Ernest Kaltenegger: "KPÖ ist die Partei der Zukunft"

Sonntagsspaziergang. Er machte die KPÖ in Graz zur drittstärksten Partei und führte sie zurück in den Landtag. Für Kaltenegger gibt es ein Leben nach der KPÖ. Aber gibt es für die KPÖ ein Leben nach Ernest Kaltenegger?

Ernest Kaltenegger KPoe Partei
Ernest Kaltenegger KPoe Partei
(c) Höfler

Aha“, kommentiert er den ersten Zwischenstopp trocken. Zwei Handgriffe später baumelt das Hundstrümmerl im Sackerl, der Gehsteig ist wieder sauber, der Hund wedelt zufrieden. Und Ernest Kaltenegger widmet sich wieder seinem Ärger über die Untätigkeit der Politik in Sachen Glücksspielverbot. „Das ist einfach schlimm“, schimpft er.

Das Thema wird ihn auch weiterhin beschäftigen – trotz Abgangs von der politischen Bühne. Anfang des Sommers hat Ernest Kaltenegger seine letzte Landtagssitzung absolviert. Aus gesundheitlichen Gründen wird sich der 60-Jährige zurückziehen. „Es ist schön, bestimmte Sachen nicht mehr machen zu müssen“, sinniert er, nachdem er fast drei Jahrzehnte Mandatar war. Nichts Ungewöhnliches im Land der Berufspolitiker. Schon ungewöhnlich ist die parteipolitische Heimat, in die diese Langzeitkarriere eingebettet ist: die KPÖ. Kaltenegger führte sie bei Wahlen in ungeahnte Höhen und verschaffte ihr Respekt. Aus den mitleidig belächelten „Kummerln“ wurden die geachteten „Kommunisten“. Am Ende schaffte Kaltenegger das, was so gar nicht seinem Naturell und Ziel entspricht: Er wurde medial zur Ikone und Lichtgestalt hochstilisiert, das Kürzel KPÖ als „Kaltenegger-Partei“ übersetzt. Aus dem exotischen Relikt einer Ostblockpartei schälte sich ein Ein-Mann-System, dem die Sympathien zuflogen.

Als er Anfang der 1980er-Jahre in Graz das einzige Gemeinderatsmandat der KPÖ übernahm, rangierte die Partei bei 1,8 Prozent. 1993 kam man mit 4,2 Prozent schon in den Schlagschatten der Grünen (5,3%), fünf Jahre später überholte man mit 7,8 Prozent die Ökopartei (5,6 %) schon, bevor 2003 der absolute Durchbruch erfolgte. Mit knapp 21 Prozent wuchs Kalteneggers Partei zur drittstärksten Fraktion im Stadtparlament. Zwei Jahre später bei der Landtagswahl nutzte man das anhaltend positive Klima, ließ Grüne und FPÖ auch überregional hinter sich und rutschte das erste Mal in der Zweiten Republik wieder in den Landtag. Und dort will man auch nach der bevorstehenden Wahl am 26. September bleiben. Obwohl das einstige Zugpferd im Stall bleibt. Kaltenegger: „Weil der letzte Elan fehlt. Es reicht nicht, das mit Routine überdecken zu wollen – da braucht es neuen Schwung.“

Weit weg vom Hammer-und-Sichel-Muff von Marx und Engels etablierte sich Kaltenegger als unideologischer („Das Erstellen von Parteiprogrammen gehört nicht zu meinen Steckenpferden“), unbürokratischer und unbeirrbarer Sozialpolitiker mit gelebter Bürgernähe. Auf sein Betreiben hin behalten sich KPÖ-Mandatare seit 1998 nur ein Gehalt auf Facharbeiterniveau (derzeit 2000 Euro). Der Rest des Politikereinkommens wird sozialen Zwecken gespendet. „Ohne dass jemals eine politische Gegenleistung angesprochen oder eingefordert wird“, beeilt sich der gebürtige Obersteirer anzufügen. 7000 Menschen hat man derart bisher mit mehr als 800.000 Euro unter die Arme gegriffen. Kaltenegger brachte es zu einem fast priesterlichen Image als „Engel der Armen“.

Man kennt das lächelnde Gesicht hinter dem grauen Brillenrahmen. Der auf seinem Dienstmotorrad vorbeistotternde Briefträger winkt, Passanten grüßen, ein Händeschütteln hier, ein kurzes Gespräch dort. Die Aufmerksamkeit für das Gegenüber ist bei derartigen Treffen aber nicht mehr ganz ungeteilt, seit Kaltenegger auch Hundebesitzer ist. Lucky, ein fünf Monate junger Flat Coated Retriever, ist zum ständigen Begleiter geworden. „Definitiv kein Kampfhund“, beruhigt Kaltenegger augenzwinkernd, während der Hund einen Artgenossen wild wedelnd begrüßt, ihn abschleckt und sich vor ihm auf den Boden wirft. Bis zu fünfmal pro Tag entführt Lucky sein Herrl in den Leechwald, eine Grünoase im Nordosten des Stadtgebiets zwischen den bürgerlichen Wohngebieten der Bezirke Mariatrost und Ries. Selbst hier konnte die KPÖ dank Kalteneggers massiv (Protest-)Stimmen sammeln, wenn zuletzt auch deutlich weniger.

„Wir haben uns auf einem relativ guten Niveau etablieren können“, relativiert Kaltenegger die 11,2 Prozent bei der Gemeinderatswahl 2008. „Die KPÖ ist eine Partei der Zukunft“, glaubt er ganz allgemein. Es sei „möglich und wahrscheinlich, dass es links von der SPÖ noch etwas Stärkeres geben wird – ob durch die KPÖ allein oder mit einem Bündnis“. Nur sicher ohne ihn. „Man muss einen Schlussstrich ziehen können“, sagt er und zieht Lucky an der Leine aus dem Unterholz. Das Ende ist ein Anfang. In wenigen Wochen beginnt die Hundeschule.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2010)

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