EU-Wahl: Zurück zu den grünen Wurzeln

Bei einem Parteitag in Wien kürten die Grünen Werner Kogler und Starköchin Sarah Wiener zu Kandidaten für die EU-Wahl, bei der sich alles um den Klimaschutz drehen soll.

BUNDESKONGTESS DER GR�NEN: VANA/WIENER/KOGLER
BUNDESKONGTESS DER GR�NEN: VANA/WIENER/KOGLER
BUNDESKONGTESS DER GRÜNEN: VANA/WIENER/KOGLER – (c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Die größte Enttäuschung beim grünen Bundeskongress erwartet einen gleich beim Eingang. Es riecht nicht verlockend nach Rotbarbenfilet mit Fenchel, es hängt auch kein verführerischer Duft von Hirschnüsschen mit Kartoffelschnee und Karamelläpfeln in der Luft. Das Catering kommt nicht von Starköchin Sarah Wiener, die an diesem Samstag für den zweiten Listenplatz der Grünen für die EU-Wahl kandidiert, sondern von einem vegetarischen Lieferservice aus Wien. Es gibt Gemüselasagne und Süßkartoffelgulasch mit Semmelknödeln.

Auch sonst müssen sich die 220 Delegierten und knapp 180 Gäste bescheiden. Es spielt keine Band, es gibt keine großen Poster, keine überdimensionalen Wahlplakate, keinen Einzug der Kandidaten zu lauter Musik. In der Expedithalle in der ehemaligen Ankerbrotfabrik in Wien werfen ein paar LED-Strahler ein grünes Licht an die Wand, vorn steht ein Podium mit einem Rednerpult – da war's.

Der außerparlamentarischen Oppositionspartei fehlt das Geld für eine ausgefallene Inszenierung. Was geblieben ist, ist die Basisdemokratie der Grünen. Und das heißt: Jeder Kandidat muss von den Delegierten auf einen Listenplatz gewählt werden. Wohin das führen kann, hat man 2017 in Linz erlebt. Damals, beim 38. Bundesparteitag, scheiterte Peter Pilz bei der Listenwahl, trat mit einer eigenen Partei an und trug dazu bei, dass die Grünen aus dem Nationalrat flogen.

"Dumme Dumpfbacken"

Jetzt, beim 40. Bundesparteitag, gibt es dieses Risiko erst gar nicht mehr. Die grüne EU-Abgeordnete Monika Vana verzichtet entgegen ursprünglichen Absichten darauf, für den zweiten Platz zu kandidieren, und überlässt ihn der Quereinsteigerin Sarah Wiener. Prominenz geht vor politischer Erfahrung. Und so ist die Starköchin, die erst kürzlich von Berlin nach Wien gezogen ist, ohne Konkurrenz und wird später mit 94,95 Prozent bestätigt werden.

Der Parteitag ist erfrischend unprätentiös und wenig orchestriert. Birgit Hebein, Spitzenkandidatin der Grünen für die Wiener Gemeinderatswahl 2020, verliert sich in ihrer Begrüßungsrede, gibt den Anwesenden aber doch noch mit auf den Weg, dass das, was vor ihnen liege, „kein Lercherl ist“.

Das weiß auch Parteichef Werner Kogler, der sich für den ersten Listenplatz für die EU-Wahl bewirbt. Eine Stunde lang spricht er frei über Gott, die Welt und vor allem den Klimawandel, während er unablässig über die Bühne geht. So wenig lässt er in seiner Rede aus, dass sich Sarah Wiener draußen im Gang fragend an einen Mitarbeiter wendet: „Was soll ich denn noch sagen, er hat ja schon alles gesagt?“

Kogler: („Wir haben kein Geld, wir haben wenig Mitarbeiter, aber wir haben Herzblut und Überzeugung“ – APA/HERBERT PFARRHOFER

Der Politprofi Kogler weiß, wie man Parteifreunde begeistert. Mit Durchhalteparolen („Wir haben kein Geld, wir haben wenig Mitarbeiter, aber wir haben Herzblut und Überzeugung“), mit Angriffen gegen die Regierung, die mit „dümmsten Dumpfbackenargumenten“ agiere, deren Mitglieder die „Haberer“ von Politikern wie Ungarns Fidesz-Chef, Viktor Orbán, seien und vor denen man Europa schützen müsse. Vor allem kennt Kogler das unter anderem durch Schülerstreiks derzeit populärste politische Thema und nützt es, um die ureigenste Stärke der Grünen zu betonten: den Schutz der Umwelt. „Machen wir die EU-Wahl zur Klimawahl!“, ruft Kogler. Nur mit einer gestärkten grünen Bewegung könne der Wandel gelingen, Europa müsse „der Taktgeber des globalen Klimaschutzes“ werden.

Es gebe „keinen anderen Planeten, es gibt nur unseren Heimatplaneten“. Er frage sich, wie es sein könne, „dass wir so einen jungen Kanzler haben, der so zukunftsvergessen ist“. Sebastian Kurz solle „die CO2-Route schließen“. Es kommt noch der Angriff gegen „alte Nationalisten“ und „neue Rechtsextreme“ – all das garantiert ihm am Ende eine Zustimmung von 98,6 Prozent.

Kochen als "revolutionärer Akt"

Sarah Wiener findet doch noch ein Thema, das sie den Delegierten als wesentliches Anliegen präsentieren kann: den Schutz der Lebensmittel, eine nachhaltige Landwirtschaft, das Kochen als „revolutionären Akt“ gegen den Einheitsbrei, den die Industrie anbiete. Sie freue sich über die große Breite der grünen Bewegung, dieses „bunte Beet, in dem so ein Wildkraut wie ich seinen Platz findet“. Ihre Kandidatur für die Partei begründet sie damit, dass es nur bei den Grünen „wirklich um die Menschen“ gehe.

Bei der Diskussion muss sie sich nur einer kritischen Frage stellen, nämlich der nach den Subventionen für ihren Bauernhof in Deutschland. Wiener erklärt die Unterstützung mit dem Umbau des alten Gehöfts und der Umstellung der Bewirtschaftung.

Damit sie den Einzug in das EU-Parlament schafft, müssten die Grünen bei der Wahl mindestens neun Prozent erreichen. Sarah Wieners aktuellstes Kochbuch ist übrigens eines, in dem sie Gerichte von 33 Ereignissen der Weltgeschichte nachkocht, etwa von Caesars Siegesfeier über die Gallier oder den Hauptgang von Barack Obamas zweiter Angelobung als US-Präsident. Man wird sehen, ob es vielleicht ein Süßkartoffelgulasch mit Semmelknödeln auf diese Liste schafft.

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