„Ein Priester, der so etwas tut, muss verwahrlost sein“

Kardinal Walter Kasper, ein auch von Papst Franziskus geschätzter Theologe, zu Missbrauchsfällen in der Kirche.

Einer der wichtigsten Theologen der Gegenwart, Ex-Kurienkardinal Walter Kasper (r.).
Einer der wichtigsten Theologen der Gegenwart, Ex-Kurienkardinal Walter Kasper (r.).
Einer der wichtigsten Theologen der Gegenwart, Ex-Kurienkardinal Walter Kasper (r.). – (c) ALBERTO PIZZOLI / AFP / pictured (ALBERTO PIZZOLI)

Die Presse: Im Einladungsschreiben für die Missbrauchskonferenz hat der Papst die Aufgabe gestellt, mit Opfern zusammenzukommen. Haben Sie Menschen getroffen, die in der Kirche Opfer von Missbrauch wurden?

Kardinal Walter Kasper:
In der Zeit, in der ich Bischof war, in den 1990er-Jahren, war das Thema Missbrauch nicht so aktuell wie heute. Aber ja, ich habe damit zu tun gehabt. Das waren ganz unterschiedliche Erfahrungen. Viele Opfer sind schwer enttäuscht, sehr betroffen und haben traumatische Wunden davongetragen. Manche hatten das Erlebte zum Teil überwunden. Das hängt von der Persönlichkeit ab und davon, was ein Mensch für Erfahrungen gemacht hat. Gerade deshalb scheint es mir am allerwichtigsten, dass man diesen Menschen begegnet. Man muss mit den Opfern reden, sie anhören und ernst nehmen, ihnen Verständnis und Bedauern entgegenbringen.

Die Erwartungen der Öffentlichkeit an das Treffen kommende Woche im Vatikan sind sehr hoch. Was erhoffen Sie sich?

Erstens, dass das Schwerwiegende dieser Sache bewusst gemacht wird. Das ist in Deutschland schon der Fall, wie auch in den Vereinigten Staaten oder in Irland. Aber es gibt Regionen, in denen nur wenig Bewusstsein für das Thema Missbrauch vorhanden ist. Auch die Einstellungen zur Sexualität oder zum Verhältnis der Geschlechter, die kulturell sehr verschieden sind, muss man bedenken. Zweitens erwarte ich, dass man über die rechtlichen Mittel informiert, die ein Bischof hat und die er auch anwenden muss. Auch das geschieht bei uns bereits, daher werden sicher viele sagen: Das ist doch normal. Aber leider ist es das global gesehen eben nicht. Meine dritte Erwartung ist, dass Überlegungen angestellt werden, was noch unternommen werden muss. Wir sind nicht am Ende der Fahnenstange. Rechtliche Vorgaben kann man nicht in wenigen Tagen erstellen, dazu ist diese Konferenz auch gar nicht befugt.


Vor Kurzem fand die Jugendsynode statt. Hätte man nicht dort das Thema Missbrauch in den Mittelpunkt stellen können?

Eine Synode wird ein, zwei Jahre vorbereitet. Wenn man kurzfristig agieren will, muss man tun, was man kurzfristig tun kann. Ein Treffen dieser Art ist ein Novum. Dieses Treffen ist ein wichtiger Schritt, auf dem man zwar nicht alle Erwartungen abladen sollte, der aber ein Ausgangspunkt ist, von dem aus man sehen muss, wie man weitergeht.

Wohin müsste der Weg führen?

Das Wichtigste scheint mir der Aufbau einer Verwaltungsgerichtsbarkeit zu sein, was schon lang gefordert wird. Man muss in jeder Diözese Ansprechpartner haben, an die man sich wenden kann, Verwaltungsgerichte, wo man sich beschweren kann, wenn nichts geschieht. Natürlich muss sich auch jemand, der als Täter angeklagt wird, beschweren können. Dazu braucht es unabhängige Verwaltungsgerichte, die nicht nur von Klerikern besetzt sein sollten. Wir haben viele Frauen und Männer, die Kirchenrecht studieren.


2005 sprach Joseph Ratzinger, damals Kardinal, vom „Schmutz in der Kirche“. Klare Worte, die zuvor niemand aussprach. Wie haben Sie diese damals aufgenommen?

Ich habe diese Worte als sehr ehrlich empfunden. Es ist das Verdienst des damaligen Kardinals Ratzinger, dass er diese Frage hier in Rom aufgegriffen und eine Kursänderung eingeleitet hat. Und zwar gegen große Widerstände. Als Papst hat er 2010 die Verpflichtung festgeschrieben, in Missbrauchsfällen mit den staatlichen Behörden zusammenzuarbeiten. Bei sexuellem Missbrauch handelt es sich um eine schwere Sünde, aber eben auch um ein Verbrechen.


Papst Franziskus hat 2018 in einem emotionalen Brief an die Gläubigen vom Schmerz der Opfer geschrieben, als eine „Klage, die zum Himmel aufsteigt“. Andererseits hat er in Chile bei Missbrauchsfällen von „Verleumdungen“ gesprochen. Wie glaubwürdig ist Franziskus?

Ich nehme ihm seine persönliche Betroffenheit voll ab. Gerade, wenn es um Kinder geht, ist sexueller Missbrauch ein so abscheuliches Verbrechen. Ein Priester, der so etwas tut, muss innerlich und geistlich verwahrlost sein. Zu Chile: Der Papst ist auf Informationen anderer angewiesen. Offensichtlich ist der Fall ihm gegenüber verharmlost worden. Er hat es dann sofort prüfen lassen, und als die Sache klarer war, hat er sich entschuldigt. Es wird oft gefordert, der Papst müsse direkt am nächsten Tag handeln. Schauen Sie doch einmal, wie lang weltliche Gerichte bei schwierigen Fällen brauchen, bis sie zu einem Urteil kommen. Es ist juristischer Brauch, dass man sich Zeit nimmt, um alles genau zu prüfen.


Nicht nur der australische Kardinal Pell, auch der US-amerikanische Kardinal McCarrick wird des Missbrauchs beschuldigt. Menschen, die quasi zu den höchsten Würdenträgern zählen. Was macht das mit Ihnen, zu wissen, dass diese Männer, mit denen Sie jahrelang eng zusammengearbeitet haben, zu den Tätern zählen?

Vor allem vor McCarrick hatte ich sehr hohe Achtung. 2001 wurde er mit mir zusammen in den Kardinalsstand erhoben, Jorge Bergoglio – Papst Franziskus – übrigens auch. Gerade bei diesen Enthüllungen war ich zutiefst erschüttert und betroffen. Was so etwas mit einem selbst macht? Man fühlt sich mitbeschämt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2019)

Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      „Ein Priester, der so etwas tut, muss verwahrlost sein“

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.