"Strache heult sich zuhause die Augen raus"

Regisseur Hüseyin Tabak erklärt im Interview mit DiePresse.com, was ihn an den Aussagen des türkischen Botschafters gefreut hat und warum Josef F. nicht integeriert war.

(c) Presse.com (Streihammer)

DiePresse.com: Sie haben in der Diskussion um die Aussagen des türkischen Botschafters in Wien, Kadri Ecvet Tezcan, gesagt, Sie hätten sich über das Interview gefreut. Warum?

Hüseyin Tabak: Ich habe mich vor allem darüber gefreut, dass überhaupt einmal jemand etwas gesagt hat. Über die einzelnen Äußerungen des Botschafters kann man reden, aber ich war froh, dass einmal jemand von der Migranten-Seite gesagt hat, wie man sich hier fühlt. Ich finde es schade, dass bei der Diskussion über Integration unsere Seite nicht so oft gefragt wird und dass über unseren Kopf hinweg Wahlkampfspielchen gemacht worden sind. Inhaltlich gibt es unter den Aussagen des Botschafters aber einzelne Punkte, wo ich sagen würde, das ist ein bisschen zu viel.

Welche Punkte sind das?

Tabak: Ich bin Deutsch-Kurde, und wir Kurden schmunzeln immer, wenn die türkische Regierung im Ausland darüber redet, dass man Türkisch lernen soll. Kurden in der Türkei haben keinen kurdischen Unterricht in den Schulen. Der Botschafter kann sich außerdem Türkisch als Maturasprache in Österreich vorstellen - aber Türkisch ist schließlich keine Weltsprache. Das wäre vielleicht unpassend. Außerdem glaube ich, was die Religionsfreiheit betrifft, dass Länder wie Österreich und Deutschland total offen sind. Aber mit anderen Dingen, zum Beispiel wie man sich hier fühlt, hat der Botschafter schon recht.

Dazu hat er ja gesagt, dass sich Menschen mit türkischer Herkunft wie ein Virus behandelt fühlen.

Tabak: Ich habe selbst mehrmals erlebt, dass man hier anders angesehen wird als etwa ein Engländer oder ein Franzose. Das sind zwar auch Ausländer, aber die werden nicht so angesehen wie Türken, Araber oder Afrikaner. Ich glaube nicht, dass das daran liegt, dass die Österreicher böse Menschen sind, sondern dass mit der FPÖ eine Partei diese Luft verbreitet - diese „Die Ausländer sind Schuld"-Luft.

Fühlen Sie sich in Österreich anders behandelt als in Deutschland?

Tabak: Ja, das was ich hier erlebe, habe ich in Deutschland nicht erlebt. Der größte Unterschied ist wohl, dass die deutsche NPD ehrlich ist - da weiß man sofort, woran man ist. Die FPÖ versprüht die Ausländerfeindlichkeit nicht so direkt. Die NPD sagt „Ausländer raus", und das denken bei der FPÖ die Führungspersonen und Funktionäre sicher auch, aber die sagen es nicht. Deshalb kommt die NPD nie über 5 Prozent, aber die FPÖ kriegt 27 Prozent.

Mit den 27 Prozent sprechen Sie die Wien-Wahl an. Wie haben Sie den Wiener Wahlkampf empfunden?

Tabak:  Die anderen Parteien haben es wirklich schwer mit diesem Heinz-Christian (Strache, FPÖ-Chef, Anm.). Eigentlich dürfte man ihn nicht beachten, aber dann könnte er machen, was er will. Er stellt sich auch wirklich clever an. Ich bin sicher, er ist total unglücklich, weil er in der Öffentlichkeit nicht so sein kann wie er ist. Er heult sich bestimmt zuhause die Augen raus, weil er nicht schreien kann „Ausländer raus".

Haben Sie Strache schon einmal persönlich getroffen?

Tabak: Nein, ich würde ihn aber gern mal treffen.

Was würden Sie ihm dann sagen?

Tabak: Ich würde gerne unter vier Augen seine wirkliche Meinung hören und fragen: "Warum sind Sie nicht ehrlich zur Öffentlichkeit und sagen, dass Sie eine faschistische Partei sind." Sie beurteilen Menschen nach Religion und Kultur sehen die eigene als Höhere an.

Ich würde ihn jedenfalls beim Vornamen nennen. 'Herr Strache' würde ich erst sagen, wenn ich merke, dass er auch Menschen mit anderer Herkunft respektiert.

Würden Sie sagen, dass es in Wien Parallelgesellschaften und Ghettos gibt?

Nicht in der Art wie in London oder Paris. Wien ist da auf einem guten Weg, man muss nur ein bisschen Geduld haben. Man kann von den türkischen Omas und Opas nicht erwarten, dass sie Deutsch lernen, aber man kann es von den Jüngeren erwarten.

Josef F. ist auch nicht integriert gewesen


Menschen mit Migrationshintergrund, die beruflichen Erfolg haben - wie Sie - werden in der Öffentlichkeit gerne als „Vorzeige-Migranten" präsentiert. Sehen Sie sich selbst auch als Vorbild?

Tabak:  Ich sehe in meinem Umfeld schon, dass mich die jüngeren als Vorbild betrachten, und ich stelle mich auch gerne zur Verfügung (lacht). Ich bin aber auch in Deutschland geboren und aufgewachsen, und da hatte ich es natürlich leichter als Menschen, die mit 9 oder 10 hierhergezogen sind. Menschen, die hier geboren sind, würde ich es vorwerfen, wenn sie die Sprache nicht können.

Auf der anderen Seite ist Sprache auch nicht alles. Ich habe einmal bei einer Diskussion jemanden gefragt: „Meinst du, dass ich integriert bin?", und er sagte „ja". Ich habe erwidert: "Woher weißt du, ob ich nicht vielleicht jeden Tag meine Frau schlage und nicht will, dass sie rausgeht?" Nur weil ich perfekt Deutsch kann, heißt das nicht, dass ich perfekt integriert bin. Integration ist nicht nur Sprache, es geht darum dass man sich in die Gesellschaft einfügt. Josef F. ist auch nicht integriert gewesen, obwohl er Österreicher ist.


Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat unlängst den Multikulti-Ansatz für gescheitert erklärt. Stimmen Sie zu?

Tabak: Überhaupt nicht. Das soll sie zum Beispiel mal dem Regisseur Fatih Akin sagen. Wenn Multikulti gescheitert ist, warum kann er so tolle Filme machen? Der Typ ist multikulti.

Das ist eine Ohrfeige für Millionen von Menschen in Deutschland, die mit mehren Kulturen aufgewachsen sind und damit auch umgehen können. Nur weil Thilo Sarrazin jetzt Leute an den Pranger gestellt hat, muss man nicht alles hinterfragen.

Haben Sie das Buch von Sarrazin gelesen?

Tabak: Ich hab mir fest vorgenommen, es zu lesen. Bisher kenne ich nur die Auszüge aus den Medien.

Eine seiner Thesen lautet ja, dass die Deutschen immer dümmer werden, weil Migranten aus der Türkei und Afrika ein niedrigeres Bildungsniveau haben.

Tabak: Das mit dem Bildungsniveau ist ja auch ein zweischneidiges Schwert. Bei mir war es so, dass meine Volksschul-Lehrerin unbedingt wollte, dass ich auf die Hauptschule gehe. Meine Mutter hat sich aber kreuz und quer gestellt. Ich musste dann extra Prüfungen machen, um aufs Gymnasium zu gehen, bei denen ich nur Einsen hatte. Ich habe von anderen Menschen mit Migrationshintergrund erfahren, dass es ihnen genauso ging. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass die meisten Hauptschüler Migranten sind.

Haben Sie noch andere ähnliche Erfahrungen gemacht, wo sie sich diskriminiert fühlten?

Tabak: Das war sicher die größte. Ansonsten das „Übliche"- etwa, dass Menschen sich trauen, laut neben einem schlecht über Ausländer zu reden. Zum Beispiel haben einmal im Fitnessstudio nur zwei Meter neben mir zwei Männer laut gesagt, man müsste alle Ausländer auf die Donauinsel bringen und einen Zaum drumherum errichten.

'Türke' hört sich bei den meisten schon wie ein Schimpfwort an

Wenn Sie in Österreich für Integrationspolitik zuständig wären, was wäre das Erste, das sie ändern würden?

Tabak: In Schulen mit hohem Migrantenanteil würde ich extra Lehrbeauftragte abstellen, die sich auch um die Familien kümmern und ihnen verständlich machen, dass das Kind die Hausaufgaben machen muss und Deutsch lernen muss. Im Kulturbereich würde ich zum Beispiel multikulturelle Straßenfeste einführen und Filmfestivals fördern. Es gab in Wien ein kurdisches Filmfestival, das bekam nur Förderungen im vierstelligen Bereich. Dadurch musste es sehr klein gehalten werden. Wenn man Milliarden in Eurofighter stecken kann, kann man auch ein bisschen was in die Integration stecken.

Außerdem muss in der Öffentlichkeit und in den Medien die Stimmung verbreitet werden, dass wir jetzt miteinander etwas machen wollen. Nicht nur dieses „das sind die Türken" - bei den meisten hört sich das schon wie ein Schimpfwort an.

Und auf Seite der Migranten - welche Dinge laufen da schief bei der Integration?

Tabak: Man sollte darauf schauen, dass die eigenen Kinder Deutsch lernen, dass sie sich im Fernsehen nicht nur türkische Kanäle anschauen. Ich glaube, sogenannte Parallelgesellschaften entstehen vor allem, weil man sich nicht traut zu den Österreichern Kontakt aufzunehmen. Es reicht schon, wenn man morgens im Treppenhaus „Grüß Gott" zum Nachbarn sagt. Meine Frau und ich machen das jeden Tag, und es machen auch viele andere. Aber wenn dann wieder Hetze betrieben wird, trauen sich beide Seiten nicht mehr, sich im Treppenhaus anzusehen. Und diese Hetze ist das Problem - das Problem Österreichs ist einfach die FPÖ.

Zur Person

Hüseyin Tabak, Deutsch-Kurde, wurde 1981 in Lemgo in Nordrhein-Westfalen geboren. Seit 2006 studiert er an der Filmakademie Wien Regie und Drehbuch. Mit seinem ersten Akademie-Kurzfilm "Cheeese" feierte er 2008 internationale Erfolge. Sein Dokumentar-Film "Kick off" erhielt heuer den Wiener Filmpreis im Rahmen "Viennale".

Kommentar zu Artikel:

"Strache heult sich zuhause die Augen raus"

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen