Besuch im Regierungsbunker

360 Grad Österreich: Das streng geheime Österreich, das dann doch nicht so geheim ist. Vom "strengsten Staatsgeheimnisse Österreichs", dem Regierungsbunker in St. Johann im Pongau, bis zur Sprengfalle auf der A1.

(c) Clemens Fabry

Um an Österreichs „geheimsten Ort“ zu kommen, fährt man durch St. Johann im Pongau auf der B311 nach Süden. Bei der BP-Tankstelle biegt man rechts ab und dann gleich links auf die Alpendorfstraße. Nach einigen Metern geht es wieder links in eine lange Kurve auf die Liechtensteinklammstraße. Die führt mehr oder weniger direkt zur „Einsatzzentrale Basisraum“ (EZ/B).

Falls man sich verfährt, ist das auch kein Problem. Man fragt einfach irgendjemanden auf der Straße nach dem Regierungsbunker. Es gibt niemanden hier, der „eines der strengsten Staatsgeheimnisse Österreichs“ nicht kennt.

Die Anführungszeichen kommen vom Büro des Verteidigungsministers und sind aus mehreren Gründen bemerkenswert: Einmal, weil ein Sprecher des Ministers wieder einmal beweist, dass man alles steigern kann – „rund“, „geheim“ oder „verboten“. Es ist ja hierzulande etwas nicht einfach nur verboten – wenn man es wirklich ernst meint, erklärt man es für „strengstens verboten“.

Zweitens aber zeigt es, dass es bei allem Ausnahmen gibt. Es ist wie die alte Weisheit, dass in Deutschland alles verboten sei, was nicht ausdrücklich erlaubt ist, in Frankreich alles erlaubt sei, wenn es nicht ausdrücklich verboten ist, und in Österreich alles erlaubt sei, auch wenn es ausdrücklich verboten ist.

Im Büro von Norbert Darabos erklärt man also, dass man mehr oder weniger jeden erschießen muss, der als „nicht strengster Geheimnisträger“ einen Blick in den Bunker wirft. Als der Minister freilich vor einigen Jahren dem Regierungsbunker einen Besuch abstattete, nahm er dazu den Fotografen eines Boulevardblattes mit, der viele Bilder schoss und dabei möglicherweise unbewusst auch umherliegendes Geheimmaterial ablichtete, wie das BZÖ in einer parlamentarischen Anfrage fürchtete.

Die nüchterne Antwort muss lauten: Wen kümmert's. Die EZ/B wurde Ende der 1970er-Jahre, als der Kalte Krieg besonders kalt war, unter „strengster Geheimhaltung“ um drei Milliarden Schilling einen Kilometer tief im Heukareck errichtet. Der Bunker, dessen oberer Eingang durch ein Wohnhaus getarnt ist, hat fünf Stockwerke, auf die aufgeteilt die Verteidigung Österreichs bei einem Einmarsch des Ostens organisiert worden wäre.

Selbst wenn der Feind nicht gewusst hätte, wo der Regierungsbunker ist, darf man bezweifeln, dass das im Ernstfall einen großen Unterschied gemacht hätte. Genauso wenig wie die hunderten „streng geheimen“ Militärdepots, die bis 1995 überall in Österreich angelegt waren – in Wäldern, Tälern, sogar auf Bergen hatte man Waffen, Munition und Sprengstoff für einen Abwehrkampf gehortet, etwa auf der Spandl-Alm im Salzburger Lungau.

Eine Ebene des Bunkers, daher der umgangssprachliche Name „Regierungsbunker“, dient noch immer als Notquartier der Bundesregierung – kein Luxusappartement, sondern schlichte Feldbetten und Holztische, wie Journalisten berichten, die einen Blick in den Bunker geworfen haben und nicht erschossen wurden.


Wien hätte man aufgegeben.
St.Johann wählte man aus geologischen, aber auch strategischen Gründen: In der Mitte Österreichs in den leichter zu verteidigenden Bergen und abgelegen von Wien, das man im Kriegsfall zur „offenen Stadt“ erklärt hätte. Heißt: Man hätte es sofort aufgegeben.

Ob man freilich den Ministern und dem Bundespräsidenten mit dem Pongau einen Gefallen getan hat, bleibt dahingestellt: Die Gegend ist zwar recht nett, aber im Winter durch mangelnden Sonnenschein so unerfreulich, dass Thomas Bernhard einst über das Leben hier schrieb (in „Die Kälte“): „Welche infame Scheußlichkeit hat sich der Schöpfer hier ausgedacht, was für eine abstoßende Form von Menschenelend.“ Man mag Bernhard hier auch nicht.

Geheimer als die EZ/B ist schon ein anderes Überbleibsel aus der Zeit, als die Neutralität Österreichs noch einen Sinn hatte: der Regierungsbunker in der Wiener Stiftskaserne, dessentwegen sogar die Linienführung der U-Bahn-Linie3 verändert werden musste. Und auch die spezielle U-Bahn-Station unter dem Ballhausplatz kennen nur wenige, über die die Regierung aus der Stadt geschafft werden kann.

Oder auch die Sprengschächte auf den Autobahnen. 150 waren es, mit denen man einen Vormarsch feindlicher Truppen behindern wollte. Die „Zeit“ berichtete vor einigen Jahren, dass das Heer den Ernstfall sogar alle zwei Jahre übte: Der entsprechende Autobahnabschnitt sei als Baustelle getarnt worden, Soldaten hätten den Sprengstoff aus den Depots geholt und in die Schächte unter der Fahrbahn gestopft.

Das Bundesheer hatte, als es noch nicht infrage gestellt worden war, eine fantastische Parallelwelt in Österreich aufgebaut – beispielsweise mit den 500 Bunkern, die an strategischen Stellen in Österreich platziert waren. Die „festen Anlagen“ waren mit allem, was man für den Kriegsfall benötigt, ausgestattet: einer Panzerkanone, Betten, Waschraum – sogar ein Holzsarg gehörte zur Standardausrüstung. 1956 baute man die ersten, 1960 gab es die Anlagen flächendeckend überall dort, wo ein Durchmarsch fremder Panzerarmeen zu erwarten gewesen wäre: In der Brucker und Eisenstädter Pforte, dem Wald- und Mühlviertel, an den Eingängen zum Salzkammergut, im Inntal, aber auch an Pässen wie Loibl-, Wurzen- oder Brennerpass. Im Mühlviertel waren sogar russische T-34-Panzer eingebaut.

Bei den Bunkern steigerte man „geheim“ übrigens nicht einmal in den Komparativ. Man habe ja gewollt, dass der Feind wisse, wie gut man gerüstet sei, erklärt ein Offizier.

Mittlerweile sind die Bunker abverkauft: Um ein paar tausend Euro konnte man eine Anlage erstehen. Ein paar Käufer nutzen sie als Partyraum, einer betreibt eine Champignonzucht in einem Bunker, in Kärnten gibt es ein Bunkermuseum, und viele Bauern lagern ihren Wein in den feuchten Anlagen. Damit erfüllt sich zumindest teilweise die Vorhersage des Propheten Micha: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen.“ Und ihre Bunker zu Weinkeller.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2010)

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