Berlakovich-Wutanfall: Wenn Bengel reisen

Berlakovich bekam in Paris einen Wutanfall, Mock spazierte in Shorts durch das Morgenland, Gusenbauer schickte Beleidigungen aus Südamerika: Warum Ausflüge in die weite Welt für heimische Politiker so gefährlich sind.

BerlakovichWutanfall Wenn Bengel reisen
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Berlakovich – (c) AP (RONALD ZAK)

Die Sonne über Jordanien wärmte entschieden besser als die Sonne daheim in Euratsfeld. Der Gastgeber schien grundsätzlich ein lockerer Typ zu sein. Außerdem wuchs nirgendwo stacheliges Gestrüpp, vor dem man sich in Acht nehmen müsste. Auf dem Programm stand ein Yachtausflug, der schwarze Zweireiher kam also nicht in Frage. Was war zu tun?

Außenstehende können natürlich nur mutmaßen, welche Überlegungen Alois Mock durch den Kopf gingen, als er im Sommer 1987 in seinem Hotelzimmer vor dem von Gattin Edith liebevoll gepackten Koffer stand und über das richtige Outfit nachdachte. Mock hat es sich bestimmt nicht leicht gemacht. Einen Staatsbesuch beim König der Haschemiten absolviert man schließlich nicht alle Tage. Da fiel sein Blick auf ein Stück blau-grau gestreiften Stoff; leicht, atmungsaktiv, wie gemacht für heiße Stunden. Der Außenminister war erleichtert. Damit würde der Ausflug sicher sehr nett werden.

Seither gibt es diese Fotos: Alois Mock in Polo-Shirt und kurzer Hose, darunter die vom niederösterreichischen Wetter gebleichten Beine, weiße Socken und Sportschuhe. Die Wähler daheim waren sprachlos, die Zeitungen quollen über vor Spott. Und die Grünen, damals ziemlich neu im Nationalrat, richteten „in tiefer Sorge um Österreichs Ansehen“ eine parlamentarische Anfrage an den Minister: „Sind Sie bereit, eine klare und unmissverständliche Trennlinie zum Tanga zu ziehen?“

Alois Mock hat in seinem weiteren politischen Leben noch viel geleistet. Aber ganz vergessen wurde ihm der peinliche Auftritt in Hot Pants nie. Sein modisches Waterloo ließ sich nicht mehr aus der Welt schaffen.

Lieber ein paar Reisen weniger

Der ehemalige ÖVP-Obmann kann sich immerhin damit trösten, dass er nicht der einzige Politiker war, der im Ausland Anlass zum Fremdschämen bot. Dienstreisen oder halboffizielle Urlaube gehören zum Gefährlichsten, das ein Mandatar unternehmen kann. Außerhalb ihres gewohnten Umfelds und ohne ihre bewährten Berater sind Politiker oft genug ziemlich hilflos. In nahezu jeder Ministerbiographie findet sich der eine oder andere Ausflug in die weite Welt, der besser unterblieben wäre.

Vergleichsweise harmlos sind da noch die textilen Ausnahmezustände, zu denen eine Fernreise führen kann. Als sich etwa der damalige Wirtschaftsminister Martin Bartenstein 2007 nach Kasachstan aufmachte, hatte er vermutlich nur die Verbesserung der ökonomischen Beziehungen im Sinn. Doch die Gastgeber nötigten ihn, ihre Landestracht anzuprobieren. Der schlaksige Bartenstein sah in dem langen, prächtigen Gewand aus wie ein Multi-Kulti-Nikolo. „Wer darüber nicht schmunzeln kann, dem fehlt der Humor, den man in der Politik braucht“, erklärte Bartenstein später trotzig.

Pröll ließ sich in buntes Tuch wickeln

Finanzminister Josef Pröll und Bartensteins Nachfolger Reinhold Mitterlehner haben für Witze auf eigene Kosten offenbar auch viel Verständnis. Beim heurigen Staatsbesuch in Indien ließen sich die beiden widerspruchslos in mehrere Quadratmeter buntes Tuch wickeln.

Das Anlegen der Landestracht und freiwilliges Herumhopsen bei Volkstanzgruppen können wenigstens noch als Versuche der Verbrüderung durchgehen. Man kennt das Phänomen von bayerischen Touristen in Salzburg, die für bocksteife, zwickende Lederhosen bereitwillig ganze Monatsgehälter hinlegen. Ein bisschen lächerlich, aber ganz sympathisch.

In eine ganz andere Kategorie fallen Verstöße gegen simple Regeln des guten Benehmens. Was sich Umweltminister Nikolaus Berlakovich neulich auf dem Pariser Airport leistete, ist weder mit Heimweh noch mit Reisekopfschmerz zu erklären. Berlakovich wollte zum Klimagipfel in Cancún, verpasste aber seinen Anschlussflug und wurde versehentlich behandelt wie ein ganz normaler Mensch. Das heißt, er bekam einen 25-Euro-Essensgutschein undwurde in ein billiges Hotel verfrachtet.

Die meisten Touristen nehmen solch einen Schicksalsschlag zum Anlass, um an der Bar über den nächsten Urlaub daheim oder im Wohnwagen nachzudenken. Berlakovich dagegen beschloss, seinem pannonischen Temperament nachzugeben. Augenzeugen erlebten einen regelrechten Tobsuchtsanfall des Ministers. Sein Zorn richtete sich gegen die österreichische Botschaft, die keine schnellere Abwicklung ermöglicht hatte („ein Saustall!“) sowie gegen die Fluglinie („Nie wieder Air France!“). Immerhin zeigte der Vorfall, wie schnell die heimische Politik agieren kann, wenn wirklich Not am Mann ist: Die an der österreichischen Botschaft in Paris beschäftigte Landwirtschaftsattachée Birgit Hell wurde umgehend ihres Postens enthoben. Berlakovich hält sein Verhalten für gerechtfertigt: „Das war ja kein Ausflug von mir. Da geht es um unsere Zukunft“, sagte er.

Der Minister traf dann doch noch wohlbehalten in Mexiko ein. Sein guter Ruf gilt seither jedoch als verschollen. Noch so viele hübsche Fotos mit Weinköniginnen oder Rekordkürbissen werden diesen Ausraster nicht aus der Welt schaffen.

Von eigenartigen Manieren zeugte auch Wolfgang Schüssels legendärer Ausrutscher fern der Heimat. Bei einem Frühstück am Rande eines EU-Gipfels in Amsterdam soll der damalige Außenminister den Präsidenten der Deutschen Bundesbank, Hans Tietmayr, launig als „richtige Sau“ bezeichnet haben. Anwesende Journalisten wollen auch gehört haben, dass Schüssel über einen „Schweden, den Trottel“ sprach. Der Politiker hat diese Aussagen zwar konsequent bestritten, Berichte darüber aber nie geklagt. Um Hans Tietmayr von seiner Unschuld zu überzeugen, flog Schüssel bald darauf nach Frankfurt zu einem Gespräch „unter Männern“.

„Kaum nach 16 Uhr“

Reisen erweitert den Horizont, das ist bekannt. Manche Dinge sieht man plötzlich viel klarer als zu Hause. Und die Vielzahl neuer Reize löst offenbar auch die Zunge. Beides kann der ehemalige SP-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer auf Anfrage sicher gerne bestätigen. Im Mai 2008 war er auf Besuch in Argentinien und hielt vor dem dortigen Kongress eine Rede. Angesichts der Tageszeit und der vollen Ränge sah sich Gusenbauer zu einem kleinen Witz auf Kosten der eigenen Landsleute veranlasst: „Bei uns sind Senatoren nach 16 Uhr kaum noch bei der Arbeit anzutreffen“, feixte er. Den Argentiniern wird das gut gefallen haben, die Parlamentarier in Österreich waren verschnupft. Gusenbauer musste zum Rapport bei Nationalratspräsidentin Barbara Prammer erscheinen. Diese hatte, auch nicht unboshaft, den Termin extra auf 16.30 Uhr gelegt.

Ein paar Monate vorher hatte es schon Aufregung gegeben, weil Gusenbauer bei einem Privatflug mit der Familie nach Bangkok ein kostenloses Upgrade in die Business-Class genossen hatte. Die Basis dafür lieferten Flugmeilen, die er als Politiker (und somit auf Staatskosten) angesammelt hatte. Gusenbauer bezahlte das Upgrade schließlich aus der eigenen Kasse.

Privat konsumierte Vergünstigungen aus Bonusprogrammen sind ein Dauerbrenner unter den Polit-Skandälchen. In Deutschland traten deswegen schon mehrere Spitzenpolitiker zurück. In Österreich sieht man das nicht so eng. Schon drei Jahre vor Gusenbauer hatte der damalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser zwei Economy-Tickets für die Malediven gekauft, um dann ohne Aufpreis in der Business-Class zu fliegen. Eine kleine Zusatz-Peinlichkeit war auch noch drin: Dass Grasser trotz der Tsunami-Katastrophe weiterhin seinen Urlaubsfreuden gefrönt hatte, sorgte daheim für Unverständnis. Die Regierung der Malediven habe ihn gebeten, zu bleiben, um die Hilfsmaßnahmen zu unterstützen, erklärte Grasser. Bis heute fand sich leider kein Inselpolitiker, der diese Version bestätigen konnte.

Große Gefühle in Paris

Der Flughafen Charles de Gaulle ist für österreichische Spitzenpolitiker offenbar ein schwieriges Pflaster. Nikolaus Berlakovich ist jedenfalls nicht der Einzige, dem in Paris die Emotionen durchgingen. Von Karl-Heinz Grasser erschienen seinerzeit Fotos, die ihn ebendort beim ganz engen Kuscheln mit Fiona Swarovski zeigten. Er habe sich auf dem Airport „sehr privat gefühlt“, erklärte Grasser anschließend.

Nur wenige Dienstreisen zeitigen so heftige Nachwirkungen wie Jörg Haiders Besuche beim irakischen Diktator Saddam Hussein. Bis heute ist nicht geklärt, wer die Ausflüge bezahlt hat, und auch nicht, wie viel irakisches Geld in der Folge nach Kärnten floss. Ein Rätsel muss wohl auch bleiben, was Haider im Wüstensand überhaupt zu suchen hatte. Falls er daheim größtmöglichen Unfrieden erzeugen wollte, kann die Aktion als gelungen gelten: „Jetzt ist er vollkommen durchgeknallt“, resümierte der damalige Grünen-Chef Alexander Van der Bellen im Februar 2002.

Als kleiner Trost bleibt den Österreichern die Erkenntnis, dass auch Politiker anderer Staaten im Ausland nicht immer gute Figur machen. Unvergessen ist etwa der Auftritt von Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy beim G-8-Gipfel in Heiligendamm vor drei Jahren. Sachte schwankend und mit entrücktem Grinsen trat er eine halbe Stunde zu spät vor die Kameras. Sarkozy trinke niemals Alkohol, beteuerten seine Mitarbeiter. Was immer er sonst konsumiert haben mag: Es wird hoffentlich nie einem österreichischen Staatsgast serviert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12. Dezember 2010)

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