Wo warst du, als Strache zurückgetreten ist?

Die Donnerstagsdemo fand diesmal am Samstag statt, gelöst wie selten und untermalt mit den Vengaboys.

Demonstranten vor dem Bundeskanzleramt.
Demonstranten vor dem Bundeskanzleramt.
Demonstranten vor dem Bundeskanzleramt. – (c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Als hätte Österreich die Fußball-WM gewonnen. Am Ballhausplatz reißen Hunderte die Arme in die Höhe. Sie jubeln, sie lachen, ihre Gesichter strahlen. Gerade hat Vizekanzler Heinz-Christian Strache seinen Rücktritt verkündet.

Bald nachdem am Freitagabend das Video von Strache und FP-Klubchef Johann Gudenus online aufgetaucht ist, machten erste Aufruf zu einer Demonstration die Runde. Samstag, 13 Uhr vor dem Bundeskanzleramt. Als Strache am Samstag vor die Presse tritt, ist es erst kurz nach 12 Uhr. Doch die Menschen sind schon da, noch bevor die Demo offiziell begonnen hat.

Es sind junge Menschen, auch einige Familien mit Kindern sind gekommen. Und die Szenerie erinnert an die alten Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg, als ganze Familien um den Volksempfänger standen und andächtig lauschten. Nur, dass die Menschen heute mit einem ähnlich gespannten Gesichtsausdruck auf ihre Handys schauen. Auf Nachrichtentickern oder im Livestream des ORF – sie alle wollen wissen, was der Vizekanzler und FPÖ-Obmann sagt.

Einer dieser Tage...

Es ist einer dieser Tage, von dem man wohl in vielen Jahren noch weiß, wo man gerade war. Wo warst du, als Kurt Cobain starb? Wo, als die beiden Türme des World Trade Centers in New York nach einem Terroranschlag zusammenkrachten. Und wo warst du, als Strache zurückgetreten ist? Der Tag, als der Vizekanzler der türkis-blauen Koalition abtritt, hat ein ähnliches Potenzial. Nun, zumindest in Österreich. An die 1000 Demonstranten zählt die Polizei um die Mittagszeit, am Nachmittag sollten es an die 5000 werden.

Einige Demosujets kennt man von der Donnerstagsdemo
Einige Demosujets kennt man von der Donnerstagsdemo
Einige Demosujets kennt man von der Donnerstagsdemo – (c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Gerade erst haben Mitglieder der Sozialistischen Jugend Trillerpfeifen verteilt, als im Livestream der Auftritt von Strache beginnt. Immer wieder bricht die Übertragung beim Handy-Public-Viewing ab. Für ein paar Augenblicke überträgt die SJ über den Lautsprecher auf ihrem Kastenwagen – doch auch hier ist es nach ein paar Sekunden wieder ruhig. Und doch, ein paar Wortfetzen kommen dann doch immer durch.

Dass er in eine Falle gelockt worden sei, sagt Strache. Ein sarkastisch-mitleidiges Raunen auf dem Platz. Er entschuldigt sich bei seiner Frau, dem „wichtigsten Menschen in meinem Leben“. Und schließlich sagt er den entscheidenden Satz. Er habe Kanzler Kurz seinen Rücktritt angeboten. Und der hat ihn angenommen.

„Ich kann gar nicht aufhören zu lachen"

Die Menschen wirken glücklich. Als ob eine große Last von ihnen gefallen sei. „Ich kann gar nicht aufhören zu lachen“, sagt eine Demonstrantin. All die Anspannung, die bei den Donnerstagsdemos gegen die Regierung immer wieder zu spüren ist, ist plötzlich einer Leichtigkeit gewichen. Man fühlt sich als Sieger.

Und ja, Häme gehört dazu. „Alkohol vs. FPÖ – 2:0“ ist auf einem Transparent zu lesen. „Adé HC“ auf einem anderen. Und immer wieder Anspielungen auf den Ort, wo ein Video die politische Karriere von Strache wohl gestoppt hat: „Whoah! We're going to Ibiza“, der Partysong der Venga Boys, ist immer wieder zu hören.

Vom Bus der SJ wird immer wieder
Vom Bus der SJ wird immer wieder
Vom Bus der SJ wird immer wieder "Strache raus" in Richtung Bundeskanzleramt gerufen. – Erich Kocina

Nach und nach zeigt sich dann auch die Opposition. Andreas Schieder, Spitzenkandidat der SPÖ für die EU-Wahl, gibt im roten T-Shirt Interviews. Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger meint, es sei „ausgeschlossen, dass diese Regierung weiterhin im Amt bleibt“. Auch Werner Kogler und Sarah Wiener, die grünen Spitzenkandidaten, kämpfen sich durch die Menge. Aus dem Lautsprecher des SJ-Wagens dröhnt „Bella Ciao“. Und als danach das Anti-Nazi Lied „Schrei nach Liebe“ der Ärzte einsetzt, wird das „Arschloch“ im Refrain von der Menge mitgeschrien.

Warten auf Sebastian Kurz

Und dann? Dann beginnt das Warten auf Sebastian Kurz. Wird er die Koalition auflösen, Neuwahlen ausrufen? Oder doch mit einer personell veränderten FPÖ weiterregieren? Die Meinung der Demonstranten am Ballhausplatz ist klar: „Neuwahlen“ skandieren sie. Und dazwischen immer wieder „Widerstand“.

Von 14 Uhr ist die Rede – dann soll der Kanzler ein Statement abgeben. Dann ist es plötzlich 15 Uhr. Und irgendwann wird klar – das wird noch länger dauern. Gegen halb vier ist die offiziell angemeldete Demo vorbei. Die inoffizielle geht noch länger weiter. Um 19.45 Uhr ist das Statement von Sebastian Kurz angekündigt.

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