen Kandidatur geäußert. Tasdögen bezeichnet den Juristen als „sicher eine der kompetentesten Personen, die diese Aufgabe sicher gut meistern kann. Ich würde seine Kandidatur begrüßen.“

Auf einen Blick

Neuwahl. Am 8. Dezember wählt die IGGÖ ihre komplette Führung neu – also den Schurarat (quasi das Parlament), den Obersten Rat (die Regierung) und den Präsidenten. Amtsinhaber Ibrahim Olgun kandidiert nicht mehr.

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