EU-Talk-Spezial: "Meine Zahlen stimmen nicht? Ihre auch nicht!"

Wer lieferte sich den hitzigsten Schlagabtausch, wer harmonierte und wer konnte (nicht) punkten? Fragen und Antworten zur EU-„Elefantenrunde“ auf „Servus TV“.

EU-Talk-Spezial auf Servus-TV
EU-Talk-Spezial auf Servus-TV
EU-Talk-Spezial auf Servus-TV – (c) Christopher Kelemen, Servus TV

Fünf Spitzenkandidaten und eine Listenzweite haben sich am Donnerstagabend auf „Servus TV“ den Fragen von Moderator Michael Fleischhacker gestellt – aber nicht nur. Gundula Geiginger reichte auch zahlreichen Studiogästen das Mikrofon, die Themen setzen und ihre Positionen gegenüber Karoline Edtstadler (ÖVP), Andreas Schieder (SPÖ), Harald Vilimsky (FPÖ), Claudia Gamon (Neos), Werner Kogler (Grüne) und Johannes Voggenhuber (Initiative 1 Europa) vertreten konnten.

Was war das Konzept? Spitzenkandidaten, die im Fernsehen miteinander (oder gegeneinander) diskutieren, sind in Wahlkampfzeiten keine Seltenheit. Spitzenkandidaten, die reihum die Fragen eines Moderators beantworten, ebenso wenig. Also, dachte sich das Team von „Servus TV“, lassen wir doch Bürger sprechen – und zwar über die Vor- und Nachteile eines europäischen Superstaates ebenso wie über Fluchtbewegungen. Eine Idee, die in der Praxis dazu führte, dass stellenweise nur noch die Studiogäste miteinander diskutierten (und versuchten, sich beim Aufsagen von Zitaten angefangen bei Muhammad Ali bis Friedrich August Edler von Hayek zu überbieten) und die EU-Kandidaten nur mit Nicken oder Kopfschütteln ihre Meinung kundtun konnten.

Was war das dominierende Thema? Fast 100 Minuten galt es zu diskutieren – und zwar über sechs große Themen, die Fleischhacker und Geiginger einleiteten und die Studiogäste ausformulierten. Sie lauteten: Nationalstaat oder europäischer Superstaat? Wie kann Integration funktionieren? Mehr oder weniger Bürgerbeteiligung? Gibt es (Lösungen für) den Klimawandel? CO2-Steuer, ja oder nein? Was tun mit bzw. gegen Glyphosat? Und: Liegt im Sozialstaat die Zukunft? Für jeden Bereich wurde zwar in etwa gleich viel Zeit aufgewendet, jedoch nicht immer auch jedem Politiker gleich viel Antwortzeit zugestanden. So wurde Kogler bei der Flüchtlingsdebatte von Fleischhacker übersehen - er leitete bereits zum nächsten Thema über, als Kogler ungehalten aufrief: „Ja, hätten Sie Zeit, dass ich auch noch zu Wort komme?“

Wer fiel auf - und wer nicht? Voggenhuber gelang es im ersten Viertel der Sendung fast permanent am Wort zu sein - wobei er weniger mit seiner Konkurrenz, als vielmehr gegen einen Studiogast diskutierte: Der Schüler, der gerade seine schriftliche Matura hinter sich gebracht hatte, präsentierte sich als Verfechter des Wirtschaftsliberalismus, was beim ehemaligen Grünen nicht gut ankam, immerhin hätte diese Ideologie „von Argentinien bis Moskau und Griechenland“ nur Krisen gebracht. Den übrigen Teil der Sendung verbrachte Voggenhuber im akustischen Hintergrund - den er sich streckenweise mit Schieder teilte. Mit Zwischenrufen („Das stimmt doch nicht“) immer wieder in den Vordergrund spielten sich hingegen Gamon und Vilimsky - meist, wenn es darum ging, Edtstadler zu kritisieren. 

Wer lieferte sich den hitzigsten Schlagabtausch? Auf diesen Titel gibt es mehrere Anwärter. Zum einen stritten sich Schieder und Vilimsky beim Thema Asyl darüber, wessen Zahlen denn nun die wirklich falschen seien. Während Vilimsky von 4,6 Millionen in der EU gestellten Asylanträgen sprach, unterbrach ihn Schieder und meinte, das könne nicht stimmen, wollte aber keine eigene Zahl nennen. Als Vilimsky jedoch auf eine Zahl pochte, meinte Schieder, er gehe von etwa der Hälfte aus, was Vilimsky ein Lächeln kostete: „Meine Zahlen stimmen nicht? Ich glaube, Ihre auch nicht!“ Dasselbe Thema sorgte für ein lautstarkes Duell zwischen Edtstadler (die türkise Listezweite absolvierte ihre erste „Elefantenrunde“) und Gamon. Während erstere betonte, dass die Regierung sich um Lösungen in und mit den Herkunftsländern der Asylsuchenden bemühe, konterte Gamon: „Was ich nicht mehr aushalte, sind diese sinnentleerten Worthülsen. Sie sagen, wir machen das über Resettlement, das ist unseriös. Das ist genau die Politik der ÖVP - man nimmt Dinge her und dann schmeißt man noch die Balkanroute hinein.“

Wer harmonierte? Äußerst überrascht stellte Edtstadler fest, dass es ein Thema gab, bei dem sie mit Voggenhuber einer Meinung war - nämlich, dass die Fluchtursachen vor Ort bekämpft werden müssten. Weit weniger erstaunt taten Gamon und Kogler ihre Einigkeit kund, als es darum ging, für ein vereintes Europa bzw. „Vereinigte Staaten von Europa“ zu plädieren.

Was war der Sager des Abends? „Jetzt hätte ich fast Herr Orban zu Ihnen gesagt, Herr Voggenhuber“, meinte Fleischhacker in der Debatte, was denn nun der Unterschied zwischen Flüchtlingen und Migranten sei - und entschuldigte sich beim ältesten Spitzenkandidaten erst, als dieser sich um einen Vergleich mit Sigmund Freud bemühte. Weit unverfänglicher war da der Reimversuch von Schieder, der auf die Frage, Nationalstaat oder europäischer Superstaat, kurzum antwortete: „Allen Menschen Recht getan, ist eine Kunst, die keiner kann.“ 

Was ging schief? Zu Beginn der Sendung dürfte ein Glas zu Bruch gegangen sein - jedenfalls erfüllte das entsprechende Geräusch das Studio und sorgte für teils fragende Gesichter. Weit unangenehmer die letzte Sendungsminute, in der sich Fleischhacker nicht gegen seine politischen Gäste durchsetzen konnte. Während er mehrfach versuchte, seine Abmoderation aufzusagen, stritten diese lautstark darüber, was und wie viel verstaatlicht werden sollte. Selbst Fleischhackers Hinweise, dass gleich das Licht ausgehen würde, änderte daran nichts, sodass er letztlich ungehalten in die Kamera sagte: „Und ich sehe, dass es eh keinen interessiert, weil die Politik mit dem Wahlkampf weitermacht.“ 

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